Oper Theater

Arena der Emotionen: Das Freiburger Theater brilliert mit Jules Massenets „Werther“

Ein Strauß mit roten Rosen. Werther trägt ihn den ganzen Abend. Die Blumen kann er der von ihm angebeteten

Arena der Emotionen: Das Freiburger Theater brilliert mit Jules Massenets „Werther“

Ein Strauß mit roten Rosen. Werther trägt ihn den ganzen Abend. Die Blumen kann er der von ihm angebeteten Charlotte aber nie übergeben. Mal richtet er den Strauß wie eine Waffe nach vorne, mal lässt er ihn frustriert auf den Boden sinken oder schüttelt wütend die Blumen. Die auf den Boden fallenden Blütenblätter wirken auf der weißen Bühne wie Blutflecken von den vielen Verletzungen, die der unglücklich Verliebe im Laufe des Abends erfährt. Wie ein Löwe im Käfig umkreist er die runde Bühne. Sie wird zur Arena der Emotionen.
Sahel Salam singt diesen Werther von Beginn an mit großer Intensität. Auch wenn der amerikanische Tenor schauspielerisch zu eindimensional agiert und nur den manisch Getriebenen mit starrem Blick mimt – musikalisch ist seine Interpretation herausragend. Sein heller, lyrischer Tenor verfügt über eine Strahlkraft, mit der er in Jules Massenets Oper, die auf Goethes Briefroman zurückgeht, die Leiden des jungen Werther in glühende Spitzentöne verwandelt. Das neue Ensemblemitglied des Freiburger Theaters entwickelt lange Legatolinien und verliert trotz der hohen Intensität nie die Eleganz. Intensität ist auch das Stichwort für die von der Stuttgarter Oper übernommene, in Freiburg weiterentwickelte Inszenierung von Intendant Felix Rothenhäusler (Mitarbeit: Sebastian Krauß). Alles spielt sich auf der leeren Bühne von Katharina Pia Schütz ab, die den Orchestergraben überdeckt. Die Figuren haben keinen Schutzraum, werden von außen beobachtet. Dass sich die Protagonisten in ihren historischen Kostümen, die für die Freiburger Inszenierung von Elke von Sivers neu entworfen wurden, sich auch immer wieder unters Publikum mischen und sich in die Zuschauerreihen im Parkett quetschen, lenkt vom eigentlichen Geschehen ab.


Das Philharmonische Orchester Freiburg ist hinter einem Gazevorhang auf der Hinterbühne platziert. Zunächst vermisst man ein wenig die klangliche Präsenz, aber die Stimmen stehen so ganz im Vordergrund. Im Laufe des Abends wird der Orchesterklang aber präsenter und auch plastischer bei den dramatischen Einwürfen, wenn das Blech klare Kante zeigt und die Streicher auch mal zupacken. Dirigent Artem Lonhinov lässt die Musik atmen und entwickelt mit dem Orchester zauberhafte Übergänge und atmosphärisch dichte Stimmungen. Die Regie hat Nebenrollen wie Schmidt, Johann oder Käthchen gestrichen und richtet den Fokus ganz auf die fünf Protagonisten. Den Amtmann, Charlottes Vater, singt Juan Oroczo mit schroffer Autorität. In Freiburg hat er nicht sechs, sondern gleich zwölf Kinder, die vom Kinder- und Jugendchor des Theater Freiburg (Leitung: Elisa Brunnenkant) sängerisch wie darstellerisch verzaubern. Auch die anderen Figuren haben Blumensträuße in der Hand (Florale Werkstatt), die von Einsamkeit erzählen. Die in Werther verliebte Sophie, Charlottes Schwester, erhält von Cassandra Wright jugendlichen Sopranglanz und Leichtigkeit. Albert, Charlottes Mann, macht Jakob Kunath mit seinem geschmeidigen, warmen Bariton fast schon zur Sympathiefigur. Lila Chrisp, die gerade den amerikanischen Lotte-Lenya-Wettbewerb gewonnen hat, krönt das ausgezeichnete hauseigene Ensemble mit ihrer vielschichtigen Interpretation. Bei Charlottes vom Altsaxophon begleiteten Arie „Va! Laisse couler mes larmes” kommen einem wirklich die Tränen. Chrisps Musikalität und ihre Schauspielkunst lässt diese zwischen Herz und Verstand hin- und hergerissene Frau näher rücken. In den wenigen, gut gewählten dramatischen Ausbrüchen erschüttert ihre Interpretation.
Kurz vor der Pause betreten Statisten die Bühne, um Werther zu trösten oder auch Selfies mit ihm zu machen. Stärker wirkt der Schluss, wenn Werther von einem Rosenblüten-Regen bedeckt wird und sich Charlotte zu ihm legt. Die starke Produktion verträgt diese ungebrochenen, intensiven Momente.

Weitere Vorstellungen: 9./11./16./18. Juli. Karten unter www.theater.freiburg.de

Bild: Lila Chrisp und Sahel Salam © Philip Frowein

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