Tanz Theater

Apokalypse zwischen Horror und Humor: Zu Besuch beim Internationalen Sommerfestival in Kampnagel

Normalerweise schließen (Staats-)Theater während der Sommerferien. Dieser Kulturflaute wirkt das Internationale Sommerfestival der Hamburger Kampnagelfabrik entgegen. Gut drei Wochen

Apokalypse zwischen Horror und Humor: Zu Besuch beim Internationalen Sommerfestival in Kampnagel

Normalerweise schließen (Staats-)Theater während der Sommerferien. Dieser Kulturflaute wirkt das Internationale Sommerfestival der Hamburger Kampnagelfabrik entgegen. Gut drei Wochen lang werden teils nationale, teils internationale Produktionen aus den Bereichen Tanz, Theater, Performance, Kunst, Musik und Literatur präsentiert. Den Auftakt macht „Irresistible Revolution“, eine Produktion von Ayelen Parolin aus Brüssel. Wenn die Tänzer:innen auf die Bühne kommen, ahnt man nicht unbedingt, wo die argentinische Choreografin die Inspiration für ihre Inszenierung gefunden hat – im Karneval ihrer Heimat. In ausgelassener Feierstimmung scheinen die Performer:innen anfangs eher nicht zu sein. Fast zaghaft treten sie in einer Diagonale vor das Publikum, sie halten sich an den Händen, sie summen eine Melodie. Alsbald lassen die Tänzer:innen aber ihre Hüften kreisen, sie hüpfen, drehen sich, strampeln oder zucken, teils angelehnt an Samba und Cumbia. Ab und zu recken sich Arme und Fäuste in die Höhe, eine angedeutete Protestgeste. Paare finden sich, Körper winden sich umeinander. Gen Ende entdecken die Individuen das Kollektiv, die Gemeinschaft gibt ihnen Kraft und Hoffnung.
Deutlich mehr Bilderwucht hat „Après moi, le déluge“, auf Deutsch: „Nach mir die Sinnflut“, dargeboten von (La)Horde & Ballet national de Marseille. Diese Aufführung zäumt mit dynamischen Hip-Hop- und Heavy-Metal-Anleihen die Apokalypse von hinten auf – zwischen Humor und Horror. Eingangs tummeln sich die Tänzer:innen hinter einem Gazevorhang. Sie wirken so erschöpft, als hätten sie sich bereits 75 Minuten völlig verausgabt. Man sieht sie von hinten, ein Video projiziert den Schlussapplaus im Zuschauerraum auf eine Leinwand. Der Anfang vom Ende. Als das Bühnenparkett abgebaut wird, stürzen die Performer:innen ins Bodenlose. Mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht. Ein dampfendes Bassin lässt sie vergreisen. Am Schluss sind die Menschen komplett verschwunden, nur Monster und Tiere haben offensichtlich überlebt.
Eindrucksvoll sind auch Nan Goldins Fotografien. Mit der Diashow „The Ballad of Sexual Dependency“, die mit 694 Aufnahmen das Leben der Amerikanerin und ihres persönlichen Umfelds von 1973 bis 1986 festhält, hat die Fotografin ein visuelles Tagebuch erschaffen. Die Protagonist:innen feiern miteinander, sie verlieben sich, haben Sex, konsumieren Drogen, erleben häusliche Gewalt. Nicht wenige haben Aids und erliegen schließlich dieser Krankheit. All das dokumentiert Nan Goldin, geboren 1953, mit ihrer Kamera. Die Musik von Maria Callas oder Velvet Underground intensiviert die Sogwirkung dieser Bilder noch einmal.
Eher dem Seichten widmet sich das Wiener Ensemble Nesterval, inzwischen Dauergast beim Internationalen Sommerfestival, diesmal mit „Das Schiff“. Weil eine Luxusyacht in Seenot geraten ist, müssen die Passagier:innen ihre Reise nun auf dem Frachter MS Stubnitz fortsetzen. Um ihren Komfort zu gewährleisten, heuern die Zuschauer:innen als Leichtmatros:innen an. Rotes Halstuch unter Deck, blaues nach oben an die Luft, später wird getauscht. Kleine Gruppen begleiten einzelne Protagonist:innen, zwischendurch kann man sich auch spontan einer anderen Figur anschließen. Auf diese Weise kriegt man allmählich heraus, wer mit wem verbandelt ist oder kriminelles Potential hat. Die Gesamthandlung hat am Schluss zwar niemand vollständig durchschaut, dafür war der Abend unterhaltsam – Sirtaki-Tanz inklusive.
Zum Tanzen bringt auch Fatoumata Diawara das Publikum bei ihrem Auftritt in der Elbphilharmonie. Die malische Musikerin bewegt sich souverän zwischen Tradition und Moderne – mal mit Maske, mal mit E-Gitarre. In den Songs ihres neuen Albums „Massa“ setzt sie sich zum Beispiel mit ihrer Rolle als Mutter und Tochter auseinander. Die 44-Jährige singt in ihrer Muttersprache Bambera, ihr Sound verwebt westafrikanische Elemente mit Blues, Rock und Pop. Mit John Lennons „Imagine“ feiert sie Diversität, zu Bob Marleys „No Woman, no Cry“ headbangt sie sogar. Ein starker Auftritt.

Foto: Bildgewaltig: „Après moi, le déluge“ („Nach mir die Sinnflut“) des (La)Horde & Ballet national de Marseille © Gaël•le Astier-Perret


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Dagmar Leischow