Oper Theater

Die Bühne wird zum Wimmelbild: Giuseppe Verdis „Rigoletto“ am Theater Freiburg mit vielen Gauklern und Gaunern

Eigentlich ist der Graf von Monterone eine Nebenfigur. Er verflucht den Herzog von Mantua, weil dieser seine Tochter missbraucht

Die Bühne wird zum Wimmelbild: Giuseppe Verdis „Rigoletto“ am Theater Freiburg mit vielen Gauklern und Gaunern

Eigentlich ist der Graf von Monterone eine Nebenfigur. Er verflucht den Herzog von Mantua, weil dieser seine Tochter missbraucht hat – und den Hofnarr Rigoletto für dessen Spott. Am Theater Freiburg steht Michael Borth als Monterone schon zu Beginn von Giuseppe Verdis „Rigoletto“ auf der Bühne. Das von Verdi bereits in der Ouvertüre vorgestellte, in der Oper mehrfach wiederkehrende dissonante Fluchmotiv erhält ein menschliches Gesicht. Monterone bricht zusammen. Sein Schluchzen wird zum Lachen, das die den Schauplatz bevölkernde Gauklertruppe verstärkt. Auch das Premierenpublikum darf, dirigiert vom Herzog persönlich, mitlachen. Die Bühne wird zum Wimmelbild, in dem es nicht so einfach ist, sich zurechtzufinden. Wer ist wer? Masken überall. Selbst die Hofgesellschaft ist Teil dieser bunt gekleideten Narrenwelt.
Für die Regisseurin Emily Hehl ist das Orchester sowohl Zentrum der inneren Auseinandersetzung als auch Sinnbild für Rigolettos Ausgesetztsein. Deshalb hat sie es auf der Bühne auf Marmortreppen platziert. Die Spielfläche erweitert sich so über den geschlossenen Orchestergraben hinweg bis direkt zum Publikum. Vor allem vor der Pause sorgt dieses Setting der Bühnenbildnerin Agata Skwarczynska aber auch für Probleme, weil wegen der schwierigen Koordination immer wieder Ungenauigkeiten zwischen Orchester, Solistenensemble und Chor auftreten. In sich agiert das Philharmonische Orchester aber homogen und entfaltet musikalisch eine große Bandbreite von tänzerischer Leichtigkeit bis zu präzise gezeichneter Dramatik. Lonhinov lässt die Kontraste nicht aufeinanderprallen, sondern vermittelt zwischen den Extremen.
Diese Geschmeidigkeit fehlt Juan Orozco ein wenig in der Titelpartie. Sein Rigoletto verfügt zwar über eine enorme dramatische Wucht und eine starke Bühnenpräsenz, aber die Zwischentöne werden von ihm nur selten zum Klingen gebracht. Dabei ist der zunächst spottende, dann verspottete Narr auch liebender Vater seiner Tochter Gilda. Cassandra Wright gibt sie mit ihrem schlanken, über eine stratosphärische Höhe verfügenden Sopran als verletzliches Mädchen, das erst vom Herzog von Mantua zur Frau geküsst wird. Während Sahel Salam als hell timbrierter Herzog mit leuchtendem Tenor das Duett „È il sol dell’anima“ anstimmt, löst sie ihren bodenlangen Zopf. Vor ihrer Arie „Caro nome“ befreit sie ihre Doppelgängerin aus dem Käfig. Zu Wrights vokalen Höhenflügen zieht sich die Luftartistin Alexandra Hanisch am Vertikalseil hoch und hängt kopfüber zwischen Theaterhimmel und Bühnenboden. Das ist spektakulär in der Wirkung, aber auch zu viel Action für diese lyrische Szene. Wie überhaupt im ersten Teil dem reizüberfluteten Abend mehr Fokussierung gutgetan hätte.
Die von Lila Chrisp (Giovanna) am Akkordeon und Klarinettist Oliver Shermacher angeführten Spielleute inklusive Bär und Esel (Kostüme: Emma Gaudiano) sorgen immer wieder für Lacher. Im mit einer langen Improvisation beginnenden dritten Akt sitzt das Orchester noch näher am Publikum. Nun entsteht eine hohe Intensität, wenn der von Rigoletto beauftragte Sparafucile (mit schwarzem Bass: Jin Seok Lee) mit seiner Schwester Maddalena (stark: Anja Jung) über den bevorstehenden Mord am Herzog diskutieren oder Monterone selbst die Mitternachtsglocke schlägt. Die dramatische Zuspitzung am Ende, bei der das Orchester die Handlung komplett bestimmt und der Summchor der Männer Schrecken verbreitet (Chordirektor: Norbert Kleinschmidt), wird durch die Nähe zu den Musikerinnen und Musikern verstärkt. Auch das letzte Duett zwischen der sterbenden Gilda und dem verzweifelten Rigoletto gelingt Cassandra Wright und Juan Orozczo tief berührend. Der Fluch des Monterone ertönt ein letztes Mal, die Spielleute kommen zurück. Keine Empathie, sondern ein Lachen, das durch Mark und Bein geht. Nur Monterone lacht nicht.

Nächste Vorstellungen: 28. Febr., 7. März, 6./16./19. April. Tickets unter www.theater.freiburg.de oder tel. unter 0761 201 2853

Bild: David Severin, Roberto Gionfriddo, Lluis Arratia, Opernchor © Alexandra Polina

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Georg Rudiger