„Schreiben, um etwas zu verstehen“: Im Gespräch mit der Schriftstellerin Daniela Dröscher
Daniela Dröscher geriet vor drei Jahren plötzlich ins Licht der Öffentlichkeit: Mit ihrem Roman „Lügen über meine Mutter“ kam
Daniela Dröscher geriet vor drei Jahren plötzlich ins Licht der Öffentlichkeit: Mit ihrem Roman „Lügen über meine Mutter“ kam die 1977 geborene Autorin auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Es ist die Geschichte einer Kindheit im Schatten eines unentwegt miteinander streitenden Elternpaars. Anlass für das nicht zu heilende Zerwürfnis: Der Vater glaubt, die Mutter sei zu dick. Und terrorisiert sie mit seiner Forderung, nun aber endlich abzunehmen. Im gerade erschienenen neuen Roman der Autorin ist aus dem Kind Ela eine junge Frau geworden, die kurz vor ihrer Promotion steht. Doch ihr Körper rebelliert gegen die Gepflogenheiten des Wissenschaftsbetriebs und das selbst auferlegte Leistungsethos. Daniela Dröscher liest aus „Junge Frau mit Katze“ am 8. November um 17 Uhr beim 39. Freiburger Literaturgespräch. Bettina Schulte sprach vorher mit ihr über autofiktionale Literatur, Klassenbewusstsein, Feminismus und den weiblichen Körper.

Kultur Joker: Frau Dröscher, die Protagonistin Ihrer beiden jüngsten Romane heißt Ela. Eine Kurzform von Daniela?
Daniela Dröscher: Das könnte man so interpretieren. Aber Ela ist sehr deutlich eine Kunstfigur, sie ist nah an mir gebaut, aber zugleich eine Fiktion. Ich habe mit meinem Namen eigentlich immer gehadert. Zu lang, zu umständlich Alle nennen mich bei meinem Spitznamen Dani. Daniela sagt nur meine Mutter zu mir, wenn sie ärgerlich ist.
Kultur Joker: Sie sind über krasse Fiktion, mit Figuren, die auf den ersten Blick rein nichts mit Ihnen zu tun haben, allerdings biographisch verbürgt sind – den Hochstapler George Psalmanazar und den Stummfilmstar Pola Negri – ins literarische Schreiben eingestiegen. Dann folgte eine Kehrtwende zum autofiktionalen Schreiben: vom französischen Hof im 18. Jahrhundert zu einer Familie in einem Dorf im Hunsrück in den 1980er Jahren. Sind Sie jetzt dort angekommen, wo Sie literarisch hinwollten?
Dröscher: Wer mein Debüt genau liest, wird viele Parallelen entdecken. Es gibt einen Patriarchen. Es geht um Geschlechter- und Klassenverhältnisse. Ich hatte aber erst mal das Bedürfnis, mich so weit weg wie möglich von meiner Biographie zu entfernen. Ich habe einen Umweg eingeschlagen. Ich dachte lange Zeit: Ist das Leben einer Hausfrau im Hunsrück erzählenswert? Ich musste mir die Erlaubnis für diesen Stoff erschreiben. Auch Psalmanazar kommt übrigens aus einfachen Verhältnissen. Sich nach Oxford hochstapeln: Das hat mich begeistert. Ich liebe die Clownerie.
Kultur Joker: Wie bewerten Sie das autofiktionale Schreiben, das durch Annie Ernaux hierzulande populär geworden ist?
Dröscher: Sie selbst würde diesen Begriff nie verwenden. Sie betreibt eine so sezierende Gesellschaftsanalyse, dass ihr die Autofiktion im Weg wäre. Aber sie hat eine Tür aufgemacht. Der soziologische Blick ist zurück. Der Blick auf die Klassenverhältnisse. Die Autofiktion ist eine Möglichkeit, Gesellschaft von unten zu erzählen. Sie bringt Perspektiven ein, die sonst kaum gehört werden. Machtkritisches Schreiben ist gerade sehr relevant.
Kultur Joker: In diesen Zusammenhang gehört auch Didier Eribon, der über seine Klassenzugehörigkeit geschrieben hat. Sie haben vor den beiden Romanen einen Essay mit dem Titel „Zeige deine Klasse“ geschrieben. War das eine Vorbereitung?
