Nachhaltig

Lichtblicke inmitten von Klimakrise und Atomausfall: Es gibt sie noch, die guten Nachrichten

Wie schön, dass die finale Stilllegung des AKW Fessenheim, allen Prognosen von Blackout-Propheten zum Trotz, seit mehr als 6

Lichtblicke inmitten von Klimakrise und Atomausfall: Es gibt sie noch, die guten Nachrichten

Wie schön, dass die finale Stilllegung des AKW Fessenheim, allen Prognosen von Blackout-Propheten zum Trotz, seit mehr als 6 Jahren fast völlig unbemerkt blieb. Sogar derart unbemerkt, dass gleich drei beteiligten Journalisten, die im August in der FAZ über Hitzestress für und durch Atomkraftwerke in ganz Europa schrieben, nicht auffiel, dass die beiden Blöcke im Elsass schon seit 2020 gar nicht mehr am Netz sind. Entgegen ihrer Darstellung blieb der zusätzliche Hitzestress durch Fessenheim dem Rhein erspart. Eigentlich ein Grund zum Feiern.
Das Klima-Fieber von Atomkraftwerken in Europa und deren Hitze-Belastung für die Aqua-Fauna bekam eine bemerkenswerte mediale Aufmerksamkeit. Atomausfälle in Rumänien und Bulgarien; Erfolglose Verzweiflungstaten wie Felssprengung und Schiffe-Versenken für atomaren Niedrigwasserdurst in der Donau; Energiekrise in Ungarn; AKW-Drosselungen in Frankreich, auch Klima-Quallen boykottierten wieder die Kühlwasserzufuhr. Direkt vor unserer Haustür überschritten Rhein und Aare immer wieder die 25°C-Marke. Dieser Grenzwert hätte noch vor 2 Jahren zur Abschaltung geführt, denn sowohl die Wasserentnahme als auch das Einleiten erhitzten Kühlwassers forcieren den Temperaturanstieg, der die Löslichkeit von Gasen reduziert. Das kennt man von der sonnenverwöhnten Sprudelflasche, die beim Öffnen heftig zischt.
Da der Klimawandel immer häufiger dazu führt, dass diese Sauerstoff-kritische Temperatur erreicht wird, hat der rechtsnationale Schweizer Energieminister Albert Rösti diese Regel kurzerhand abgeschafft. Ein gängiges Muster in der atomaren Alpenrepublik: Grenzwerte werden sofort angehoben oder gestrichen, sobald sie erreicht werden. Und wen kümmert’s, dass der Rhein ein internationales Gewässer ist?
Nun emotionalisieren tote Fische und Insektenlarven nicht ansatzweise so ergreifend, wie z.B. Rotmilane. Anders als bei toten Greifvögeln, die – unabhängig vom Fundort – gerne mal vor Windrädern zur Schau gestellt werden, finden sich für Forellen, die mit ausgebreiteten Flossen und betretener Mine vor einer AKW-Kulisse hochgehalten werden, weder willige Lokalredaktionen noch Internetforen, die solche Bilder in den Umlauf bringen.

„Die Wirtschaft“
So lange es keine Bilder gibt, haben es einige Themen schwer. Landwirte, die vor zwei Jahren noch mit Traktoren und erhängten Ampeln für billigen Diesel, auf langen Fahrten nach Berlin eben diesen verheizten, konnten sich offenbar nicht vorstellen, was billiger Diesel mit ihrer Ernte anrichtet. Durch den Hitzesommer ist es unübersehbar. Für einen Super-GAU in einem Schweizer Altmeiler, der mit einem Schlag die Existenzgrundlage tausender Bauernfamilien zerstört, gibt es (noch?) keine Bilder. Es gibt auch keine Bilder, die Manager:innen und Angestellten deutlich machen, was eine Atomkatastrophe für mehrere Hunderttausend Betriebe im Ländle bedeutet. Eine radioaktive Wolke macht im Zweifel alles zunichte: Job, Betriebsstätte, Investitionen, Existenzgrundlage.

Noch mehr gute Nachrichten
Nun gibt es aber auch gute Nachrichten zu diesem Thema, und die haben vermutlich die meisten Menschen übersehen. Denn es geschah während der Fußball-WM der Männer, einem Zeitraum, der wie kein anderer geeignet ist, einem Heuhaufen eine Stecknadel unterzujubeln. Das Regierungspräsidium Freiburg hat Ende Juni Informationen über neue Katastrophenschutz-Planungsradien in den weltweiten Heuhaufen, das Internet, eingestellt. Hier wurde also – teilweise – umgesetzt, was die Strahlenschutzkommission 2014, in der Folge von Fukushima, gefordert hatte. Gut. Die Katastrophenschutz-Planungsradien um die grenznahen Schweizer AKW wurden deutlich erweitert, so dass auf einmal Gemeinden wie Freiburg, Offenburg, Sigmaringen oder Friedrichshafen offiziell von Plänen zur Verteilung von Iod-Tabletten oder Evakuierungen auftauchen, die in der veralteten Notfallschutzbroschüre noch nicht sichtbar waren.

