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Samtpfoten: Das Museum am Rothenbaum in Hamburg feiert die Katze

Katzen sind hierzulande die populärsten Haustiere und dementsprechend Social-Media-Stars. 2024 lebten 15,9 Millionen Stubentiger in deutschen Haushalten, das bedeutet,

Samtpfoten: Das Museum am Rothenbaum in Hamburg feiert die Katze

Katzen sind hierzulande die populärsten Haustiere und dementsprechend Social-Media-Stars. 2024 lebten 15,9 Millionen Stubentiger in deutschen Haushalten, das bedeutet, fast ein Viertel der Haushalte beherbergte eine oder sogar mehrere Katzen. Die offiziellen Zahlen für 2025 gibt es zwar noch nicht, doch sie dürften sogar noch ein bisschen nach oben geschnellt sein, weil die Beliebtheit dieser Vierbeiner, die seit mindestens 10.000 Jahren in verschiedenen Rollen von Mäusefänger:innen bis zu verehrten Wesen im alten Ägypten den Menschen zur Seite stehen, ungebrochen ist. Ihnen werden ganz unterschiedliche Eigenschaften zugeschrieben – von anschmiegsam bis eigenwillig. Einige Attribute beleuchtet nun die Ausstellung „Katzen!“, die bis zum 29. November im Museum am Rothenbaum (MARKK) in Hamburg präsentiert wird.


Eine Kategorie heißt „niedlich“. In dieser Sektion empfängt die Besucher:innen gleich nahe des Eingangsbereichs ein überdimensionales Sofa in Pink, geformt wie eine Katze. Es lädt geradezu zum Hinfläzen ein – zumal man von dort aus einen exzellenten Blick auf die Leinwand hat, über die die obligatorischen Katzenfotos flimmern, die Menschen aus ganz Deutschland eingeschickt haben. Diese Aufnahmen sind ebenso erwartbar wie die „Hello Kitty“-Exponate. Sie stehen unter einer Glaskugel, ummantelt von rosa Flauschstoff. Auf den Markt gebracht wurde die „Hello Kitty“-Serie 1974 in Japan – mit dem Ziel, der amerikanischen Micky Maus Konkurrenz zu machen. Dass die weiße Katze aus Asien keinen Mund hat, polarisiert allerdings bis in die Gegenwart. Einerseits kann man in ihr Gesicht je nach persönlichem Bedürfnis sowohl Fröhlichkeit als auch Traurigkeit hineininterpretieren, auf der anderen Seite erscheint sie sprachlos, vielleicht sogar mundtot.


Interessant ist eine Arbeit namens „Hiro is everywhere“ des Koreaners Taewon Ahn. Er hat einen Hocker mit einem bearbeiteten Foto seiner Katze zu einem faszinierenden Objekt gemacht. „Diesen Künstler beschäftigt das Spannungsfeld zwischen digitaler Verzerrung und analoger Realität“, erläutert Johanna Wild, eine der drei Kuratorinnen der Schau. Schon dieses Sitzmöbel belegt, wie sehr Katzen „verehrt“ werden. Diesem Thema ist selbstverständlich ein eigenes Kapitel gewidmet. Inklusive der Maneki-neko, der winkenden Katze. Besonders beeindruckend ist eine große Installation in einem Spiegelraum, in der zahlreiche winkende Katzen stehen. In Japan sind sie seit dem 19. Jahrhundert ein Glückssymbol. Heute sollen sie mit erhobener linker Pfote Kundschaft anlocken, eine erhobene rechte Pfote verspricht Wohlstand.

