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Das erinnerungspolitische Projekt „Fassade“ geht der Geschichte des nationalsozialistischen Wandbilds im Freiburger Dokuzentrum nach

Es ist ein friedlicher früher Abend im Sommer in Freiburg. Am Theater Freiburg stehen schon die Dixie-Klos für den

Das erinnerungspolitische Projekt „Fassade“ geht der Geschichte des nationalsozialistischen Wandbilds im Freiburger Dokuzentrum nach

Es ist ein friedlicher früher Abend im Sommer in Freiburg. Am Theater Freiburg stehen schon die Dixie-Klos für den CSD, der am nächsten Tag stattfinden wird. Auf dem Platz der Alten Synagoge laufen fröhlich Kinder durch die Wasserfontänen. Die Gruppe, die mit Head-Sets ausgestattet vor dem Theater steht, hat andere Bilder im Kopf. Nachdem Hitler die Wahl gewonnen hatte, flatterten hier Hakenkreuzfahnen, jüdische Schauspielerinnen und Schauspieler verschwanden, auf dem Spielplan stand sehr viel Wagner und auch das NS-Märtyrerdrama „Schlageter“ von Hans Johst, gar nicht einmal so lange nach dessen Uraufführung in Berlin. Die Provinz war, was die nationalsozialistische Bewegung anging, keineswegs die Nachhut. Man wollte den Anordnungen des neuen Deutschen Reiches nicht im Weg stehen, vervollständigt Nadine Geyersbach das Szenario.
Nadine Geyersbach, Victor Calero, später auch Jana Boldovino und Kei Muramoto sind die Tourguides von „Fassade“ – einem erinnerungspolitischen Rechercheprojekt des Theater Freiburg zusammen mit dem Dokumentationszentrum Nationalsozialismus Freiburg. Konkreter Anlass für Caroline Anne Kapps Stückentwicklung – sie hat auch selbst Regie geführt – ist das nationalsozialistische Wandbild von Theodor Kammerer, das während des Umbaus des Tourismusbüros zum Museum wie aus dem Nichts auftauchte. Es entstand zwischen 1936 und 1939 für das damalige Verkehrsbüro und ist heute Teil der Ausstellung des Dokuzentrums. Dass es über Jahrzehnte vergessen worden war, ist schier unmöglich, aber in der Nachkriegszeit wurde eben viel vergessen. Bis die Gruppe vor ihm steht, macht sie einen Schlenker über den Platz der Alten Synagoge, wo Sakralgesänge zu hören sind, an die deportierten Menschen erinnert wird und auch daran, dass bei der Pogromnacht 1938 der Feuerwehr verboten wurde, die Synagoge zu löschen.


Anhand Fassaden, das nationalsozialistische Freiburg zu thematisieren und Kontinuitäten aufzuzeigen, wäre ein vielversprechender Ansatz gewesen. Denn Stadtbilder sind ja verräterisch und nicht weniger die Debatten, die aktuell um sie geführt werden. Die historistische Fassade des Theater Freiburg ist ein Ausdruck der Kulturhegemonie des Bürgertums Anfang des 20. Jahrhunderts, die klassizistisch wirkende Fassade des heutigen Dokuzentrums eindeutig nationalsozialistisch. Am Colombischlössle, wo „Fassade“ enden und das Ensemble mit den methusalems vereint wird, fand 1933 eine Bauausstellung statt. Sie wurde vom nationalsozialistischen Bürgermeister Franz Kerber und Joseph Schlippe organisiert. Ausgerechnet vor einer Fassade im Tudorstil, Mittelalter zwar, aber feindlich, London wurde ab 1940 bombardiert. Doch „Fassade“ konzentriert sich nicht auf Aspekte, es geht um das große Panorama. Vieles davon sollte Allgemeinwissen sein und verwässert den Gesamteindruck. Es wird dann interessant, wenn die Tänzerin Jana Baldovino Gesten von jenen Teilen Kammerers Wandbild nachstellt, die heute nicht mehr sichtbar, aber durch Fotos dokumentiert sind. Dann sieht man, wie übertrieben groß die Gesten sind, als ob durch das Abstoßen eines Kahnes die Volksgemeinschaft mit an Bord wäre. Die Szene am Titisee mit den Badenden und den Pferdebändigern zeigt ein propagandistisches Bild des Schwarzwaldes. Was wir gerne vergessen, die Deutschen lernten durch den Nationalsozialismus das Reisen. Das Kraft durch Freude-Programm ermöglichte auch Arbeiterinnen und Arbeitern, Ausflüge und größere Fahrten zu unternehmen. Ziel war es, erholte und leistungsstarke Menschen heranzuziehen, ein „nervenstarkes“ Volk. Denn Nerven, das war 19. Jahrhundert, Jugendstil und Historismus. Nicht wenige dürften in Freiburg und im Schwarzwald von diesem frühen Tourismus profitiert haben.
Die letzte Szene gilt dann ausführlicher dem Bild Kammerers, dessen ursprüngliche Skizze Bürgermeister Kerber nicht nationalsozialistisch genug war, der Maler musste nachbessern. Die Figuren wurden weißer, jünger, wirkten gesünder. Das Gesamtbild des Freiburger Ensemble, das das Bild im Park des Colombischlössle als Tableau vivant nachstellt samt Pferdedarstellungen von George Stubbs, Spiegeln, Tücher und Äpfeln, weicht davon ab. Es ist diverser, auch älter, Alltag und Wunschbild zugleich. „Fassade“ hingegen fehlt es an Konzentration, zu oft fasert der Text aus, und es wurden Chancen vertan bei der Zusammenarbeit mit den methusalems.

Weitere Vorstellungen: 11. und 16. Juli, Treffpunkt Foyer Großes Haus, Theater Freiburg.

Foto: Am Colombischlössle endet „Fassade“ und das Ensemble wird mit den methusalems vereint © Philip Frowein

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Annette Hoffmann