Dröscher: Ich musste mich für dieses Buch 2018 noch sehr rechtfertigen. Ich sage gern Klasse, nicht Klassismus. Der soziologische Blick auf Welt: Da gab es ein großes Bedürfnis. Eine Sehnsucht. Eribon hat wie Ernaux eine Tür geöffnet.
Kultur Joker: Bei Ihnen kommt der Feminismus dazu.
Dröscher: Ich kann diese beiden Brillen nicht mehr absetzen. Wenn man einmal ins Herz der Verhältnisse gesehen hat, ist beides immer da. Untrennbar.
Kultur Joker: Womit wir bei ihrem Roman „Lügen über meine Mutter wären“. Er hat sie durch die Nominierung für den Deutschen Buchpreis in die Öffentlichkeit katapultiert. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Dröscher: Ich war und bin sehr dankbar und glücklich über den großen Zuspruch des Publikums. Das Buch durfte weiter wachsen. Bücher sind ja erst dann fertig, wenn Menschen sie lesen und über sie sprechen. Ich konnte alles sehr genießen. Ich saß vor 700 Leuten und fand das toll. Ich lese sehr gern, ich trete gern auf. Ich habe mir aber die innere Freiheit bewahrt, das weiter zu schreiben, was ich schreiben will. Die innere Autonomie ist das kostbarste, was wir haben.
Kultur Joker: Man darf nicht auf Erfolg aus sein.
Dröscher: Erfolg macht potenziell süchtig. Man muss sich und sein Schreiben davor geradezu schützen. Wenn ich ein Erfolgsrezept wiederholen wollte, würde ich mich langweilen. Ich schreibe nur, wenn ich etwas nicht verstehe. Da muss ein Rätsel sein. Etwas, das ich nur schreibend erkennen kann. Mir ist es fremd, Überzeugungen zum Besten zu geben. Ich kann Fragen stellen. Das ist meine Kompetenz.
Kultur Joker: Wie soll ich den Titel des Romans verstehen? Wer lügt?
Dröscher: Eine mächtige Lüge formuliert der Vater. Eine doppelte Lüge. Er sagt sie sei dick. Und deshalb sei sie hässlich. Er hat die Macht. Auch die strukturelle. Er ist ein Mann seiner Zeit. Ein Mann seiner Klasse. Er hat sich das nicht ausgedacht. In den 1980ern sind wir mitten im Diätenwahn. Man kann im Roman schön den Sündenbock-Mechanismus erkennen. Die Frau ist schuld daran, dass der Mann keine Karriere macht. Und er zeigt, wie Diskriminierung funktioniert: Ich reduziere einen Menschen auf ein einziges Merkmal.
Kultur Joker: Warum macht sich diese Diskrimierung am Körper der Mutter fest?
Dröscher: Der Körper ist die einfachste Angriffsfläche für den Vater. Es gibt wohl kaum eine Frau, die nicht zu verunsichern ist, was ihr Aussehen, ihr Gewicht betrifft – unabhängig davon, was die Waage wirklich zeigt. Der Körper der Frau ist ein Schlachtfeld. Man versucht, ihn zu regulieren. Zu beschämen.
Kultur Joker: Ist diese Normierungswut durch das Netz und seine Influencerinnen heute nicht noch größer geworden?
Dröscher: Das stimmt, aber es gibt andererseits hoffnungsvolle Haltungen. Die Body Positivity hat einiges an diversen Körperbildern vermittelt. Die junge Generation ist da meiner Erfahrung nach sehr wach. Körper werden nicht kommentiert. Das ist eigentlich nicht so schwer.
Kultur Joker: Aber wir andere stehen doch immer noch unter dem Diktat. Zum Beispiel nicht altern zu dürfen.
Dröscher: Wir haben den patriarchalen Blick verinnerlicht. Dadurch, dass wir uns falsch fühlen, verdienen andere sehr viel Geld. Wir nähren mit unserem Fehlerblick eine gigantische Industrie. Und wir fühlen uns trotzdem schlecht. Der Fehlerblick kann durch nichts überschrieben werden. Durch keinen Kauf. Keine Operation.
Kultur Joker: Welcher Impuls war entscheidend, „Lügen über meine Mutter“ zu schreiben?
Dröscher: Am Anfang meines Schreibens steht etwas Intuitives. Das Bedürfnis, diese Geschichte zu erzählen. Die Relevanz hat sich erst im Schreibprozess ergeben. Sehr viele Menschen konnten und können sich damit identifizieren. Es ist kein individuelles Drama. Sondern das Porträt einer Generation.
