Interview UNIversalis Veranstaltung

„Statt Angst zu haben, bereite ich mich gut vor“: Im Gespräch mit Jolanda Linschooten, Abenteurerin, Fotografin, Autorin

Die Niederländerin Jolanda Linschooten ist mit Leib und Seele Abenteuerin, Fotografin, Filmemacherin, Autorin und Ultra-Trail-Runnerin. Sie durchquerte Alaska zu

„Statt Angst zu haben, bereite ich mich gut vor“: Im Gespräch mit Jolanda Linschooten, Abenteurerin, Fotografin, Autorin

Die Niederländerin Jolanda Linschooten ist mit Leib und Seele Abenteuerin, Fotografin, Filmemacherin, Autorin und Ultra-Trail-Runnerin. Sie durchquerte Alaska zu Fuß, mit dem Mountainbike und mit dem Kanu, lief bei minus 47 Grad mit Skiern und Schlitten durch Kanadas Wildnis und reiste per Ski und Kite durch Grönland. In Freiburg ist sie am 1. Februar 2026 zu Gast auf dem 22. MUNDOLOGIA-Festival und wird von ihren Reisen in die entlegensten Winkel Skandinaviens berichten. Mit Janine Böhm sprach sie über ihre Verbundenheit mit der Natur, einsame Nächte unter Polarlichtern und Kanutouren ohne Ziel.

UNIversalis: Wenn Dich jemand nach Deinem Beruf fragt, wie erklärst Du, was Du tust und warum Du es tust?

Mit ihrem Hund auf Abenteuerreise Foto: Jolanda Linnschooten

Jolanda Linschooten: Berufsaben-teurerin wollte ich schon immer werden. Schon damals in der Schule. Aber ja, das ist kein richtiger Beruf und deshalb habe ich diesen Wunsch viele Jahre verdrängt. Bis meine Mutter, kurz bevor sie starb, zu mir sagte: „War das jetzt alles? Eigentlich hätte ich das ganz anders machen wollen.” Diese Worte haben mich dann dazu gebracht meinen sicheren Job im Schuldienst aufzugeben und Berufsabenteurerin zu werden. Das ist 25 Jahre her. Damals habe ich mir gesagt: Wenn es nicht funktioniert, habe ich es wenigstens probiert. Ich kann ja immer noch zurück und in der Schule arbeiten! Stimmte aber nicht. Diese Freiheit, mein Leben vollkommen selbst zu gestalten und meinem Herz zu folgen, machte es mir unmöglich, in meinen alten Beruf zurückzukehren.

UNIversalis: Gab es besondere Erlebnisse und Begegnungen, die Deine Art zu leben entscheidend geprägt haben?

Jolanda Linschooten: Am Anfang war ich voller Ehrgeiz und Unruhe. Vielleicht weil ich jung war, aber sicherlich auch, weil ich sportlich gerne vorne mit dabei war. Ich war ja nicht ohne Verpflichtungen Berufsabenteurerin, so sagte ich mir selbst, ich hatte Sponsoren, die wollte ich nicht enttäuschen! Ich lief Wettbewerbe in den Bergen, gewann den 120 km langen Ultra-Trail Du Mont Blanc durch die Alpen und den 160 km langen Ultramarathon Grand Raid über die Insel in La Réunion. Ich wurde niederländische Meisterin im 100 km Straßenlauf. Aber immer öfter fragte ich mich, ob es wirklich meine Sponsoren waren, die ich nicht enttäuschen wollte. Ging es nicht viel mehr darum, mich selbst nicht zu enttäuschen, um am Ende nicht fragen zu müssen: War das jetzt alles? Und dann fing es an unstimmig zu werden. Mein Ehrgeiz, sportlich alles zu geben und meine Liebe zur Naturfotografie – beides passte immer weniger zusammen. Für das eine musste ich beschleunigen, für das andere entschleunigen.
Ich habe mich dann dazu entschieden, alles langsam anzugehen und vollkommen in die Natur einzutauchen.

Wildes Skandinavien Foto: Jolanda Linnschooten

UNIversalis: Was reizt Dich daran, ganz alleine in der Wildnis unterwegs zu sein?