Ein Kinderschuhe mit Tigerkopf, Hersteller:in nicht dokumentiert, China, 19. Jh., Seide, Pappe, Leinen. MARKK Inv. Nr. 32.159:75, Tausch mit der Academia Sinica, 1932 © MARKK, Foto: Paul Schimweg


Unverkennbar ist, dass gerade die Bedeutung der Katze in Japan häufig in dieser Ausstellung aufgegriffen wird. Kein Wunder, man begegnete ihr in diesem Land bereits vor langer Zeit. Im 6. und 7. Jahrhundert hinterließ sie im buchstäblichen Sinne ihre Spuren. Auf Keramikwaren aus dieser Epoche finden sich Pfotenabdrücke von Straßenkatzen. Später übernahmen diese freiheitsliebenden Tiere in buddhistischen Klöstern eine ganz wichtige Aufgabe. Sie bewahrten Kunstwerke vor Schäden durch irgendwelche Nager. Gleichwohl hatten die Menschen seinerzeit ein ambivalentes Verhältnis zu den Samtpfoten. Auf der einen Seite verehrten sie sie, andererseits misstrauten sie ihnen. Katzen galten als dämonische Wesen. Dieser Mystizismus geht auf das Mittelalter zurück. Damals sagte man Frauen mit schwarzen Katzen nach, sie wären Hexen, die sich dunkler Magie bedienten.
Eigentlich sollte dieser Aberglaube im 21. Jahrhundert längst Schnee von gestern sein. Doch viele deutsche Tierheime beklagen inerschütternder Weise nach wie vor, dass schwarze Katzen oft am schwersten zu vermitteln sind. Ganz anders in England und Irland: Dort gelten schwarze Katzen als Glücksbringer:innen. Unabhängig von irgendwelchen Vorurteilen sind natürlich auch diese Tiere als Mäusefänger:innen „nützlich“. Dieser Vokabel zollt die Ausstellung ebenfalls Tribut. Sie zeichnet nach: Seit Jahrtausenden halten die Vierbeiner Kornspeicher frei von Schädlingen oder fahren auf Handelsschiffen mit. Das belegt unter anderem ein Foto von etwa 1914, das Matrosen der S.M.S. „Derfflinger“ mit der Bordkatze zeigt. Während diese Aufnahme einfach einen historischen Wert hat, steckt hinter den Kaminkatzen, Typ Staffordshire Dogs, aus dem späten 19. Jahrhundert eine lustige Anekdote. Es heißt, die Frauen von Seeleuten hätten sie in Hamburg auf eine bestimmte Art auf der Fensterbank positioniert, um ihren Liebhabern zu signalisieren, ob sie sturmfreie Bude hatten oder eben nicht. Waren die Figuren der Straßenseite zugewandt, wusste der Geliebte: Der Ehemann ist auf See. Schauten die Porzellankatzen in die Wohnräume, war der Gatte daheim.
Neben solchen Schmunzelgeschichten gibt es Verweise darauf, wie „stark“ Katzen sind. Insbesondere Raubkatzen. In Lateinamerika repräsentieren Leoparden und Jaguare bis heute indigenen, weiblichen Widerstand. Tigertruppen aus der Zeit der chinesischen Qing-Dynastie trugen Uniformen, die mit Tigerstreifen bemalt waren. Ihre Kopfbedeckungen hatte Augen Ohren und Reißzähne – das sollte sämtliche Feinde abschrecken. In China zog man Neugeborenen im 19. Jahrhundert Kleidung an mit Tiermotiven wie Drachen oder Tiger, die sie vor Unheil bewahren sollten. Schließlich stand der Tiger für Stärke, Mut und Unabhängigkeit. Daraus wusste die Modebranche Kapital zu schlagen. Zunächst hüllten sich vor allem die Mächtigen in Raubkatzenfelle. Bis in den 1930ern „faux fur“ Einzug in die Geschäfte hielt. Nicht selten machten sich Prominente diesen Trend zu eigen, weil sie ein Statement setzen wollten. Als die Sängerin Eartha Kitt 1957 in einem geschlitzten Kleid mit Leopardenmuster plus Leopardenmantel für ein Foto mit einem Gepard posierte, gab sie sich sinnlich-selbstbewusst. Die Queen hingegen wirkte 1962 im Leofellmantel distinguiert-elegant.

