Das Friedrich Nietzsche Archiv in Weimar und seine spannende Vergangenheit
Archive sind Orte des kollektiven Gedächtnisses, Orte des Aufbewahrens und des Erinnerns. Sie enthalten Informationen aus den verschiedensten gesellschaftlichen
Archive sind Orte des kollektiven Gedächtnisses, Orte des Aufbewahrens und des Erinnerns. Sie enthalten Informationen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen. Angesichts ihrer kulturellen Bedeutung ist die Archivwelt jedoch weitgehend unbekannt und steht kaum im Licht der Öffentlichkeit. Das zu ändern haben der Deutsche Kulturrat und das Bundesarchiv im Jahr 2020 beschlossen. Die Arbeit der unterschiedlichen Archive in Deutschland soll sichtbarer gemacht werden. Der Präsident des Bundesarchivs in Koblenz, Dr. Michael Hollmann, sagte: „Jedes Archiv ist ein Ort der Vergewisserung, die individuelle und kollektive Erinnerung möglich macht. Im Zeitalter der Information und des digitalen Wandels sind Archive Garanten der Volkssouveränität.“
Die Archivlandschaft in Deutschland ist überaus vielfältig: Es gibt staatliche- und kommunale Archive, kirchliche- und Wirtschaftsarchive, Medienarchive, Hochschularchive, Familienarchive, politische Archive, Literatur- und Kulturarchive, sowie viele freie Archive. Die Zahl der Archive ist hierzulande nicht genau bezifferbar, sie wird auf mehrere Tausend geschätzt.
Neben anderen Kulturinstitutionen wie Museen oder Bibliotheken erhalten Archive zwar weniger Aufmerksamkeit, ihre Bedeutung ist jedoch immens und ihre Aufgaben sind mit großer Verantwortung verbunden. Hier wird entschieden, was für die Zukunft erhalten bleibt und was durch Erschließung für die Öffentlichkeit nutzbar gemacht wird. Denn selbst wenn Dokumente im Archiv aufbewahrt werden, aber nicht erschlossen wurden, sind sie nicht recherchierbar und liegen vergessen in den Tiefen der Archivkisten verborgen.
Der Blick auf einzelne Archive und ihre Geschichte lohnt sich, spiegelt sich doch an ihnen Zeitgeschichte, deren Auswirkungen in unsere Gegenwart hineinreichen können. Im Fall des Nietzsche-Archivs in Weimar handelt es sich um eine solche Archivgeschichte.
Im vergangenen Jahr würdigte die UNESCO die Bedeutung von Friedrich Nietzsches (1844-1900) Werk durch die Aufnahme seines schriftlichen Nachlasses in das UNESCO-Welt-Dokumentenerbe. Seine Manuskripte, Briefe, Notizen und Bücher gelten als fundamentales Kulturgut der Moderne. Zu den einzigartigen Handschriften gehören die Entwürfe und Vorarbeiten zu fast allen von Nietzsche selbst veröffentlichten Aufsätzen und Büchern sowie unveröffentlichte Aufsätze, biographische Zeugnisse, Konzepte, Skizzen, Exzerpte und beiläufige Notizen in Notizbüchern und Mappen mit Einzelblättern. Außerdem zählt zu diesem Nachlass ein Großteil von Nietzsches Briefwechsels. Seit 1950 wird das Nietzsche-Archiv im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar aufbewahrt. Der gesamte Bestand von über 16.000 Blatt konnte in den letzten Jahren vollständig digitalisiert werden und ist somit für Forscher und Interessierte auf der ganzen Welt frei verfügbar. Auch die circa 1400 Bände aus Nietzsches persönlicher Bibliothek werden in Weimar in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek aufbewahrt, gepflegt und stehen der Forschung zur Verfügung. 90 Prozent der Nietzsche Schriften befinden sich in Weimar. Die übrigen 10 Prozent befinden sich in Basel in der dortigen Universitätsbibliothek, dem Staatsarchiv Basel-Stadt und im Nietzsche-Haus in Sils Maria. Durch die Aufnahme der UNESCO erfuhr Friedrich Nietzsches komplexes philosophische Gedankengebäude wieder gesteigerte Aufmerksamkeit. Es hätte jedoch alles ganz anders kommen können. Der Erhalt des Nietzsche-Archivs und damit der gesamte schriftliche Nachlass des Philosophen standen in den Monaten unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkriegs auf Messers Schneide.