Jolanda Linschooten: Nur wenn ich alleine in der Natur bin, kann ich mich wirklich ganz als Teil davon fühlen. Das braucht sehr viel Zeit. Dieses Gefühl ist nicht am ersten Tag da und vielleicht auch nicht am siebten. Das Empfinden von Demut hat damit zu tun. Wenn man Angst hat, ist man nicht verbunden, dann ist man nicht zuhause, man hat zu wenig Erfahrung, zu viel Ehrgeiz, zu wenig gelernt, was es bedeutet dort draußen still zu sein, Spuren zu suchen, Tiere zu beobachten. Die Stille kennenzulernen, führte dazu, dass meine Sinne sich weiter geöffnet haben als je zuvor. Wir sind es nicht gewohnt nur zu beobachten, nur zu hören. Wir reden viel zu viel, wollen immer unterhalten und abgelenkt werden. Als ich zum ersten Mal richtig alleine, tief in die Natur war, hat mich das sehr unruhig gemacht. Ich hatte Ängste und Langeweile. Alles zieht vorbei. Aushalten. Kopf zu, Herz offen. Und dann? Ja dann! Dann wurde es erst richtig gut. Als ob ich neu geboren wurde. Vielleicht auch, weil ich durchgehalten habe.

UNIversalis: Wo schläfst Du unterwegs?

Jolanda Linschooten: Am liebsten übernachte ich im Zelt, im Biwacksack. Manchmal baue ich mir eine Schneehöhle oder sogar ein Iglu. Es gibt nichts Schöneres als nach einigen Stunden Schneeschaufeln, Blöcke schneiden und tragen im eigenen Haus zu schlafen. Dann fühle ich mich mehr verbunden mit den Menschen, die vor Jahrhunderten lebten.

UNIversalis: Sind einsame Nächte alleine in der Wildnis nicht zum Fürchten?

Jolanda Linschooten: Nein, nicht mitten in der Natur! In Skandinavien und Grönland, wo ich in den letzten Jahren oft war, habe ich gelernt die Tiere zu lesen. Das bedeutet nicht, dass ich sicher wäre vor Beurteilungsfehlern oder es keine Gefahren gibt. Diese Angst, dass etwas schiefgehen könnte, überkommt mich oft vor der Abreise. Ich frage mich dann jedes Mal: Muss ich das jetzt wirklich machen? Ich möchte ja nicht sterben. Ich will nicht von einem Eisbären gefressen werden. Aber ich habe begriffen, dass mir diese Ängste nicht weiterhelfen. Wenn ich auf sie hören würde, könnte ich meine Träume nicht verwirklichen. Statt Angst zu haben, bereite ich mich sehr gut vor. Ich lerne soviel wie möglich über die Tierwelt, die Wildnis, die Kälte und vor allem über mein Verhalten. Und wenn ich dann da draußen bin, ist die Angst eigentlich immer weg. Weil ich weiß, ich bin da, wo ich sein möchte und habe alles dafür getan, mich so gut wie möglich vorzubereiten. Ein Restrisiko bleibt jedoch immer – das heißt Leben.

Jolanda genießt die Nächte in der Wildnis Foto: Jolanda Linnschooten

UNIversalis: Deine Reisen und die Reisen mit Deinem Mann Frank van Zwol zeichnen sich auch dadurch aus, dass Ihr immer aus eigener Kraft unterwegs seid. Ihr habt auch ein eigenes Kanu gebaut und seid damit wochenlang durch Schwedisch-Lappland gereist und später 1000 km nördlich des Polarkreises über den Inari-See gepaddelt. Was hast Du für Erinnerungen daran?

Jolanda Linschooten: Ja, stimmt. Meiner Meinung nach ist man wirklich Teil der Natur, wenn man zu einhundert Prozent da ist, ohne Motoren, aus eigener Kraft. Wir haben von einem hervorragenden schwedischen Lehrer gelernt selbst ein traditionelles Kanu zu bauen, so wie die Leute das seit Jahrhunderten in Schweden gemacht haben. Wir wollten Elsa Widebloms Tour machen, nach ihr hatten wir auch das Boot benannt. Elsa war 25 Jahre alt, als sie 1927 eine traumhafte Tour von sechs Wochen durch Schwedisch Lappland gemacht hat. Sie hat darüber ein kleines Buch geschrieben, das ich in einem Antiquariat gefunden habe. Es hat eigentlich alles in Gang gesetzt. Zuerst unseren Kanubau, dann unsere Reise auf ihrer Spur. Eine Kanutour ist immer eine Reise in die Stille, eine Reise zum Entschleunigen. Aber da wir das Ziel hatten, genau ihre Route zu fahren, 300 km über Seen, teilweiße auch Flüsse hinauf und hinab, waren wir doch irgendwie in Eile und immer auf dem Weg irgendwohin. Ich habe das damals nicht als etwas Negatives erlebt, aber als wir ein Jahr später wieder mit unserm “Wideblom-Kanu” nach Lappland reisten, diesmal, um in Finnland auf dem Inari-See zu paddeln, habe ich erfahren, wie gut es ist auch mal keinen Routenplan zu haben. Wir haben für drei Wochen Essen mit an Bord genommen und sind ohne Plan losgepaddelt. Einfach nur sehen, von Tag zu Tag, was das Wetter macht und worauf wir Lust haben. Ich habe gelernt, dass man erst dann wirklich da sein kann, wo man gerade ist, wenn man nicht länger unterwegs ist zu einem bestimmten Ziel.

