Kleiderschwemme: Im Berner Gastspiel „#lookoftheday“ am Theater Freiburg ist die Textilindustrie ein Stationendrama
Sobald man sich beim Gedanken ertappt, nichts zum Anziehen zu haben, sollte man einfach mal durchzählen, was sich so
Sobald man sich beim Gedanken ertappt, nichts zum Anziehen zu haben, sollte man einfach mal durchzählen, was sich so im eigenen Kleiderschrank befindet. Durchschnittlich besitzt ein Erwachsener in Deutschland 87 Kleidungsstücke, Frauen gut dreißig mehr als Männer. Dass dabei nur die wenigsten fair und ökologisch vertretbar produziert wurden, versteht sich fast von selbst. Die Zahlen stammen aus einer umfassenden Recherche des Berner Magazins Reportagen. Regisseur Gernot Grünewald gehörte mit zum Reiseteam; aus den Begegnungen, Geschichten, Fakten und Zahlen zur globalen Textilindustrie ist sein Abend „#lookoftheday“ entstanden. Der Regisseur befasste sich in früheren Arbeiten bereits mit der deutschen Kolonialgeschichte und Verschickungskinder im Zweiten Weltkrieg. Dass die Produktion der Bühnen Bern, an der auch das vierköpfige Ensemble Jeanne Devos, Lou Haltinner, Fritz Manhenke und Genet Zegay mitgeschrieben haben, jetzt auch am Theater Freiburg zu sehen ist, verdankt sich dem Programm X-Change. Secondhand hat im Zusammenhang von Fast Fashion einen mehr als guten Klang.
Auf der Bühne des Kleinen Hauses sind jeweils hinter einer Gaze vier Kojen zu erkennen, die spärlich möbliert sind (Bühne: Michael Köpke). Sie sind ein bisschen größer als Umkleidekabinen, aber wer kauft denn überhaupt noch stationär? Mode mag einmal ein Handwerk von großer Tradition gewesen sein, doch „#lookoftheday“ zeigt, eigentlich sind Kleidungsstücke auch nur Daten. Vor allem das Kapitel über den chinesischen Online-Händler Shein gibt einen Einblick, wie die Welt der Fast Fashion funktioniert. Seit Beginn der Industrialisierung ist die Textilbranche Motor des Kapitalismus mit den bekannten Auswirkungen auf die Umwelt. Die Ausbeutung der Arbeiterinnen und Arbeiter hat die Produktion von Stoffen und Kleidung immer begleitet, heute ist der Raub geistigen Eigentums hinzugekommen.
Doch jetzt betreten erst einmal die drei Schauspielerinnen und der Schauspieler die Bühne, die sich Stapel an Kleidung übergeworfen haben (Kostüme: Ariane Königshof). Man sieht kaum mehr als ihre klobigen Sneaker (auch das ist ein Thema, das in der Reportagen-Ausgabe behandelt wird). Wenn dann noch die Säcke, die in Rollwägen aufeinander gestapelt liegen, ausgeleert sind, ist die ganze Bühne mit einer Kleiderschwemme bedeckt. „#Lookoftheday“ ist nach Orten organisiert, die für verschiedene Aspekte der Textilindustrie stehen. Die Automatisierung von ehemals kreativen Prozessen bei Shein, die heute in Singapur produzieren, der Anbau von Baumwolle in Indien, wo mit Kala eine alte Sorte kultiviert wird, die wenig Wasser braucht und robust ist gegenüber Krankheiten und Schädlingsbefall. Vielleicht sind diese indischen Bauern die glücklichsten Menschen der ganzen Branche – allerdings beläuft sich der Anteil an Biobaumwolle in der globalen Kleiderproduktion auf lediglich ein Prozent. Eine andere Station ist der Altkleidermarkt Kantamanto in Ghana, wo sortiert und aufgewertet wird. Das Ensemble spiegelt unsere Gier nach dem nächsten It-Piece wider oder nach einem anderen Ich, es filmt sich als Influencer, die Gesichter sind groß auf die Gazen projiziert. Und es erzählt lokale Geschichten wie die der Appenzeller Textilhandelsfamilie Zellweger, die nicht nur Flachs verarbeitete, sondern eben auch Baumwolle aus Sklavenarbeit. Das in der Schweiz aufzuarbeiten, ist ein Fortschritt. Wie viele andere Dokumentartheaterstücke steht auch „#lookoftheday‘ unter dem Paradox einerseits offene Türen einzurennen, andererseits das Kaufverhalten nicht zu verändern. Auch dies ist Teil des Stückes, das mit einer Länge von knapp zwei Stunden etwas zu sehr auf die Kraft des Erzählens setzt.
Weitere Vorstellungen: 17. Mai, 9./11. und 20. Juni, Kleines Haus, Theater Freiburg.
Bild: Annette Boutellier




