Über die Messlatte gesprungen: Die neuen Osterfestspiele Baden-Baden können bei 18000 Besuchern künstlerisch überzeugen
Dreizehn Jahre Berliner Philharmoniker bei den Osterfestspielen Baden-Baden mit Sir Simon Rattle und ab 2022 Kirill Petrenko sind mit
Dreizehn Jahre Berliner Philharmoniker bei den Osterfestspielen Baden-Baden mit Sir Simon Rattle und ab 2022 Kirill Petrenko sind mit dem Weggang des Orchesters nach Salzburg passé. Mit Joana Mallwitz und Klaus Mäkelä als dirigentische Doppelspitze und dem Mahler Chamber Orchestra, das neben drei „Lohengrin“-Vorstellungen auch ein Konzert mit der Pianistin Hélène Grimaud und Brittens „War Requiem“ spielte, und dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam richtete Intendant Benedikt Stampa die Osterfestspiele in diesem Jahr ganz neu aus. Neben einer inspirierten, feierlichen, sehr getragenen „Matthäuspassion“ und einer ausmusizierten, ein wenig zu glatten 8. Symphonie von Anton Bruckner blieb vor allem das 1. Violinkonzert von Max Bruch mit Daniel Lozakowich und die 5. Symphonie von Gustav Mahler in Erinnerung, die Klaus Mäkela und das groß aufspielende Amsterdamer Orchester zu einem existentiellen Musikerlebnis machten. Die Messlatte hatten die Berliner Philharmoniker in der Vergangenheit in Baden-Baden hochgelegt – das Royal Concertgebouw Orchestra sprang an diesem Abend drüber: mit einem bis ans letzte Pult homogenen Streicherklang, mit delikaten Holzbläsersoli, mit einer Solohornistin (Katy Woolley) und einem Solotrompeter (Omar Tomassoni) vom anderen Stern und vor allem mit einer Teamleistung, die alles dem Gesamteindruck unterordnet.
Klaus Mäkelä, Chefdirigent ab der Saison 2027/28, führt dieses groß besetzte Spitzenorchester, ohne es zu dominieren. Sein Dirigat verbindet Klarheit mit Kraft und Eleganz. Im zweiten Satz „Stürmisch bewegt“ forcieren die Streicher den Klang. Ein aufgewühltes Meer, durch das Mäkelä mit sicherem Stand das Schiff steuert und dabei auch in den Celli wunderbare Sehnsuchtsorte entstehen lässt. Der Choraldurchbruch scheitert, der Schrecken kommt fratzenhaft zurück und wird im Scherzo im ständigen Wechsel von Gemütlichkeit und alptraumhaftem Weltgetümmel gesteigert. Ungebrochen ist nur das Alma Mahler gewidmete Adagietto, wenn auch von großer Traurigkeit. Im Festspielhaus erklingt es luftig und warm im Ton. Und schöpft Atem vor dem kontrapunktisch unterwanderten Rondofinale, dessen von den fantastischen Blechbläsern zum Strahlen gebrachter Choral am Ende nicht zurückgenommen wird. Danach drückt Mäkelä nochmals aufs Tempo, um Mahlers Angabe „bis zum Schluss beschleunigend“ Wirklichkeit werden zu lassen. Standing Ovations im Festspielhaus für ein existentielles Konzerterlebnis.
Auch sonst ist bei den Kammerkonzerten, dem liebevollen Begleitprogramm und dem groovenden Aufeinandertreffen von Bundesjugendorchester und Bundesjazzorchester (Leitung: Jonathan Stockhammer) viel Begeisterung zu erleben. Auch Intendant Benedikt Stampa zeigte sich im Pausengespräch erfreut: „Künstlerisch wurden unsere Erwartungen noch übertroffen.“ Auch mit den rund 18 000 verkauften Tickets sei er zufrieden. Das seien zwar 2000 Besucher weniger als im letzten Jahr, als sich die Berliner Philharmoniker verabschiedeten, aber mehr als 2024, als „Elektra“ gespielt wurde. „Das Publikum ist großenteils bei uns geblieben“, sagt Stampa – eine genaue Besucher-Analyse steht noch aus. Man hörte jedenfalls neben Englisch, Französisch, Russisch und Japanisch erstmals auch Niederländisch im Festspielhaus. Die harte Zäsur mit dem Abschied der Berliner Philharmoniker haben Stampa und sein Team sportlich genommen. „Das ist auch eine Chance, uns von den Berliner Philharmonikern zu emanzipieren und unsere eigenen Osterfestspiele Baden-Baden zu entwickeln.“
Zum 200. Todestag Ludwig van Beethovens wird es im nächsten Jahr den „Fidelio“ in der Regie von Krzysztof Warlikowski, die „Missa solemnis“ und die 7. Symphonie geben, dazu unter anderem das Mozart-Requiem und Berlioz’ „Symphonie fantastique“. Das modernste Werk in den Konzerten des Mahler Chamber Orchestra und des Royal Concertgebouw Orchestra ist das 1904 uraufgeführte Violinkonzert von Jean Sibelius. Als künstlerisch besonders ambitioniert kann dieses Programm nicht gelten. Stampa spricht von erhofften „exzeptionellen Aufführungen“ und davon, dass er auch immer unternehmerisch denken müsse. Dass sich in diesem Jahr entgegen der Erwartung das „War Requiem“ gut verkaufte, spricht aber durchaus für die Aufgeschlossenheit des Publikums. Und davon, dass man nach erfolgreichem Start der neuen Osterfestspiele in Baden-Baden in Zukunft ruhig noch mutiger sein könnte.
Tickets für die Osterfestspiele 2027: www.festspielhaus.de/festivals/osterfestspiele
Bild: Die Matthäuspassion bei den Osterfestspielen 2026 © Michael Gregonowits