Mittelstufenschüler:innen aufgepasst
Die Radien wurden vergrößert. Der Radius der Zentralzone wurde von 2 auf 5 km erweitert. Der Mittelzonen-Radius wurde von 10 auf 20 km verdoppelt und der Außenzonen-Radius legte gleich 75 km zu, von 25 auf 100 km. Praktische Anwendung für die Berechnung einer Kreisfläche (A=πr2): Vervierfacht sich der Radius r eines Kreises, so versechszehnfacht sich dessen Fläche A. Grüße gehen raus an alle Teachers4future!
Als dieser Zufallsfund (https://rpf.baden-wuerttemberg.de/abt1/ref16/notfallschutz-kkw-faq/) bekannt wurde, unterrichtete der Trinationale Atomschutzverband, TRAS, alle aufgeführten Gemeinden über die neuen Planungsgebiete für Notfallschutzmaßnahmen, mit der Empfehlung, die aktuelle Einstufung und die getroffenen Notfall-Vorkehrungen zu prüfen und sowohl die jeweiligen Gemeinderät:innen als auch die Öffentlichkeit über diese Änderungen und möglichen Folgen eines Atomunfalls zu informieren.

Nur wenige Mausklicks
Die atomkritische Organisation ausgestrahlt.de unterstützt Menschen, die wissen möchten, wie ihre Gemeinde ihre Einwohner bei einer Atomkatastrophe schützt. Sie stellt dafür ein Tool auf ihrer Website zur Verfügung. Wer seine Postleitzahl eingibt, kann mit wenigen Mausklicks eine E-Mail an seine kommunalen Abgeordneten innerhalb der Katastrophen-Planungszonen verschicken und so die Informationen über Evakuierungspläne, Iodtabletten-Ausgabe-Stellen, Verhaltensregeln, Notfallstationen u.v.m erfragen. Die Volksvertreter:innen sind aufgefordert, wichtige Fragen zu beantworten, wie z.B.: Welche Notfallschutzmaßnahmen sind für unsere Gemeinde für den Fall eines Atomunfalls in der Schweiz geplant?; Wie und von wem werden diese Maßnahmen umgesetzt?; Wie lange müsste sich die Bevölkerung bei Durchzug einer radioaktiven Wolke im Keller aufhalten?; Was passiert mit Kindern und Jugendlichen in Kindergarten und Schule?; Wie soll die Verteilung von Jodtabletten ablaufen?; Kann auch in unserer Gemeinde eine Evakuierung erforderlich werden?

Good News: Man muss sich nicht alles gefallen lassen
Die Aktivitäten von TRAS und ausgestrahlt.de sind in einem brandaktuellen Kontext zu sehen. In der Schweiz kocht eine Atomdebatte hoch. Rechtsnationale und konservative Kräfte versuchen, das AKW-Neubau-Verbot, das 2017 durch einen Volksentscheid gesetzlich verankert wurde, zu kippen. Mit einer fragwürdigen Blackout-Initiative, gekauften Stimmen, und parlamentarischen Überrumpelungs-Manövern versuchen hartgesottene Lobbyisten, den Boden zu bereiten, dass die eidgenössischen Altmeiler Überzeitbetriebe von bis zu 80 Jahren realisieren können. Weder AKW-Neubauten noch Laufzeiten bis Ultimo wären finanzierbar. Auch deren wirtschaftlicher Betrieb könnte bei wachsender preiswerter erneuerbarer Konkurrenz nicht garantiert werden. Gerade erst hat die Schweizerische Akademie der Naturwissenschaften einen brisanten Bericht veröffentlicht, demzufolge ein einziger neuer Reaktor, noch bevor er die erste Kilowattstunde produziert, bis zu 45 Milliarden Almdollars verschlingen könnte. Daher versucht die Schweizer Atomlobby gerade, mit allen politischen, juristischen und halbseidenen Kniffen, Wege zu finden, um die Konten der Stromverbraucher bzw. der Steuerzahler:innen zu plündern.

Nein zu neuen AKW!
Dagegen hat sich nun ein breites Bündnis aus Parteien – von Grün bis zu konservativen Frauen – und NGOs zusammengefunden. Sie haben gegen die Atompläne ein Referendum lanciert, dass im Februar 2027 darüber entscheidet, ob das AKW-Neubauverbot gekippt wird und damit auch der Weg für den gefährlichen Überzeitbetrieb der Altmeiler geebnet wird.
Die Schweizer Atomlobby sollte man nicht unterschätzen, sie scheint sich gerade – auch mit internationaler Hilfe – aufzustellen. Sollte ihnen ihr Coup gelingen, wären die Menschen im 100 km Radius, und noch weit darüber hinaus, noch lange Jahre von den grenzenlosen Risiken bedroht, für die man hier Katastrophen-Szenarien entwirft, ohne zu wissen, ob sie im Ernstfall funktionieren.

Foto: Die spinnen die Helvetier – Asterix Obelix AKW Montage © Eva Stegen


About Author

Eva Stegen