Literatur

Sommer zwischen Seiten: Drei Bibliotheken, die zeigen, warum Lesen auch ein Reiseziel sein kann

Bibliotheken gehören zu den ältesten Kulturorten Europas. Sie bewahren nicht nur Bücher, sondern auch das Wissen vergangener Jahrhunderte, erzählen

Sommer zwischen Seiten: Drei Bibliotheken, die zeigen, warum Lesen auch ein Reiseziel sein kann

Bibliotheken gehören zu den ältesten Kulturorten Europas. Sie bewahren nicht nur Bücher, sondern auch das Wissen vergangener Jahrhunderte, erzählen von wissenschaftlichem Fortschritt, politischem Wandel und architektonischen Idealen ihrer Zeit. Manche gleichen barocken Prunksälen, andere beeindrucken durch moderne Klarheit, gemeinsam ist ihnen, dass sie weit mehr sind als Orte zum Lesen. Wer sich im Sommer auf den Weg macht, findet Bibliotheken, die Geschichte, Kunst und Architektur auf besondere Weise miteinander verbinden und einen Tagesausflug lohnenswert machen.

Humanismus zum Anfassen: die Bibliothèque Humaniste in Sélestat

Die Bibliothèque Humaniste zählt zu den bedeutendsten humanistischen Bibliotheken Europas. Ihr Ursprung reicht bis in das 15. Jahrhundert zurück und ist eng mit der Lateinschule der Stadt verbunden, die damals weit über die Region hinaus Ansehen genoss. Im Zentrum der Sammlung steht der Nachlass des Humanisten Beatus Rhenanus. Der Gelehrte, der unter anderem mit Erasmus von Rotterdam in Verbindung stand, vermachte seiner Heimatstadt mehr als 670 Bücher. Gemeinsam mit mittelalterlichen Handschriften und frühen Drucken bildet diese Sammlung einen außergewöhnlich geschlossenen Bestand, der 2011 in das UNESCO Register „Memory of the World“ aufgenommen wurde.

Bibliothèque Humaniste Sélestat; Copyright: Jean-Luc Stadler

Heute umfasst die Bibliothèque Humaniste mehr als 70.000 Dokumente. Darunter befinden sich zahlreiche Handschriften aus dem Mittelalter sowie Inkunabeln, also Drucke aus den Anfängen des Buchdrucks vor dem Jahr 1501. Sie geben Einblicke in die Entwicklung von Wissenschaft, Religion und Bildung während einer Zeit tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen.

Nach einer umfassenden Modernisierung wurde die Bibliothek 2018 neu eröffnet. Historische Bestände und zeitgemäße Ausstellungsgestaltung ergänzen sich dabei bewusst. Die empfindlichen Originale werden unter konservatorisch optimalen Bedingungen präsentiert und durch digitale Medien sowie interaktive Elemente ergänzt. So gelingt es der Bibliothek, wissenschaftliche Inhalte auch für Besucher:innen ohne fachliche Vorkenntnisse verständlich zu vermitteln. Sie ist damit nicht nur eine Forschungsbibliothek, sondern zugleich ein Museum zur Geschichte des europäischen Humanismus.

Zwischen Tradition und Moderne: die Bibliothèque nationale et universitaire in Straßburg

Mit mehr als dreieinhalb Millionen Medien ist die Bibliothèque nationale et universitaire die zweitgrößte Bibliothek Frankreichs. Sie entstand nach dem Deutsch Französischen Krieg von 1870 und 1871, nachdem die ursprüngliche Stadtbibliothek bei der Belagerung Straßburgs nahezu vollständig zerstört worden war. Der Neubau entwickelte sich rasch zu einer der wichtigsten wissenschaftlichen Bibliotheken Europas und verfügt heute über bedeutende Sammlungen aus den Geisteswissenschaften, den Religionswissenschaften und der Regionalgeschichte.

Bibliothèque nationale et universitaire Strasbourg; Copyright: BNU

Das monumentale Gebäude wurde zwischen 1889 und 1895 errichtet und gehört zu den prägenden Bauwerken der wilhelminischen Architektur. Seine große Kuppel bildet bis heute das markanteste Gestaltungselement. Zwischen 2010 und 2014 wurde das Haus grundlegend saniert und an die Anforderungen einer modernen Forschungsbibliothek angepasst. Dabei blieb der historische Charakter erhalten, während neue Lesebereiche, Ausstellungsflächen und offene Arbeitsräume entstanden.

Ausstellungen, kulturelle Veranstaltungen und öffentliche Bereiche machen sie zu einem lebendigen Treffpunkt, der den Wandel moderner Bibliotheken exemplarisch widerspiegelt und sie sowohl als Wissensspeicher als auch öffentliche Kulturorte erlebbar macht.

Wo Bücher zu Kunstwerken werden: die Stiftsbibliothek St. Gallen

Die Stiftsbibliothek St. Gallen gehört zu den ältesten durchgehend bestehenden Bibliotheken der Welt. Ihre Geschichte beginnt bereits im 8. Jahrhundert mit der Gründung des Benediktinerklosters St. Gallen. Über Jahrhunderte entwickelte sich das Kloster zu einem der bedeutendsten Zentren der europäischen Gelehrsamkeit. Die Bibliothek spielte dabei eine zentrale Rolle, denn hier wurden Handschriften gesammelt, kopiert und bewahrt. Viele von ihnen gehören heute zu den wichtigsten Zeugnissen der mittelalterlichen Buchkultur.

Der heutige Bibliothekssaal entstand in der Mitte des 18. Jahrhunderts und gilt als Meisterwerk des süddeutschen Barock. Geschwungene Galerien aus Holz, aufwendige Stuckarbeiten und illusionistische Deckengemälde verbinden sich zu einem Gesamtkunstwerk, das Architektur und Bibliothek auf einzigartige Weise miteinander verschmelzen lässt. Über dem Eingang befindet sich die Inschrift „Pharmacia animae“, die sich mit „Heilstätte der Seele“ übersetzen lässt und den Bildungsanspruch der Bibliothek bis heute symbolisiert.

Der Bestand umfasst rund 170.000 Bücher. Von besonderer internationaler Bedeutung sind etwa 2.100 mittelalterliche Handschriften sowie zahlreiche frühmittelalterliche Codices. Darunter befinden sich einige der ältesten vollständig erhaltenen Bücher Europas. Hinzu kommen wertvolle Musikhandschriften, frühe Drucke und Dokumente zur Klostergeschichte. Gemeinsam mit dem Klosterbezirk wurde die Stiftsbibliothek 1983 in die UNESCO Welterbeliste aufgenommen.

Bibliotheken werden oft als Orte der Stille beschrieben. Während vieles im Alltag von Geschwindigkeit und ständiger Verfügbarkeit geprägt ist, laden sie dazu ein, innezuhalten, zwischen Büchern und zwischen den Epochen. Ob Renaissance in Sélestat, wilhelminische Monumentalarchitektur in Straßburg oder barocke Pracht in St. Gallen: Jede dieser Bibliotheken erzählt ihre eigene Geschichte. Gemeinsam zeigen sie, dass Wissen nicht nur in Büchern steckt, sondern auch in den Räumen, die es seit Jahrhunderten bewahren.

Foto:


Stiftsbibiliothek St. Gallen; Copyright: Rainer Halama

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Alisa Bucher