Das Nietzsche-Archiv war ursprünglich ein Familienarchiv. Nietzsches Schwester, Elisabeth Förster-Nietzsche (1846-1935) hatte zusammen mit der Mutter schon früh begonnen, alles über und von ihrem begabten Bruder zu sammeln. Nach Nietzsches Zusammenbruch 1889 in Turin, war er nach Naumburg gebracht und dort von der Mutter bis zu ihrem Tod 1897 betreut worden. Danach holte Elisabeth Förster-Nietzsche ihren schwer kranken, geistig umnachteten Bruder aus dem Elternhaus und brachte ihn nach Weimar, wo sie ihn während seiner letzten Lebensjahre pflegte.
Nach seinem Tod am 25. August 1900 in Weimar übernahm sie, als alleinige Erbin, den Vorsitz über das 1894 von ihr gegründete Nietzsche-Archiv. Sie war die Verwalterin und Hüterin seines Nachlasses. Als Leiterin des Archivs übernahm sie außerdem zunehmend die Deutungshoheit über sein Werk. Wie problematisch ihr Wirken in dieser Beziehung war, zeigte sich deutlich nach dem 2. Weltkrieg. Als in den 1950er und v.a. den 1960er Jahren die erste werkgenaue Ausgabe der Nietzsche Schriften durch die beiden italienischen Nietzsche Forscher Mazzino Montinari und Giorgio Colli erarbeitet wurde, zeigte sich deutlich, wie Elisabeth Förster-Nietzsche durch Auslassungen und Überarbeitungen gezielt Textverfälschungen vorgenommen hatte. Die Interpretation seiner Werke wurde damit in eine Richtung gesteuert, die nicht seinen eigenen Absichten entsprach und Fehlauslegungen seiner Äußerungen, vor allem während der Zeit des Nationalsozialismus, Vorschub leistete.
Bereits in jüngeren Jahren war Elisabeth Förster-Nietzsche eine Bewunderin rechtskonservativer faschistischer Kreise. Sie hatte gemeinsam mit ihrem Mann, einem überzeugten Antisemiten, und anderen Gleichgesinnten in Paraguay die Kolonie Nueva Germania gegründet. In den frühen 1920er Jahren verehrte sie Mussolini, den sie mehrfach nach Weimar einlud, er kam jedoch nie. In den 1930er Jahren bis zu ihrem Tod 1935, pflegte sie eine enge Verbindung zu Adolf Hitler. Er besuchte sie mehrfach in der Villa Silberblick, dem Haus in dem Nietzsche gestorben war und sich das Nietzsche-Archiv befand.
Mit ihrer verfälschenden Auslegung der Philosophie Nietzsches war Elisabeth Förster-Nietzsche jedoch keineswegs alleine. Die verschiedensten gesellschaftlichen Gruppen bedienten sich aus Nietzsches komplexen Schriften mit jeweils passenden Fragmenten und fügten sie in ihre Weltbilder ein. Schlagworte wie der „Übermensch“ entsprachen dem Zeitgeist. Für den rasch erstarkenden Nationalsozialismus kamen die Vorlagen aus dem Nietzsche-Archiv und den dort tätigen Wissenschaftlern sehr gelegen. Die NS-Ideologen spannten Nietzsche als „deutschen Propheten“ vor den Karren ihrer politischen Propaganda. Dabei wurde Nietzsche selbst „umgewertet“: Aus dem Kritiker von Antisemitismus und Nationalismus wurde ein „deutscher Denker“. Mitgetragen wurde der ganze Prozess von einem Netzwerk aus Publizisten und akademischen Philosophen mit verheerenden Folgen für den Umgang mit seinem Nachlass unmittelbar nach dem Ende des 2. Weltkriegs.
