Teil 2: Mein Anfang in der Gesellschaft, oder: wie ich politisiert wurde / Anne Peschlow
Der Mensch ist ein politisches Wesen, ein „Zoon politikon“, wie es bei dem griechischen Philosoph Aristoteles heißt. Gemeint ist
Der Mensch ist ein politisches Wesen, ein „Zoon politikon“, wie es bei dem griechischen Philosoph Aristoteles heißt. Gemeint ist damit weniger die Aufforderung, sich unbedingt politisch zu betätigen, als vielmehr die Feststellung, dass der Mensch von Natur her in eine politische Gemeinschaft gestellt ist, aus der heraus er seine eigenen Anlagen entwickeln könne und müsse.
Den zweiten Beitrag dieser Serie gibt Anne Peschlow, promovierte Kunsthistorikerin, ehem. Lehrerin, Kunsttherapeutin, Heilpraktikerin, Malerin und vieles andere mehr.
Martin Flashar
Wie ich zur Politik fand
„Beschäftige dich nicht mit Politik, das ist ein schmutziges Geschäft“. Diese Sätze meines Vaters, die er mir, der Fünfzehnjährigen, entgegnete, wenn ich ihn nach seiner Vergangenheit in der Nazizeit fragte, bewirkten bei mir das Gegenteil dessen, was er erreichen wollte: Ich wurde erst recht neugierig. Doch meine Neugier prallte immer wieder an ihm ab. Weitere Vatersätze, die mehr verschwiegen als erhellten, folgten: „Der einzige Fehler Hitlers war, dass er den Krieg verlor!“ Auf meine Frage, wo er selbst denn im Krieg war, was er in der Zeit gemacht habe, kam nur: „Ich war die meiste Zeit in Hannover, musste ja auch mein Radiogeschäft durch den Krieg bringen, wovon hätten wir sonst leben sollen?“
Auch in der Schule wurde mein Wissendurst nicht befriedigt: In Geschichte blieben wir lange bei Griechen und Römern, schließlich im Mittelalter hängen. Die deutsche Politik im 20. Jahrhundert kam nicht vor. Die Lehrer steckten selber noch zu sehr in ihrer unmittelbaren Vergangenheit. Erst 1961, in der 12. Klasse, führte uns unsere Deutschlehrerin, der ich noch heute dafür unendlich dankbar bin, in den Film „Nacht und Nebel“ von Alain Resnais (1955), den ersten Film über den Holocaust nach dem Krieg. Vorher kannte ich weder das Wort „Jude“, noch hatte ich etwas über die Naziverbrechen gehört.
Meine Erschütterung saß tief. Und von den Eltern kam nur der stereotype Satz: „Davon haben wir nichts gewusst“. Wie ich heute weiß, war das die Standardantwort der meisten Deutschen. Damals entfernte mich diese Antwort immer mehr von meinen Eltern, und brachte mich dazu, regelmäßig die Tageszeitung zu lesen, und ich versuchte, die politischen Debatten und Zusammenhänge im Radio zu verstehen. Im Hintergrund immer die bange Frage: Was hat Vater im Krieg gemacht? Stand er auf den Seite der Nazis? Meine Tante, die Schwester meiner Mutter, die ich sehr mochte und die mir gegenüber offener war, sagte dazu eines Tages: „Dein Vater hätte mich fast ins KZ gebracht!“ Wieder fiel ich aus allen Wolken. Aber auch sie blieb, was die Geschichte dahinter betraf, schweigsam.
Nach meinem Abitur 1962 und im anschließenden Kunsthistorikerstudium in Marburg gärte die Vatergeschichte im Hintergrund, ohne dass ich ihr näherkam. Am Ende meines Studiums begann ich, in der 68er- Studentenbewegung mitzuschwimmen, weil ich darin intuitiv das Widerstandspotential erkannte, alles anders zu machen als unsere Elterngeneration. Aber ich brauchte lange, um zu erkennen, worin meine Rolle bestehen konnte: Die Schülerstreiks gegen Fahrpreiserhöhungen im ÖPVN fand ich befremdlich: sich einfach auf die Schienen setzen? Das konnte man doch nicht machen!