UNIversalis: Neugierig auf die Polarnacht mit ihren bunten Lichtern hast Du alleine eine Skitour über die Finnmarksvidda zu einem geheimnisvollen Nordlichtobservatorium gemacht. Was war für Dich das Besondere an dieser Tour?

Jolanda Linschooten: Ich habe an der Uni in Tromsö einen Professor besucht, der sich mit Nordlichtern beschäftigt. Er hat mir dieses Observatorium empfohlen. Ich hatte die Möglichkeit mit dem Bus nach Alta zu reisen und dann ‘nur’ noch 1000 m mit Ski hinauf auf den Berg Haldde zu laufen, wo sich dieses einsame und von Menschen verlassene Observatorium befindet. In zwei Tagen machbar. Zum Glück habe ich mich anders entschieden. Ich wollte die ganze Reise mit Ski machen, in drei Wochen statt zwei Tagen. Nicht weil ich so gerne friere oder weil ich es liebe bei minus 25 Grad im Zelt zu übernachten. Nein, das alles gehört dazu und ich werde damit fertig, aber der Grund ist, weil ich 21 Tage mal 24 Stunden – das sind 504 Stunden! – unter Polarlichtern leben wollte. Es war manchmal höllisch. Es war aber auch himmlisch.

UNIversalis: Du hast auch Zeit mit den Menschen des hohen Nordens verbracht und bei dem indigenen Volk der Samen gelebt, deren Kultur auf der Rentierzucht fußt. Was waren das für Begegnungen?

Wildes Skandinavien Fotos: Jolanda Linnschooten

Jolanda Linschooten: Sehr beeindruckend. Es ist immer schwierig als Außenstehende etwas mitzubekommen. Zum Glück spreche ich Norwegisch und ein paar Wörter Samisch, das hat geholfen. Und auch meine Entscheidung, während meines Aufenthaltes in Kautokeino im Dezember, in der kalten Polarnachtzeit, nicht im Hotel zu schlafen, sondern in einem alten Lavvuzelt, war hilfreich. Ich wollte ein kleines bisschen erfahren, wie es ist so zu leben, so wie sie es jahrhundertelang getan und erfahren haben. Lagerfeuer im Zelt, immer Schnee kochen, Holz holen usw. Heute leben die Menschen in Kautokeino in Häusern, aber viele Familien haben trotzdem noch das alte Lavvuzelt auf dem Grundstück stehen. Als ich zum Kaffee zu Besuch kam, roch ich nach diesem Lagerfeuer in meinem Zelt und das hat, glaube ich, Türen geöffnet. Es hat jedenfalls nicht lange gedauert, bis ich ihnen bei der Arbeit mit den Rentieren helfen durfte. Es war wie ein Geschenk. Eine Art Vertrauen.

UNIversalis: Mit Deinen Fotografien, Filmen und Erzählungen lässt Du andere Menschen an deinen Erlebnissen teilhaben. Das Lauschen von Geschichten und Abenteuern – am Lagerfeuer oder im Vortragsaal – hat die Menschen seit Anbeginn fasziniert. Es scheint ein wichtiger Teil unserer Kultur zu sein. Wie erlebst Du das?

Jolanda Linschooten: Ja, schön das Du das so sagst. Genau das erfahre ich auch. Für mich ist ‘Storytelling’ eine ganz bewusste Wahl. Ein alter Beruf! Und zeitlos. Erzählen zu dürfen, der Saal ganz still, dunkel… Gänsehaut!

UNIversalis: Was erwartet die Besucher deines Vortrags „Wildes Skandinavien“ beim 22. MUNDOLOGIA-Festival?

Jolanda Linschooten: 90 Minuten eintauchen in die Stille Skandinaviens: Es geht entspannt los, es ist Sommer, wir durchqueren im selbstgebauten Kanu Lappland. Als ich im Polarwinter alleine zurückkehre, wird es jedoch schwieriger, die Herausforderungen nehmen zu. Mich mit der Natur verbunden zu fühlen, ist das Ziel. Es zu erreichen, ist jedoch gar nicht so einfach.

UNIversalis: Wir bedanken uns für das spannende Gespräch.

Mehr Infos und Tickets für den Vortrag „Wildes Skandinavien“ sowie das weitere Programm des 22. MUNDOLOGIA-Festivals sind auf www.mundologia.de zu finden.

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