Thüringen und damit Weimar gehörten nach dem Abzug der Amerikaner, die von April bis Juli 1945 in der Stadt waren, zur Sowjetischen Besatzungszone. Als die Rote Armee Weimar im Juli 1945 übernahm wurden sofort die Konten des Nietzsche-Archivs gesperrt und dessen Leiter verhört und verhaftet. Nietzsche galt für die sowjetische Militäradministration als Vordenker der Nationalsozialisten. Anfang Dezember 1945 wurde die Villa Silberblick geschlossen und das Archiv und alles was sich darin befand war nicht mehr zugänglich. Nietzsches Schriften und Bücher wurden beschlagnahmt und sollten in die Sowjetunion verbracht, evtl. sogar vernichtet werden.
Im Frühjahr 1946 wurde der Inhalt des Nietzsche-Archivs in 111 Kisten verpackt und aus der Villa Silberblick an einen Lagerort in der Nähe des Güterbahnhofs in Weimar gebracht. Die Abläufe, die zur Rettung der Kisten führten, konnten erst 50 Jahre später, nach dem Ende der DDR und der deutschen Wiedervereinigung aufgeklärt werden. Da während der gesamten Ära der DDR Nietzsche ein tabuisierter Autor war – sein Werk wurde bis in die 1980er Jahre hinein nicht gedruckt – konnten auch die Ereignisse, die zur Rettung des Nietzsche-Archivs führten erst in den 1990er Jahren aufgedeckt werden. Wie so oft, war es dem entschlossenen Eingreifen einzelner Personen zu verdanken, dass es nicht zu einem Abtransport der Kisten aus Weimar kam.
Der Präsident des Landes Thüringen, Rudolf Paul, konnte das Schlimmste verhindern. Er war vom Direktor des Goethe- und Schiller-Archivs, Hans Wahl, über die Vorgänge informiert worden. In einem persönlichen Telefongespräch überzeugte er den verantwortlichen Hauptmann der sowjetischen Besatzungsmacht davon, den Nietzsche Nachlass nicht abzutransportieren, sondern wieder zurück in die Villa Silberblick bringen zu lassen. Rudolf Pauls Argumentation, Nietzsches Werk sei durch die Fälschungen, die durch Nietzsches Schwester an seinen Schriften vorgenommen worden waren, so entstellt worden, dass ein großes Interesse v.a. bei den Nietzsche Forschern bestünde, den wahren Nietzsche davon zu befreien. Dass dies nur gelingen könne, wenn der Nachlass in Weimar bliebe, schien den sowjetischen Kommandanten zu überzeugen. Die Beschlagnahmung wurde aufgehoben, der Nachlass freigegeben und alle 111 Kisten kehrten im Juli 1946 zurück in die Villa Silberblick.
Die Kenntnisse über diesen Vorgang sind in einem Schriftwechsel dokumentiert, der sich im Goethe- und Schiller-Archiv befindet, wohin 1950 der schriftliche Nietzsche Nachlass gelangte. Dort befindet er sich auch heute noch und steht der Forschung und der weltweiten Nietzsche Community zur Verfügung. Er wird gepflegt, Anfragen aus aller Welt werden beantwortet, Tagungen und ein reger wissenschaftlicher Austausch finden statt. Soweit es möglich ist, wird der Bestand auch erweitert. Das heißt, wenn heute noch Nietzsche-Handschriften auf dem Markt auftauchen und auf einer Auktion versteigert werden, bemüht sich das Goethe- und Schiller-Archiv darum, eine solche Rarität zu erwerben und damit den vorhandenen Bestand zu erweitern. Die Verantwortung des Archivs ist nicht nur rückwärtsgewandt, sondern durchaus mit dem Blick auf die zukünftigen Generationen gerichtet. Bewahren und pflegen bedeutet auch wachsen und zugänglich machen, ein Auftrag, den alle Archive teilen.
Bild: Büsten von Nietzsche im neuen Museum in Weimar Foto: privat