In Freiburg
Erst als ich mich 1974 aus einer beengenden Ehe befreit und nach Freiburg umgezogen war, kam ich in der Linken Bewegung an, stand bei den Kämpfen gegen den Abriss der alten Arbeiterhäuser in der Freiau an der Barrikade, die Polizisten direkt vor mir. Und ich fragte sie, wieso sie hier stehen – es war doch ein legitimes Ziel, diese Häuser vor Abriss zu schützen! Es ergab in meinen Augen keinen Sinn, den Bewohnern die Häuser über dem Kopf abzureißen – nur um den Autofahrern einen schnelleren Weg auf den Zubringer zu ermöglichen!
In Wyhl
Spannend wurde es für mich, als die Kämpfe gegen das Kernkraftwerk im Wyhler Wald ihre entscheidende Phase erreichten: Hier waren es vor allem die Menschen, die am Kaiserstuhl lebten und arbeiteten: Bauern und Bäuerinnen, Winzer und ihre Frauen, HandwerkerInnen oder LehrerInnen, die die Kämpfe voranbrachten, unterstützt von linken Aktivisten aus Freiburg. Sie waren unmittelbar vor Ort, setzten sich auf Bagger und Baumaschinen, mit denen der Wald gerodet und der Platz für das KKW vorbereitet werden sollte. Nicht nur die Männer, vor allem auch die Frauen traten der Polizei entgegen. Das beeindruckte mich sehr. Was für einen Mut sie bewiesen! Ich gehörte eher zu den Vorsichtigen, aber als dann am 23.2.1975 bei einer Großveranstaltung 28.000 DemonstrantInnen in einem nicht enden wollenden Strom auf den Platz strömten, wollte ich dabei sein.
Aus mehreren Lautsprecherwagen dröhnte in Endlosschleife „Spiel mir das Lied vom Tod“, ein Sound, der durch Mark und Bein ging. Dann stürmten die Mutigsten auf den Platz, und als alle anderen nachkamen, konnten wir ihn besetzen. Die Polizei gab vor dieser Übermacht auf. Auch ich stand am Ende dort, glücklich: Wir hatten gesiegt! Wie diese kraftvollen Menschen die Dauerbesetzung und die anschließenden Gerichtsverfahren durchstanden, enthielt für mich eine sehr wichtige Botschaft: Gemeinsam hatten wir es geschafft, das KKW wurde nicht gebaut.
Ökologie und Wein
Das stärkte mein politisches Bewusstsein, machte mir Mut, auch weiterhin für meine Überzeugungen einzutreten. Es schärfte den Blick in kommenden politischen Auseinandersetzungen wie der Ökobewegung, die aus den Kämpfen um Wyhl und Gorleben hervorging. Als ich auf dem besetzten Platz einen Ökowinzer kennenlernte, wurde ich neugierig: Wie konnte das funktionieren, ökologischen Weinbau zu machen? Die meisten Winzer waren damals der Meinung, dass das niemals gut gehen würde. Aber Menschen wie Wilhelm Rinklin und Wendelin Brugger hatten bereits das Gegenteil bewiesen: Sie bauten bereits seit den 1950iger Jahren ökologisch an. Da mich mein Lehrerberuf nicht wirklich befriedigte, machte ich eine Umschulung zur Winzerin, gründete mit Freunden zusammen ein ökologisches Weingut und wir betrieben es bis 2001. Eine sehr erfüllende Zeit für mich.
Omas gegen Rechts
Heute bin ich bei den „Omas gegen Rechts“: Seit 2019 engagieren wir uns gegen Rechtsextremismus und für Demokratie und Menschenrechte. Meine Vatergeschichte habe ich recherchiert und weiß nun, dass er tief in das damalige Regime verstrickt war. In Schulen erzähle ich mit den Omas davon, weil es ein gutes Beispiel dafür ist, wie man blindlings in ein faschistisches Regime hineingerät und zum Mitläufer und Nutznießer wird. Dann diskutieren wir gemeinsam, wie etwas Ähnliches heute vermeidbar ist, indem man für die Demokratie einsteht. Ich hoffe, so für die Schüler ein Stück Geschichte lebendig werden zu lassen und sie resistenter gegen die Versuchungen von Propaganda und Fake News zu machen.
Anne Peschlow
Bild: Februar 1975: Bauplatzbesetzung in Wyhl Foto: Meinrad Schwörer; Archiv: Axel Mayer




