Theater

Frieden probieren: Sina Heiss hat „Troja! Blinde Passagiere im trojanischen Pferd“ als Klassenzimmerstück inszeniert

Wie trügerisch so ein Frieden sein kann, wissen wir mittlerweile auch in Westeuropa. Aber man kann es ja verstehen,

Frieden probieren: Sina Heiss hat „Troja! Blinde Passagiere im trojanischen Pferd“ als Klassenzimmerstück inszeniert

Wie trügerisch so ein Frieden sein kann, wissen wir mittlerweile auch in Westeuropa. Aber man kann es ja verstehen, dass der Küchenjunge Spourgitis (Alduin Gazquez) nur zu gerne daran glaubt, dass die Belagerung seiner Heimatstadt aufgehoben ist und endlich Frieden herrscht. Nach zehn Jahren will er endlich einmal das Meer sehen, ohne dass 1186 Kriegsschiffe den Horizont verstellen. Die Griechen sind weg, geblieben ist ein merkwürdiges Holzpferd. Um es in die Stadt zu bringen, bricht man eigens ein Stück Befestigung ab. Der Rest ist Geschichte, Mythos oder Literatur, wie man will. Spourgitis hätte vielleicht die Stadt Troja noch warnen können, als er beobachtet, wie ein Krieger nach dem anderen an einem Seil das Pferd verlässt. Stattdessen hievt er sich selbst in dieses. Es ist zu diesem Zeitpunkt der sicherste Ort in ganz Troja. Wäre da nicht die junge Griechin Briseis (Lisa Bräuniger). Paris ist ihr Held. Sie macht sich Mut, in den Kampf um Troja zu ziehen, er glaubt, sie feuerte ihn beim Hochklettern an. Ein Missverständnis steht gleich am Anfang ihrer Begegnung, es wird nicht das letzte bleiben. Aber wie heroisch ist es, einen unbewaffneten Jungen im gleichen Alter zu töten, nur weil er zufällig der Feind ist? Das Theater im Marienbad hat das Stück „Troja! Blinde Passagiere im trojanischen Pferd“ von Henner Kallmeyer in ein Klassenzimmer des Freiburger Goethe-Gymnasiums verlagert. Das Klassenzimmer ist sozusagen das Trojanische Pferd, in dem junge Menschen zum Frieden erzogen werden. Auch wenn dies den Plänen von Merkur (Julia-Sofia Schulze) widerläuft. Er will unbedingt eine Seele zum Hades geleiten. Als überzeugter Fashionista trägt er keine Flügel an den Fersen, stattdessen sind die Ärmel mit Federn besetzt (Ausstattung: Angelika Katzinger).

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Kallmeyer wurde beim Schreiben von der russischen Invasion in die Ukraine überrascht, seit der Uraufführung 2023 dürfte es noch mehr Trojanische Pferde oder auch Klassenzimmer brauchen. Man merkt jeder Zeile an, dass sich „Troja!“ an die Gegenwart richtet. Sina Heiss lässt in ihrer Inszenierung Tafel, Overhead-Projektor und Zimmerpflanzen am Rand und konzentriert sich auf wenige Tische, die immer wieder anders arrangiert werden. Sie sind das Trojanische Pferd, ein Catwalk für Merkur und Helena, Percussioninstrumente sowie die Richterbank, auf der das Urteil über den Mythos gesprochen wird – wurde Helena von Paris entführt oder folgte sie ihrem Geliebten bereitwillig nach Troja? Bräuniger, Gazquez und Schulze zeigen Kurzfassungen dieser beiden konkurrierenden Versionen, die an den jeweiligen Herdfeuern immer wieder erzählt werden: comicartig, voll mit komischen Posen. Überhaupt ist ihr Spiel sehr physisch, Briseis bringt sich mit einem Holzstab gegen Spourgitis in Stellung, sie jagen sich um die Tische. Die Bühne wird bis unter die Zuschauerreihen erweitert, doch trotz aller Dynamik sind da leise Momente, eine Sehnsucht nach Nähe und einer Normalität, die keiner von beiden erlebt hat. Schnell wird klar, wie unterschiedlich die Temperamente der beiden sind. Briseis verliert kaum mal die Körperspannung, während Spourgitis ein Jojo aus der Hosentasche holt. Einmal reden sie wie ganz normale Jugendliche über Schuhmarken. Doch da Troja seit zehn Jahren belagert wird, trägt man dort keine hippen Sachen. Briseis wiederum war der Krieg Vater und Mutter, sie hat nie dazugehört. Schnell wird auch klar, hier könnte etwas anderes entstehen als Feindschaft, etwas das weit über den Moment hinausdauert, in dem niemand durch die Hand des anderen stirbt. Es sind kurzweilige und sehenswerte 70 Minuten, die zeigen, wie Theater Vergangenes und Zukünftiges vergegenwärtigen kann.

Troja! Blinde Passagiere im trojanischen Pferd. Ab 10 Jahren. Infos zu Terminen: www.marienbad.org

Foto: Das Theater im Marienbad hat das Stück „Troja! Blinde Passagiere im trojanischen Pferd“ in ein Klassenzimmer des Freiburger Goethe-Gymnasiums verlegt © Jennifer Rohrbacher

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Annette Hoffmann