Wir brauchen Rilke mehr denn je! Im Gespräch mit Prof. Dr. Sandra Richter, Direktorin Deutsches Literaturarchiv Marbach
Rilke und kein Ende: vom hundertfünfzigsten Geburtstag am 4. Dezember 2025 zum hundertsten Todestag am 29. Dezember 2026. Der
Rilke und kein Ende: vom hundertfünfzigsten Geburtstag am 4. Dezember 2025 zum hundertsten Todestag am 29. Dezember 2026. Der bedeutendste deutschsprachige Lyriker des zwanzigsten Jahrhunderts scheint so präsent wie nie. Sechs neue biographische Werke erschienen allein in den vergangenen zwei Jahren. Eine hoch gelobte, wegweisende Biographie stammt von Sandra Richter, die als Leiterin des deutschen Literaturarchivs Marbach (seit 2019) am nächsten dran ist am teils noch unerschlossenen Nachlass des Schriftstellers. In der Marbacher Ausstellung „Und dann und wann ein weißer Elefant. Rilkes Welten“ (bis 19.1.2027) setzt sie, wie schon in ihrem Buch „Rainer Maria Rilke oder das offene Leben“, überraschende Schwerpunkte. So erscheint der vermeintlich weltfremde Dichter als gewiefter Selbstvermarkter. Ein gut vernetzter Kosmopolit, nicht ohne Ironie und, insbesondere mit seinem „Malte“ sprachlich auf der Höhe seiner Zeit. Was hat uns Rilke heute noch zu sagen? Stefan Tolksdorf sprach mit Sandra Richter anlässlich ihrer Lesung bei der Literarischen Gesellschaft Karlsruhe.
UNIversalis: Frau Professor Richter, ihre Rilke-Biographie umfasst 478 Seiten und kann als Projekt der Entmythologisierung gelesen werden. Wie lange haben Sie für diese Arbeit gebraucht und gab es eine Initialzündung?
Sandra Richter: Eine Rilke-Biographie wollte ich eigentlich nie schreiben. Seit meinem siebzehnten Lebensjahr, als ich mit Begeisterung die „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ las, lässt mich Rilke jedoch nicht mehr los. Auch in meiner Habilitation schrieb ich ein Kapitel über ihn. Das ist jetzt zwanzig Jahre her. Rilke ist also ein Lebensbegleiter. Als das Deutsche Literaturarchiv im Jahr 2022 den Rilke-Nachlass erwerben konnte, vertiefte ich mich sofort in den Briefverkehr der Eheleute Rainer Maria und Clara Westhoff-Rilke, die als Künstlerin und erste Lektorin ihres Mannes viel größere Beachtung verdient. Das gab wohl den entscheidenden Impuls. Effektiv habe ich etwa dreieinhalb Jahre an meinem Buch gearbeitet.
UNIversalis: Sie meinen, wir brauchen Rilke heute vielleicht mehr denn je. Warum?
Sandra Richter: Rilke lebte eine größtmögliche Offenheit, Toleranz und Weltneugier. Er hat versucht, jeden Menschen ernst zu nehmen, mit allen Konsequenzen. Weit davon entfernt, ein schnelles moralisches Urteil zu fällen, glaubte er an die universelle Verbundenheit aller Wesen. Wir seien, meinte er, durch die „Kapilaren des Gefühls“ mit einander verknüpft.
UNIversalis: Trug Rilke bei seinem Hang zur Stilisierung und seinem poetologischen Programm einer Wiederverzauberung der Welt nicht auch manchmal eine rosarote Brille?
Sandra Richter: Gewiss hat er vieles sehr unscharf wahrgenommen: Seine Verklärung der Armut im zaristischen Russland („Bettler sind wie Fürstenbrüder“), seine Sympathie für den frühen Mussolini als vermeintlicher Mann des Volkes sind charakteristisch. Die spätere Entwicklung des Faschismus hat er aber nicht mehr miterlebt und hätte sie gewiss verurteilt. Für Revisionismus und Nationalismus war der Europäer Rilke jedenfalls nicht zu haben. Er hat sich deshalb auch mit früheren Freunden entzweit.
UNIversalis: Bleibt der Kitsch-Vorwurf, den etwa ein Kritiker wie Theodor W. Adorno vehement gegen Rilke erhob.
Sandra Richter: Für Adorno war Rilke sogar ein Präfaschist, was unhaltbar ist. In seinem erstaunlich weit gefächerten Werk steht Schwülstiges oft neben Grandiosem. Der Kitsch-Vorwurf lässt sich aber zum Teil dadurch entkräften, dass Rilke manche Gedichte für spezielle Anlässe und Empfänger schrieb, etwa für seine zehnjährige Tochter Ruth. In seinen großen Werken wie den „Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ von 1910 betritt er aber auch sprachliches Neuland, war seiner Zeit sogar voraus.
UNIversalis: Sie schreiben: „Rilke schuf einen Textraum des Möglichen, in dem potentiell alles mit allem geheimnisvoll und vage in elegischer oder heiterer, schöner Beziehung steht“. Liegt in diesen geheimnisvoll vagen Bezügen nicht auch eine gewissen Beliebigkeit?
Sandra Richter: Das ist genau jene Offenheit, um die es ihm ging. Ein situatives sprachliches Umkreisen, so präzise und einfühlsam wie möglich – das Gegenteil von Festschreibung.
UNIversalis: Der Nachlass der Familie Sieber ist noch nicht vollständig gesichtet. Ist es da nicht eigentlich noch zu früh für eine ultimative Biographie?
