Erinnern heißt verändern: 3 Fragen an … Werner Schretzmeier, Intendanz Theaterhaus Stuttgart („And Now Hanau“)
Der rassistische Terroranschlag von Hanau am 19. Februar 2020 hat sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Zehn Menschen
Der rassistische Terroranschlag von Hanau am 19. Februar 2020 hat sich tief in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt. Zehn Menschen wurden durch puren Hass aus dem Leben gerissen – das jüngste Opfer erlag erst im Januar 2026 den Spätfolgen seiner Verletzungen. Bis heute wirft die Tragödie massive Fragen nach einem Behördenversagen auf: von verschlossenen Notausgängen über unterbesetzte Notrufe bis hin zum mangelnden Aufklärungswillen von Polizei und Staatsanwaltschaft. Gegen die behördliche Intransparenz bringt Regisseur Tuğsal Moğul gemeinsam mit der Initiative 19. Februar das Dokumentartheater „AND NOW HANAU?“ auf die Bühne. Das Stück gibt den Angehörigen und Überlebenden eine Stimme, die neben ihrer Trauer oft noch mit Vorurteilen und Bürokratie kämpfen mussten. Vor dem Gastspiel im Freiburger E-Werk (Do. 09.07. und Fr. 10.07., jeweils 19:30 Uhr) hat Elisabeth Jockers mit Werner Schretzmeier, dem Intendanten des Theaterhauses Stuttgart, gesprochen. Ein Interview über die politische Kraft des Theaters, gesellschaftliche Verantwortung und eine unnachgiebige Erinnerungskultur.
Kultur Joker: Vor welche Herausforderungen stellt es die Schauspielerinnen und Schauspieler, diese harten, realen Fakten auf der Bühne performativ und emotional zu vermitteln?
Werner Schretzmeier: Die größte Herausforderung für das Ensemble liegt in der permanenten Balance zwischen dokumentarischer Präzision und emotionaler Wahrhaftigkeit. Das macht die Glaubwürdigkeit aus. Wir spielen hier keine fiktiven Rollen; wir leihen realen Menschen, den traumatisierten Angehörigen und Überlebenden, unsere Stimmen. Jedes Wort aus den Protokollen, jede beschriebene und erzählte bürokratische Kälte der Behördenberichte ist real. Für die Schauspielerinnen und Schauspieler bedeutet das eine enorme psychische Belastung, weil man sich dieser ungeschönten Härte in jeder Sekunde aussetzen muss. Performativ haben wir uns deshalb ganz bewusst gegen klassische „Action“ oder die szenische Darstellung der Tat entschieden. Die Kraft des Stoffes und unserer Inszenierung liegt in der Reduktion, im gemeinsamen Sitzen am runden Tisch. Das verlangt vom Ensemble ein hochkonzentriertes, fast statisches Spiel, bei dem allein die Wucht der Fakten und der Worte den Raum füllen muss. Man darf sich von der eigenen Betroffenheit nicht überwältigen lassen, um der Klarsicht des Stücks nicht im Weg zu stehen.
Kultur Joker: Um das Stück in die breite Öffentlichkeit zu tragen, wurde eine reduzierte Variante der Stuttgarter Originalinszenierung erarbeitet. Welche künstlerischen oder technischen Anpassungen waren nötig, um die Produktion für Gastspiele wie im E-WERK Freiburg mobil zu machen, ohne an Intensität zu verlieren?
Werner Schretzmeier: Unsere Originalinszenierung im Theaterhaus Stuttgart lebt von einer ganz spezifischen Raumwirkung: Eine charakteristische runde Bühne bricht die klassische Trennung zwischen Zuschauern und Bühne auf und schafft eine Art Arena. Wenn man auf Gastspiel geht – wie jetzt in die wunderbaren, aber eben anders strukturierten Räume des E-WERKs –, muss man diese Intimität technisch und künstlerisch übersetzen. Das tolle ist deshalb, dass wir in Freiburg die Theaterfassung nahezu 1:1 wie auf unserer Bühne im Theaterhaus Spielen können und nicht die reduzierte Frontalversion. Aber grundsätzlich gilt. Wir haben das Kernstück unseres Bühnenbilds, den großen runden Tisch, an dem das Ensemble und ein Teil des Publikums Platz nehmen, mobil und flexibel gestaltet. Auch die intensive Einbindung der Video- und Audiomaterialien von Forensic Architecture/Forensis, die für die Beweisführung der Tatnacht elementar ist, wurde technisch so komprimiert, dass sie in jedem Raum ihre beklemmende Detailgenauigkeit entfalten kann. Die Anpassung ist letztlich keine qualitative Reduktion, sondern eine Fokussierung: Je kompakter der Raum, desto dichter rücken Text, Fakten und Publikum zusammen. Die Intensität leidet darunter nicht – im Gegenteil, sie wird oft noch unentrinnbarer.
Kultur Joker: „And Now Hanau“ fordert einen gesellschaftlichen Prozess der Reflexion und politische Konsequenzen. Welchen konkreten Gedanken oder Impuls sollte jeder Zuschauer und jede Zuschauerin nach diesem Abend idealerweise mit nach Hause nehmen, um diesen Prozess anzustoßen?
Werner Schretzmeier: Der wichtigste Impuls ist, dass Hanau kein isoliertes Ereignis war, sondern Teil einer gefährlichen, alltäglichen Kontinuität in unserem Land. Wir möchten, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer den Theatersaal nicht nur mit einem Gefühl der Ohnmacht oder reinen Betroffenheit verlassen, sondern mit geschärften Sinnen. Idealerweise nimmt jeder den Gedanken mit nach Hause: Erinnern heißt verändern. Das bedeutet, im eigenen Alltag – sei es am Arbeitsplatz, im Verein oder im Freundeskreis – aktiv hinzusehen und rassistischen Ressentiments sofort zu widersprechen. Der Abend soll verständlich machen, dass das Wegsehen oder die „klammheimliche Duldung“, wie Carolin Emcke es nennt, den Nährboden für diese Gewalt bereitet. Wir wollen den Anstoß geben, die Perspektive der Betroffenen dauerhaft einzunehmen, deren Namen zu erinnern und im Alltag für eine offene, solidarische Gesellschaft der Vielen einzustehen.
Kultur Joker: Herzlichen Dank für die Antworten.
Weitere Infos & Tickets: ewerk-freiburg.de/veranstaltungen/and-now-hanau
Foto: © MK