Kultur Joker: Mir ist aufgefallen, dass Sie gern mit Einschüben arbeiten. Was ist deren Funktion?
Dröscher: Ich finde es schön, wenn eine emotionale Geschichte unterbrochen wird, wir kurz aufatmen und in die Analyse gehen können. Auch um den historischen Abstand auszumessen und die Rolle des Schreibens zu reflektieren. Es ist ein bisschen wie bei Brechts Verfremdungseffekt. Wir sind verführbar durch Geschichten. Deshalb tritt da mein analytischer Geist auf den Plan. Auf der anderen Seite liebe ich Geschichten. Dabei stellt sich die Frage: In welcher Sprache schreibe ich? Geschichten? Viele Menschen, die sonst kaum lesen, haben dieses Buch gelesen. Ich suche nach einer Sprache, die einem die Hand reicht.
Kultur Joker: Kommen wir zu Ihrem jüngsten Roman „Junge Frau mit Katze“. Sie haben ihn ein Körperbuch genannt. Was fasziniert Sie am Körper?
Dröscher: Der Körper umschreibt ein Paradox. Er ist nicht geistig. Er wird nicht ernst genommen. Er soll seinen Dienst tun. Gleichzeitig gibt es einen total überhöhten Körperkult. Einen Gesundheits- und Schönheitswahn. In diesem Paradox steckt er fest. Er darf nicht einfach „sein“. Er ist überformt von Bildern. Aber er meldet sich.
Kultur Joker: Mit voller Wucht. Und er weiß anscheinend mehr als das Bewusstsein.
Dröscher: Das ist eine totale Kränkung, sich mit dem Körper so intensiv beschäftigen zu müssen. Er wirft der Protagonistin Knüppel zwischen die Beine. Setzt sie matt. Sie kann nichts mehr machen, nicht arbeiten, nicht leben.
Kultur Joker: Man gerät in Sorge um sie. So schlimm sind die Symptome. Man möchte das nicht haben. Und niemand kann ihr helfen.
Dröscher: Aber viele haben chronische Erkrankungen. Auch hier rühre ich an eine Struktur. Viele Menschen kriegen keine Hilfe in ihrer Not. Wenn sie mehr wüssten über ihren Körper, könnten sie die Wartezimmer räumen.
Kultur Joker: Am Ende hat sie eine Hashimoto. Hängt diese Diagnose auch mit Ihrem Faible für die japanische Kultur zusammen?
Dröscher: Ich selbst habe tatsächlich eine Hashimoto. Ich würde nie über Symptome schreiben, die ich nicht kenne. Das wäre gegen meinen inneren Kompass. Das ist Erfahrungswissen. Ich kann so gut und wahrhaftig nur von meinem Körper erzählen.
Kultur Joker: Aber der Name ist trotzdem schön.
Dröscher: Das hat Witz. In der Tat. Ich weiß nicht, was ich ohne Humor machte. Humor ist für mich die beste Weltbewältigungsstrategie. Ich lache gern. Vor allem aber über mich selbst. Nie über andere.
Kultur Joker: Noch ein Wort über Yoko Tawada. Sie haben über die Autorin promoviert. Was schätzen Sie an ihr?
Dröscher: Es ist ihre besondere Art, Ich zu sagen. Sie hat sehr viele Kunstfiguren mit diesem Ich geschaffen. Ich glaube, das teilen Annie Ernaux, Yoko Tawada und ich miteinander: Dieses Ich ist wie ein Medium, durch das die Welt gefiltert wird, es ist kein selbstreferenzielles, nach innen gekehrtes Ich.
Kultur Joker: Wie kommt literarisch als Nächstes?
Dröscher: Im April kommt ein Essay über Sprechen heraus. Sprechen war nie selbstverständlich. für mich. Ich bin mehrfach verstummt in meinem Leben.
Kultur Joker: Das kann ich mir kaum vorstellen. Das essayistische Schreiben liegt Ihnen aber offenbar.
Dröscher: Ich brauche untrennbar beides. Ich bin eine leidenschaftliche Erzählerin. Und der Essay bietet mir einen Denkraum, den ich gern ausmesse.
Kultur Joker: Liebe Daniela Dröscher, herzlichen Dank für das Gespräch!
Vom 6. bis 9. November findet das 39. Freiburger Literaturgespräch statt. Tickets: www.literaturhaus-freiburg.de
Bild: Daniela Dröscher © Heike Steinweg





