Zukunft weiter ungewiss: Die Freiburger Stadthalle muss erhalten und kulturell genutzt werden! Experten nehmen Stellung
Nach einer Bauzeit von nur knapp 5 Monaten wurde die Freiburger Stadthalle am 12. Sept. 1954 mit einem Konzert
Nach einer Bauzeit von nur knapp 5 Monaten wurde die Freiburger Stadthalle am 12. Sept. 1954 mit einem Konzert des Philharmonischen Orchesters der Stadt eröffnet – passend zum anstehenden 500-jährigen Uni-Jubiläum 1955. Über Jahrzehnte fanden dort Kongresse, Bälle, Fernsehshows und vor allem Musik-Veranstaltungen statt. International war sie bekannt, hier traten auf: Oscar Peterson, Hildegard Knef, Zarah Leander, Santana, Emerson Lake & Palmer, Leonard Cohen, Frank Zappa, Miles Davis, Deep Purple, Ten Years After, Tina Turner, Uriah Heep, Mike Oldfield, Gianna Nannini, Sting, The Police, Udo Lindenberg und andere mehr – stets offen für die Bürgerschaft. 2008 bis 2015 diente die Halle als Ausweichort für die Universitätsbibliothek. Danach wurde sie als Flüchtlingsunterkunft genutzt. Ab 2020 konnte die städtische Musikschule hier temporär dringend erforderliche Räume nutzen. Doch im Dezember 2022 kam das (vorläufige) Ende: Einsturzgefahr, Umzäunung … Aber wie geht es denn nun weiter? Die Stadthalle darf dem weiteren Verfall nicht preisgegeben werden! Das Gebäude steht – zu Recht – unter Denkmalschutz! Also ist eine zeitnahe Sanierung, verbunden mit einem Konzept für eine Neu-Nutzung geboten! „Bitte keine badische Lösung“, so schrieb der Kollege Rudi Raschke schon im Nov. 2019. Die Stadt muss das selbst (endlich) initiativ in die Hand nehmen – und nicht weiter auf vermeintlich willkommene Investoren hoffen, so die Meinung unserer Experten. Martin Flashar

Die Stadt ist gefordert
In der in Rekordzeit errichteten Stadthalle, gastierten Weltstars und hauchten damit der Stadt ein neues Selbstbewusstsein ein. Unvergessen das Bild, auf dem FDP-Politiker Ralf Dahrendorf mit Studentenführer Rudi Dutschke auf einem Autodach sitzend diskutierte. Bereits nach Fertigstellung der neuen Messehalle im Jahr 2000 drohte „der alten Dame“, der Abbruch. Lange schon waren Schäden an der fragilen Spannbeton-Konstruktion bekannt. Doch dann wurde sie wieder gebraucht, als Ausweichquartier für die Unibibliothek und als Unterkunft für Geflüchtete. Immer wieder provisorisch geflickt, bis 2022 – zum großen Erstaunen – ein Gutachten erhebliche Mängel an der Statik attestierte. Nur: Es steht das Gebäude seit dem Jahr 2009 zu Recht unter Denkmalschutz. Die „Arbeitsgemeinschaft Freiburger Stadtbild“ fordert die Stadt als Eigentümerin auf, sich nicht auf „unverhältnismäßige Kosten“ zur Erhaltung zu berufen, denn sie allein trägt die Verantwortung für diesen Zustand: ein klarer Verstoß gegen das Denkmalschutzgesetz! Ein Verkauf würde die Gefahr bergen, dass ein neuer Eigentümer den Abriss durchsetzt. Die Stadthalle Freiburg ist ein fest im Bewusstsein der Bevölkerung verankertes Kulturdenkmal, das nachhaltig und denkmalgerecht saniert werden und als multifunktionales Kulturzentrum, genutzt werden sollte. Mit einem Kernbereich für große Veranstaltungen, flankiert von flexiblen Nebenräumen für Künstler, Bildung, Gastronomie oder soziale Projekte.
Fritz Steger, Mitglied des Vorstands der ARGE Freiburger Stadtbild e.V.
