Die Götter gieren nach Blut: Glucks „Iphigénie en Tauride“ auf der Freiburger Opernbühne
Eigentlich müsste Iphigenie tot sein. Geopfert vom eigenen Vater auf dem Altar der Göttin Artemis/Diana, um den Schiffen der
Eigentlich müsste Iphigenie tot sein. Geopfert vom eigenen Vater auf dem Altar der Göttin Artemis/Diana, um den Schiffen der Griechen günstige Winde für die Überfahrt nach Troja zu sichern. Der Dramatiker Euripides mochte sich mit dieser mythischen Bluttat seiner Landsleute nicht abfinden und entrückte das Menschenopfer – auf Beschluss der Göttin – nach Tauris auf der Krim. Dort darf Iphigenie als Priesterin der Diana amtieren, auf blutige Weise. Jeden nach Tauris Verschlagenen muss sie im Tempel der Göttin opfern. Schlimm genug. Was aber, wenn der zuletzt Gestrandete niemand anderes ist, als ihr leiblicher Bruder Orest?
Eine uralte Geschichte um Schuld und Sühne, Freundschaft und Geschwisterliebe, beliebt als Stoff zahlreicher Opernlibretti, von Johann Wolfgang Goethe bekanntlich dramatisch umgestaltet zum Exempel klassischer Humanität. Nur sechs Wochen trennen die Uraufführung der Goetheschen „Iphigenie“ von der bejubelten Pariser Premiere von Christoph Willibald Glucks „Iphigénie en Tauride“. Komponisten wie Wagner und Berlioz feierten das Werk als Wendepunkt der Operngeschichte: eine zukunftsweisende Einheit von Handlung und Musik. Psychologische Durchdringung anstelle der eher statischen Affektenkunst der Da-capo-Arien in der Opera Seria. Worin aber besteht heute die Innovationskraft von Glucks Reformoper von 1779? Die Inszenierung von Caterina Cianfarini am Freiburger Theater lässt keinen Zweifel daran, wieviel Brisanz in der Geschichte um die Abschaffung des Menschenopfers steckt: „Für die Menschlichkeit. Ein Antiken-Spektakel zwischen Trauma und Befreiung.“, heißt es im Programmheft. Zu Glucks düsterer Ouvertüre öffnet sich eine mit einem braunen Ledersessel mehr als karg möblierte Kastenbühne, ein Zimmer von autoritärer Ödnis. Am Ende werden Boden und Wände blutbespritzt sein. Eine ölige rote Füssigkeit, die, in immer neuen Kanistern herbei geschafft, sich über die Protagonisten ergießt, welche – allzu augenfällig – beides sind: Täter wie Opfer. Der assoziative Konnex von Blut und Öl verweist überdies auf aktuelle Konflikte. Dennoch wirkt das Übermaß an Blut verzichtbar.
Iphigenie und ihr Bruder, die einander lange nicht erkennen, sind verstrickt in eine sich über Generationen hinziehende Blutschuld: der „Fluch der Atriden“. Beide sehnen sich nach dem Tod – Orestes, weil er die Mörder seines Vaters, zuvorderst die eigene Mutter Klytämnestra umgebracht hat und deshalb fortwährend von den Rachegeistern, den Eumeniden, heimgesucht wird. Iphigenie, weil sie nicht länger Unschuldige rituell hinschlachten will. Orests Waffengefährte Pylades, weil er sich partout für den Freund opfern will. Nur der paranoide Skythenkönig Thoas will leben – und besteht auf Vollstreckung. Nicht zufällig erscheinen Thoas und seine Göttin als Spiegelung des blutigen Elternpaares Klytämnestra Agamemnon. Dass aber die Protagonisten auch noch als (blutende) Kinder-Alter Egos auftreten müssen, erscheint mehr als verzichtbar.
Die superbe, auch schauspielerisch brillante Sopranistin Maeve Höglund (Iphigenie) sowie der gerade in die dramatischen Extreme perfekt ausreizende Bariton Timothy Connor (Orest), auch der feinnervige Tenor Sahel Salam (Pylades) begeben sich stimmlich wie konditionell an die Grenze des Möglichen. Trotz der Bandbreite von Glucks musikalischer Dramatik – von empfindsam lyrischen Partien bis zu den impulsiven Crescendi mit Choreinsatz – steht die Musik doch oft im Kontrast zum blutigen Bühnengeschehen, diesem aufs Äußerste reduzierten Kammerspiel mit Anleihen bei Hermann Nitsch. Die dem Blutfluss dauerhaft Einhalt gebietende Diana mit Kopftuch ( Cassandra Wrights perfekt gezügelte Dramatik!) erscheint am Ende denn auch eher als fragile dea ex machina. Das chorale Versprechen auf dauerhaften Frieden zwischen Griechen und Skythen, Ost und West, wirkt angesichts der blutigen Helden der Humanität mehr als fragwürdig. Auch der böse Despot (einschneidender Bariton: Juan Orozco) stirbt ja schließlich, im Gegensatz zu Goethes Thoas, eines gewaltsamen Todes.
Das Philharmonische Orchester unter dem Dirigat von Generalmusikdirektor André de Ridder gibt sein Bestes und trägt, wie auch der Chor, Glucks Stürmen und Drängen, seinen rhythmischen Brüchen und dynamischen Spannungen mitreißend Rechnung. Umso bedauerlicher, dass der famose de Ridder im kommenden Jahr nach London wechseln wird. Der frenetische Applaus dürfte dem der Uraufführung vom 18. Mai 1779 entsprochen haben – eine Oper des späten achtzehnten Jahrhunderts als komplexes Psychodrama von zeithistorischer Brisanz. Unüberhörbar aber auch die heftigen Buhrufe. Ein Kanister weniger Blut hätte niemandem geschadet.
Weitere Termine: 12.04./09./25.05. und 04.06. im Großen Haus des Theater Freiburg.