Postkarte „I want my vote”, Künstler:in nicht dokumentiert, Baltimore City, USA, um 1908
© Ankauf für das MARKK, 2025


Von diesen Aufnahmen bis zur Rubrik „(un)abhängig“ ist es nur ein Katzensprung. Sie beschäftigt sich vor allem mit der politischen Auseinandersetzung in Sachen Gleichberechtigung von Frauen. Im viktorianischen England zum Beispiel stand das anhängliche Schoßkätzchen zumindest aus männlicher Sicht für das idealisierte (Haus-)Frauenbild in einer patriarchischen Gesellschaft. Weniger gut war die Straßenkatze beleumundet. Sie hatte den Ruf, nicht kontrollierbar zu sein. Dieses Image machten sich Briten oder auch Amerikaner zunutze, um gegen die Suffragetten zu integrieren. Auf Postkarten stellten sie sie gerne als räudige Katzen, die ihre Krallen ausfahren, dar. Mit der Intention, deren Kampf für das Frauenwahlrecht und Emanzipation ins Lächerliche zu ziehen. Auf diese Weise wurden Katzen für einen antifeministischen Kurs massiv verunglimpft.
Gerade solche Ausführungen sind ungeheuer fesselnd. Genau wie Rahel Willes Fotos, die sie in Istanbul, mit über 100.000 freilebenden Katzen die inoffizielle Weltkatzenhauptstadt, gemacht hat. Ihre Aufnahmen liefern den Beweis dafür, wie populär die Samtpfoten in der türkischen Stadt sind. Die Einheimischen füttern sie nicht nur, sondern bauen ihnen eigene Unterkünfte – von simplen Kartons über Holzhäuschen bis zu kleinen Villen. Solche Maßnahmen sind für die Tiere ein Segen und manifestieren: Die felinen Vierbeiner prägen die Stadtgesellschaft am Bosporus nachhaltig.

US Wahlkampfschild „Cat Ladies for Kamala 2024”, Hersteller: LifeSizeCustomCutouts, USA, 2024
© MARKK, Foto: Paul Schimweg


Dass J.D. Vance offenkundig nicht halb so viel wie die meisten Istanbuler:innen für Katzen übrig hat, lässt sich der Hamburger Schau darüber hinaus entnehmen. Der spätere US-Vizepräsident hatte die demokratische Präsidentschaftskandidatin Kamala Harris während des Wahlkampfs abwertend als „kinderlose Cat Lady“ bezeichnet. Viele Harris-Unterstützerinnen griffen diese Diffamierung auf und verwandelten sie 2024 in eine positive „Cat Ladies for Kamala“-Kampagne. Eine der prominentesten Unterstützerinnen war die Sängerin Taylor Swift, selber eine bekennende Katzenliebhaberin. In der Ausstellung findet sich ein Cover des Time Magazin, für das die Amerikanerin 2023 mit ihrem Ragdoll-Kater Benjamin Button abgelichtet wurde. Das ist mehr als eine Aufnahme, es ist ein Statement. Zumindest für alle Katzenfans. Tierschützer:innen wiederum beklagen, dass Taylor Swift ausgerechnet Qualzuchtkatzen zum Trend erhebt. Ragdolls wie Benjamin Button sind überdurchschnittlich anfällig für Herzkrankheiten. Zudem besitzt die Sängerin die beiden Scottish Folds Meredith Grey und Olivia Benson. Ihre nach vorne gefalteten Ohren sind einem Gendefekt geschuldet, der unheilbare Knorpel- und Knochenschäden inklusive immenser Schmerzen verursachen kann. Solche Problematiken klammert die „Katzen!“-Ausstellung jedoch aus. Sie konzentriert sich eher auf die gesellschaftliche Bedeutung der Samtpfoten im Laufe der Jahrhunderte – mit zahlreichen informativen Exponaten und Details.

„Katzen!“ Museum am Rothenbaum, Rothenbaumchaussee 64, Hamburg. Bis 29.11.26

Bild: Irmgard Töpelmann: „Wir verschönern die Scheibe (Johnny Walker, Ivory, Tarzan)“, Hamburg, 2020 © Irmgard Töpelmann

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Dagmar Leischow