Theater

Heftiger Stoff mit viel Herz erzählt: Larissa Dinglers Figurentheaterstück „Vergissmeinnicht“

Viele Jahre arbeitete Larissa Dingler in Berlin als Physiotherapeutin, parallel immer bei Projekten in Sachen Zeitgenössischer Zirkus und Tanztheater.

Heftiger Stoff mit viel Herz erzählt: Larissa Dinglers Figurentheaterstück „Vergissmeinnicht“

Viele Jahre arbeitete Larissa Dingler in Berlin als Physiotherapeutin, parallel immer bei Projekten in Sachen Zeitgenössischer Zirkus und Tanztheater. Seit 2021 ist sie nun wieder in Freiburg und inszeniert unter dem Namen La Pendula Figurentheater und Solo-Acts. Im September war ihr vom Land und dem Biosphärengebiet Schwarzwald gefördertes Figurentheater-Stück „Vergissmeinnicht“ beim Höfefestival in Kirchzarten zu sehen, jetzt feierte sie Premiere im ausverkauften Freiburger Vorderhaus (Regie, Stückentwicklung: Veronika Bendiks, Vanessa Valk).
Das Thema – heftiger Stoff: Herausgerissen aus ihren Familien, als billige Arbeitskraft wie Sklaven verkauft gegen Kost und Logis – dieses Schicksal erlitten auch in Südbaden unzählige Kinder, die vor allem während des zweiten Weltkriegs auf Schwarzwaldhöfen das Vieh hüten mussten. Bis in die 50er Jahre hinein, dann kam der elektrische Weidezaun… Ein Stück wichtige Regionalgeschichte – wie kann man das heutigen Kindern vermitteln? Dingler setzt auf Empathie und Bühnenzauber.
Eine Schultafel, eine alte Holz-Schulbank, eine Wandkarte über Frühlingsblüher – die Bühne wird zum Klassenzimmer. Im bunten Blumenblouson kommt sie als neue Lehrerin auf die Bühne und hat auch gleich einen Gast mitgebracht. Ganz behutsam führt sie die alte Anneliese Daiger herein: Eine lebensecht gebaute Ganzkörperpuppe mit ausdrucksstarkem Gesicht (Figuren: Larissa Dingler), die in der folgenden Stunde von ihren Jahren als Hütekind erzählen wird.
Ein kluger Kniff, das Grundschulpublikum in einer Alltagssituation abzuholen, die so ganz anders ist als Lieses Schicksal 1944: Vater im Krieg, Mutter mit den Kindern allein zu Haus. Und so wird die Achtjährige in Freiburg abgeholt, muss den langen Weg durchs Höllental bis auf den Tannhof der Familie Krug wandern.
Bäurin und Bauer sind witzige Karikaturen: Klappmaulköpfe mit riesigen Mündern, auf Bier- und Wasserkrügen montiert. Und nicht besonders nett: In kernigem Dialekt keift Frau Krug über den mickrigen Neuzugang, während ihr Mann zu beschwichtigen sucht. Weinend kauert die Figur der kleinen Liese unter der Schulbank in ihrer winzigen Kammer, hungrig, verfroren, mutterseelenallein. Mucksmäuschenstill ist es da im ausverkauften Vorderhaus, dazu eine melancholische Streichermelodie aus dem Off (Musik, Komposition, Arrangement: Veronika Bendiks, Tobias Schwab). Doch der Spagat zwischen Schwere und kindlicher Resilienz gelingt: Mit lustigem Gebimmel geht es am nächsten Morgen auf die Modellbau-Weide: Jede Glocke steht für eine Ziege oder die zwei Kühe, jede transportiert Charakter. Die Tiere werden Lieses Freunde, vor allem die eigenwillige Regina, hier eine knuffig-befellte Ziegenfigur.
So switcht die Handlung zwischen der alten Frau Daiger und ihren Kindheits-Erinnerungen hin und her, Miniatur-Schauplätze sind die in der aufgeklappten Bank untergebrachte Dorfschule mit Lehrer (Kopf auf einer großen Tischglocke), Lieses Kammer, die Weide und die Stube der Krugs, mit wenigen, raffinierten Mitteln und vielen Rollenwechseln werden sie zum Leben erweckt. Ganz zärtlich begleitet Dingler dabei ihre alte und junge Protagonistin, setzt Lieses Alltag durch die Jahreszeiten farbig in Szene: Warum die ihre eiskalten, nackten Füße in frische Kuhfladen steckt, in höchste Not gerät, als ein Gewitter kommt, Vergissmeinnicht in den Bach wirft um ihrer Mama drunten in Freiburg zu sagen, dass es ihr gut geht… Das ist hart, aber nie bitter, zumal ihr Dingler neben den Ziegen auch das mächtige Naturwesen Farnufa (eulenhafte Federfee) zur Seite stellt. Und den kriegsverletzten Sohn der Krugs, der immer schweigt, aber so gut zuhören kann… Eine spannende Geschichtsstunde mit ganz viel Herz.

Am 24./25. Januar, Scheunensaal Freiburg-St. Georgen, 15 Uhr. Ab 6 Jahren. Infos und Buchungen für Grundschulen: www.lapendula.de

Bild: © Jennifer Rohrbacher

About Author

redaktion