Multifunktionaler Ort
Nach der Entscheidung, das „Haus-im-Haus“-Konzept für ein Pflegeheim und weitere Nutzungen nicht weiterzuverfolgen, stellt sich erneut die Frage: Welche Zukunft soll dieses Gebäude haben? Die ehemalige Stadthalle ist ein herausragendes Zeugnis der Architektur der 1950er-Jahre. Mit einfachsten Mitteln wurden hier außergewöhnliche räumliche Qualitäten geschaffen, besonders durch die klare Tragkonstruktion eines Stahl-Raumfachwerks. Hinzu kommt der historische Hintergrund des Gebäudes, das über Jahrzehnte hinweg ein zentraler Ort des öffentlichen Lebens war. Diese architektonischen und geschichtlichen Qualitäten sind gewichtige Gründe, das Gebäude zu erhalten und weiterzuentwickeln.
Zahlreiche aktuelle Beispiele zeigen, welches Potenzial im Bauen im Bestand liegt. Die Ausstellung „House of Europe“, die auch in Freiburg zu sehen war, hat eindrucksvoll verdeutlicht, wie produktiv und gesellschaftlich relevant der Umgang mit bestehender Bausubstanz sein kann. Ein zukünftiges Konzept könnte bewusst an den Ursprung des Gebäudes anknüpfen und – wie zur Zeit seiner Errichtung – nach Lösungen suchen, mit einfachsten Mitteln eine maximale Nutzbarkeit zu erreichen. Ziel ist ein offenes Angebot für alle: ein multifunktionaler Ort für unterschiedliche Nutzergruppen – pragmatisch, zukunftsfähig und ohne hohe Subventionen. Der parkartige Außenraum bietet dabei Entwicklungsmöglichkeiten. Werden diese klug genutzt, könnten sie zur Querfinanzierung der notwendigen Erhaltungsmaßnahmen beitragen. So ließe sich das Gebäude sichern, ohne den städtischen Haushalt übermäßig zu belasten. Die Chance ist da: ein identitätsstiftender Ort, nachhaltig weitergedacht und offen für neue Ideen. Nutzerinnen und Nutzer werden nicht lange auf sich warten lassen.
Ludwig Eith, Architekt
Jonas Läufer, Architekt, baukreisel.org
Kultur in die Stadthalle
Die wenig ruhmreiche Debatte um die Zukunft der Freiburger Stadthalle als architektonisches Highlight aus den 1950er Jahren krankt von Beginn an der Entschlusslosigkeit der Stadtspitze und unserer Bürgermeisterriege. Vom Gemeinderat ganz zu schweigen. Gefragt ist jetzt eine klare Haltung des/der zukünftigen Oberbürgermeisters/in, verbunden mit dem
Auftrag an die Verwaltung, eine kulturelle Nutzung der Stadthalle zu planen und dabei alle Varianten durchzuspielen. Es muss klar sein, Freiburg will aus der Stadthalle ein architektonisches und kulturelles Wahrzeichen im Freiburger Osten kreieren, das der Stadt zu ihrem Gesicht als „Kulturstadt“ weiter verhilft. Dazu ist die Stadthalle in ihrem urbanistischen Kontext ideal geeignet: die VAG-Anbindung, die großen Außenflächen, das Ensemblehaus, die Musikhochschule. Ob Musikhalle in der Tradition früherer Zeiten oder Kunsthalle oder Kunstmuseum, es sollte alles geprüft werden, inkl. der kommerziellen Synergien. Dazu sollte eine dezernatsübergreifende Task-Force gegründet werden unter der Führung des/r zukünftigen OB mit einer eigenen Abteilung für Drittmittelakquise.
Um Freiburg als „Kulturstadt“ attraktiv zu machen, braucht es ein paar Großprojekte und deren zeitgenössische Ausgestaltung. Eine Initiative aus der Bürgerschaft will dabei aktiv mithelfen.
Atai Keller, Kulturliste Freiburg / Ex-Gemeinderat
Bild: Jan. 1968: Rudi Dutschke und Rolf Dahrendorf Foto: Willy Pragher