Sandra Richter: Die Rilke-Biographie wird es nie geben. Ich bin mir aber sicher, dass in den kommenden Jahren nach der Sichtung der noch unveröffentlichten Schriften und Briefe viel Neues zum Thema erscheinen wird. Wir werden einen gleichsam osmotischen Rilke kennenlernen, der sehr munter im Leben stand und viele äußere Impulse aufnahm. Der seine zahlreichen Musen an seinem Werk quasi mitschreiben ließ.
UNIversalis: Sie selbst beschreiben in zwei weiteren Publikationen den Gärtner und Zeichner Rilke.
Sandra Richter: Tatsächlich waren gerade seine Zeichnungen häufig Anlass für literarische Schöpfungen, zum Beispiel einige der berühmten Ding-Gedichte.
UNIversalis: Wie erklären Sie sich die anhaltende Rilke-Begeisterung, befeuert etwa von Pop-Ikonen wie Lady Gaga? Betrifft dies nicht nur Randaspekte seines Werks, etwa den in der angelsächsischen Welt so berühmten „Brief an einen jungen Dichter“ in dem Rilke als Mentor auftritt und etwa die Notwendigkeit der Einsamkeit für das Schreiben betont?
Sandra Richter: Ich glaube, Rilke ist einfach ein ungewöhnlich guter Autor, dem es gelang, Verse zu finden, die uns heute noch tief berühren, die imstande sind, unserer Weltwahrnehmung eine unerwartete Wendung zu geben. Wäre dies nicht so, könnte man ihn getrost als historisches Phänomen abhaken. Nehmen Sie das perfekte Gedicht „Der Panther“. Das gefangene Tier als existentielle Figur, die zum Nachdenken, ja zur Identifikation auffordert: „Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, dass er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt…“

UNIversalis: Tatsächlich grandios. Aber ist die reduktive Wahrnehmung im Falle Rilkes nicht besonders auffällig?
Sandra Richter: Das betrifft doch jeden großen Autor. Bei Goethe lag der Fokus zunächst nur auf dem „Werther“, bei Rilke sind es signifikante Verse und Wendungen: „Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen…“, „Du musst dein Leben ändern!“ oder der grandiose Beginn der ersten „Duineser Elegie“: „Wer wenn ich schriee hörte mich denn aus der Engel Ordnungen…?“ Das Werk, welches Rilkes Ruhm begründete, die „Weise von Liebe und Tod des Cornet Christoph Rilke“ wird kurioserweise heute kaum mehr gelesen. Gerade die „Neuen Gedichte“ und die komplizierten Duineser Elegien, sein Hauptwerk laut eigener Einschätzung, erfreuen sich heute größter Hochachtung.
UNIversalis: Dem modernen Esoterik-Trend ist Rilke gewiss nicht kommensurabel, seinem festen Glauben an Engel und Gespenster zum Trotz?
Sandra Richter: Rilkes Weltbild ist nie ganz geschlossen, auch wenn metaphysische Erfahrungen und die Präsenz der Toten für ihn von großer Wichtigkeit sind. Vor allem ist es ganz diesseitig – eine Feier und Lobpreis des Lebens. Was mich fasziniert, ist vor allem Rilkes Vielstimmigkeit. Manches aus seinem Frühwerk, von dem er sich teilweise distanzierte, findet sich etwa im Spätwerk wieder. Er ist einfach ein grandioser Sprachschöpfer.
UNIversalis: So vieles wurde schon über Rilke geschrieben. Wo sehen Sie am ehesten noch Forschungsbedarf?
Sandra Richter: Insbesondere das Frühwerk birgt noch Überraschungen. Darin liegt bereits alles vor, wenn auch nicht in der letzten Ausprägung. Insgesamt überwiegt in Rilkes Werk doch die Kontinuität.
UNIversalis: In welcher Lebensphase wären Sie dem Dichter gern begegnet – und was hätten Sie ihn gefragt?
Sandra Richter: Gern hätte ich ihn nach Vollendung der „Duineser Elegien“ getroffen, als er diese zauberhaften Briefe an seine Schweizer Mäzenin Nanny Wunderly-Volkart schrieb, die einen ganz ungewohnten Rilke-Ton zelebrieren: Freudig, selbstironisch, optimistisch und zukunftsoffen. Diesen Rilke hätte ich gern kennen gelernt.
UNIversalis: Und Ihre Frage an den Dichter?
Sandra Richter: Wie weit kann man gehen im offenen Leben, im Versuch alle Grenzen zu überschreiten und alle Normen über Bord zu werfen? Gibt es etwas, was nahelegt, die Öffnung nicht mehr zu suchen?
UNIversalis: War die Zäsur nicht seine tödliche Krankheit?
Sandra Richter: Das sehe ich nicht so. Er hat kurz vor seinem Tod noch einen phantastischen Text über den Schmerz geschrieben, den er unbedingt zulassen will. Wir erleben keine Bitternis, vielmehr ein bewusstes Annehmen des Todes. Nach eigenem Verständnis hat sich Rilke – in Anknüpfung an ein frühes Gedicht über Jan Hus – auf dem Scheiterhaufen der Kunst geopfert.
UNIversalis: Eine heroische Vorstellung. Was wäre wohl Rilkes Botschaft an die heutige Zeit?
Sandra Richter: Legt euch keine ideologischen Scheuklappen zu, bleibt offen und empathisch in euer Wahrnehmung – und erobert euch die Sprache immer wieder neu!
UNIversalis: Frau Professor Richter, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Foto: Prof. Dr. Sandra Richter Foto: DLA Marbach (Anja Bleeser)




