Gastbeitrag: Der Maßstab der Freiheit (Autor und Schauspieler Aciel Martinez Poll über Kuba)
Am 17. September stand ich in Freiburg auf der Bühne. Was dieser Abend über Freiheit lehrt, fasst ein Satz:
Am 17. September stand ich in Freiburg auf der Bühne. Was dieser Abend über Freiheit lehrt, fasst ein Satz: Freiheit wird nicht am Applaus gemessen, sondern am Preis, den man zu zahlen bereit ist.
Vinzenz Glaser, Freiburger Bundestagsabgeordneter der Linken und Sprecher seiner Fraktion für antikoloniale Außenpolitik, traf ich Anfang des Jahres in Berlin. Es ging schon damals um Kuba, in anderer Zusammensetzung. Dann verging Zeit, und im September war der Abend da. Wir hatten mit weniger gerechnet, es kamen mehr, bis zur letzten Minute, und über Zoom kamen weitere dazu.
Vor der Bühne roch der Raum nach Zuhause: Potaje mit Reis, unser Nationalgericht, dazu selbstgemachte Fleischbrötchen. Daneben die Tische der anderen, Bilder der Insel, Rum und mein Buch.
Glaser berichtete aus dem Auswärtigen Ausschuss: Treibstoff, Medikamente, Lebensmittel fehlen, und Berlin bleibt untätig, solange kein Hilfegesuch vorliegt. Zwei Sätze blieben. Der erste eine Diagnose: Es fehlt nicht an Möglichkeiten, es fehlt am politischen Willen. Der zweite die Weiche, an der dieser Abend gemessen sein will: Solidarität heißt nicht, jede Entscheidung der kubanischen Regierung zu verteidigen. Carmen Giesin von der Cuba Gruppe Freiburg erzählte von einer Holzhütte in San Carlos, die eine Schule ist, für drei Kinder; der Lehrer fährt täglich zwei Stunden mit dem Rad hin und zwei zurück. Ein solches Bild entwaffnet jede Statistik.
Dann war ich dran. Ein Stuhl, ein Mikrofon, das Handy in der Tasche. Fünfzehn Jahre auf und vor der Bühne, und doch war dieses Format Neuland: eine Rede mit Musik, sieben Titel, die Menschenwürde als Messgröße.
Worum es eigentlich geht, steht in keiner Ankündigung: um Schmerz. Nicht um meinen, als Anlass zum Mitleid, sondern um Schmerz als das, was niemand zählt. In der Mitte des Abends liegt eine Bundestagsdrucksache: Es lägen keine Zahlen über Verstöße vor. Dreißig Jahre Recht ohne Zähler. Was wird aus einem Menschen, dessen Schmerz ebenfalls keinen Zähler hat?
Er täuscht sich über ihn, auf zwei Weisen. Der eine erwartet dauerhaft zu wenig, weil er gelernt hat, dass sich nichts ändert, und wird nicht mehr enttäuscht, weil er nichts mehr erwartet. Den anderen zermürbt nicht der Mangel, sondern die Unberechenbarkeit. Wer nur eine Zahl hat, kann die beiden nicht unterscheiden und hilft ihnen falsch: Wer beides mit Optimismus behandelt, macht beim Ersten Druck und beim Zweiten Hohn.
Dafür gibt es Bühnen. Im Theater wird Schmerz nicht gelindert, er wird geeicht.
Was bleibt, steht nicht im Programmheft. Diese Lichter in den Gesichtern. Worte, die nicht ins Leere laufen. Applaus, Tränen, Fragen, und an den Büchertischen viele, die nicht danken, sondern mitteilen wollten: Wir denken darüber nach.
Mein Maßstab war Ehrlichkeit, krude und nah. Auf dieser Bühne trägt jede Tatsache ein Aktenzeichen und jede Emotion einen Beleg. Ich nenne die äußere Ursache, das Embargo, und ebenso die innere, das eigene Versagen der Herrschaft in Havanna. Meine Mutter glaubt nicht an das Embargo als Ausrede, und in vielem hat sie recht.
Hier liegt die Zange, und hier der Preis. Wer nur die Order aus Washington nennt, verrät die politischen Gefangenen. Wer nur die Paragraphen aus Havanna nennt, verrät das Kind in Camagüey, das auf ein Hörgerät wartet, das die Insel nie erreicht. Ich weigere mich, eines von beiden zu tun. Das kostet mich in beiden Hälften des Saals Zustimmung, und es ist der einzige Grund, warum der Rest mir glauben kann. Über allem steht ein Satz, den ich nicht gedacht, sondern als Kind gesehen habe, in der Küche meiner Großmutter Lucrecia: Für jeden Vorteil, den ein Mensch genießt, zahlt irgendwo ein anderer einen Preis.
Wer dabei war, nahm nicht meine Antwort mit, sondern die Frage: Wer bezahlt gerade diesen Preis, und weiß er davon? Wir wollen, dass die Politik gefragt wird. Widerstand ist der beste Fall, den wir erreichen können.
Der Abend soll wiederkommen, größer, als Ensemble Fassung mit Musik und Tanz. Die Frage bleibt.
Aciel Martinez Poll ist Schauspieler, Musicaldarsteller, Regisseur und Autor. 1990 wurde er in Nuevitas, Kuba, geboren und lebt heute in Stuttgart. Zuletzt erschien sein Buch „Leben in Kuba: Im Würgegriff der US-Hegemonie und das Schweigen der moralischen Lämmer“ (Books on Demand, 2026).
Foto: © Aciel Martinez Poll




