Kunst

Blick in die Seele: „Hydroscape“ von Nicolas Floc’h in der Fondation François Schneider

Der französische Künstler Nicolas Floc’h hat sein Werk ganz dem Meer verschrieben. Wissenschaftliche Forschung dient ihm als Grundlage für

Blick in die Seele: „Hydroscape“ von Nicolas Floc’h in der Fondation François Schneider

Der französische Künstler Nicolas Floc’h hat sein Werk ganz dem Meer verschrieben. Wissenschaftliche Forschung dient ihm als Grundlage für seine Fotografie. Unter anderem nahm er 2025 als erster Künstler an einem Residenzprogramm der Tara Polar Station der Fondation Tara Océan teil, wo er als Mitglied einer Expedition in der Arktis die Unterwasser-Eislandschaften am 83. nördlichen Breitengrad dokumentierte.


Die Ausstellung „Hydroscape“ in der Fondation François Schneider im elsässischen Wattwiller dokumentiert Wasserlandschaften, die wie Urzeitwelten anmuten. Nicolas Floc’h entzieht sich dabei jeder Erwartungshaltung. Direkt zu Beginn laden großformatige schwarz-weiß Fotografien, entstanden an der bretonischen und normannischen Küste, zum Abtauchen ein. Gewaltige Blattang-Wälder und dichte Braunalgenfelder wirken, dank des Spiels aus Licht, Form und Perspektive, wie Urwälder. Landschaft unter Wasser unterscheidet sich auf einmal gar nicht mehr so sehr von unserem Lebensraum. Wasserwogen am oberen Bildrand gleichen einem Himmel und verleihen dieser fremden Unterwasserwelt etwas Vertrautes. Nicolas Floc’h skizziert in dieser Serie eine Landkarte der Vegetation von der bretonischen Spitze bis zur normannischen Küste. Zugleich dokumentiert er die Herausforderungen des fragilen Ökosystems in Zeiten des Anthropozäns. So sind Braunalgen z.B. essenziell im marinen Ökosystem. Den Wäldern am Land gleichend binden sie Kohlendioxid und geben widerstandsfähige Zuckerpolymere in den Ozean ab, die den Kohlenstoff über Jahrtausende im Wasser binden können. Durch Photosynthese produzieren sie Sauerstoff und dienen als Lebensraum für Fische, Schildkröten und andere Lebewesen.

Nicolas Floc‘h: „La Couleur de l’eau – Rhin à la Mer du Nord“, 2026 © ADAGP, Paris, 2026

Zwischen 2010 und 2019 führte Floc’h in den Riffen Japans, Portugals, Frankreichs und Spaniens eine fotografische Studie zur Biodiversität künstlicher Riffe durch. Der Wiederbesiedlung des Meeresbodens dienend, wirken diese Unterwasserstädte aus Stahlbeton, die seit dem 17. Jahrhundert unter anderem vor den Küsten Japans errichtet werden, wie pittoreske Ruinen. Für seine Arbeit geht Nicolas Floc’h auf zahlreiche Tauchgänge. Als Apnoetaucher bestreitet er einen großen Teil seiner Tauchgänge mit seinem eigenen Atem – nur selten greift er auf Sauerstoffflaschen zurück. Im Auditorium können sich Besuchende einen kurzen aber aufschlussreichen Dokumentarfilm (Untertitel auf deutsch) zu seiner Arbeit ansehen. Farben sind in dieser Ausstellung reduziert und doch unglaublich prägnant. So taucht Floc‘h in die Farblandschaften europäischer Flüsse ein. Der Fotograf arbeitet hauptsächlich im Weitwinkel, für seine farbigen Aufnahmen nutzt er ein 21-mm-Zeiss-Objektiv, das farbgewaltige Landschaften einfängt. Orange-rötlich bis tiefseeblau und smaragdgrün – auf den ersten Blick kaum zuzuordnen, umgibt einen in den unteren Etagen der Fondation François Schneider ein Meer aus Farbe. In quadratischen Rastern, einem Mosaik gleichend, hat Floc’h über 95 Kilometer des portugiesischen Flusses Tejo fotografiert. Alle 2,7 Kilometer nimmt er eine Reihe von Fotografien in verschiedenen Tiefen auf und setzt diese zum dokumentarischen Gesamtkunstwerk zusammen. Das aufmerksame Auge wird belohnt, wenn einem inmitten dieses smaragdgrünen Mosaiks eine kleine Qualle entgegen schwimmt.

Heinrich Heine schrieb in „Die Nordsee“: „Ich liebe das Meer wie meine Seele. Oft wird mir sogar zumute, als sei das Meer eigentlich meine Seele selbst.“ – In wessen Seele Floc’h Einblick gewährt, ist unklar. Doch sein Werk hinterlässt zweifelsohne Spuren.

Nicolas Floc’h: Hydroscape. Fondation François Schneider, 27 Rue de la Première Armée, 68700 Wattwiller, FR. Mi-So 11-18 Uhr. Bis 20.09.26

Foto: Nicolas Floc’h: „Structure productive, Tateyama, – 23 mètres, Japon“, 2013 © ADAGP, Paris, 2026


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Elisabeth Jockers