Kunst

Sasha Hubers und Petri Saarikkos Ausstellung „Shelter“ in der Galerie für Gegenwartskunst im E-Werk

Manchmal muss man einfach große Steine ins Rollen bringen. Solche wie das Agassizhorn, knapp 4000 Meter hoch und in

Sasha Hubers und Petri Saarikkos Ausstellung „Shelter“ in der Galerie für Gegenwartskunst im E-Werk

Manchmal muss man einfach große Steine ins Rollen bringen. Solche wie das Agassizhorn, knapp 4000 Meter hoch und in den Berner Alpen gelegen. Benannt ist es nach dem Schweizer Naturforscher Louis Agassiz, der im 19. Jahrhundert die Gletscherforschung begründete. Doch Agassiz war auch von der Überlegenheit der Weißen überzeugt. In South Carolina organisierte er stereotypische Aufnahmen von Schwarzen, die als Sklaven-Daguerreotypien von Louis Agassiz bekannt wurden. 2008 ließ sich Sasha Huber auf das Agassizhorn mit dem Helikopter fliegen, um es in Rentyhorn umzutaufen. Renty Taylor gehörte zu den Männern, die im Auftrag von Agassiz fotografiert wurden. Der Gipfel wartet noch auf die offizielle Umbenennung.
Die Demontage von Agassiz geht auf den Schweizer Historiker und Aktivisten Hans Fässler zurück, der sich intensiv mit der eidgenössischen Verwicklung in den Kolonialismus befasst. Gut 80 Orte sind nach Agassiz benannt, selbst für den Mond und den Mars fungierte er als Patron. Fässler und Huber, die derzeit mit Petri Saarikko in der Galerie für Gegenwartskunst ausstellt, haben sich also einiges vorgenommen. Hubers 2024 entstandenes Video „Tlingit Glacier & Lakes – A Reparative Intervention I“, das in der Galerie I zu sehen ist, gehört in diesem Kontext. Ein Gletscher und ein See in der Region Yaakwdaat in Alaska sind nach dem Schweizer Naturforscher benannt. Die Landschaft, durch die Huber und der Tlingit-Künstler Khaach Jeremiah James laufen, ist von schlackenloser Kargheit, türkisblaue kleine Eisberge, Schmelzwasser, auf dem Gestein haben die Kräfte, die hier gewirkt haben, Spuren hinterlassen. James, der traditionelle Kleidung trägt, entnimmt Gletscherwasser für eine spätere Potlatchzeremonie.
Viel ist in der „Shelter“ betitelten Ausstellung von Heilung die Rede, Zeremonien nehmen einen Großteil der Videos ein, die Fallschirme in der Galerie II haben etwas von Zelten und versprechen Schutz. Huber, Tochter einer haitianischen Mutter und eines Schweizer Vaters, geht es immer auch um das Heilen von Wunden, die Kolonialismus und Rassismus hinterlassen haben. Der Ansatz ist gut gemeint, aber nimmt Ungenauigkeiten in Kauf. Auch die Tlingit haben im Laufe ihrer Geschichte Nachbarstämme aus ihren Gebieten gedrängt. Seit 2002 lebt Huber in Finnland zusammen mit ihrem Mann Petri Saarikko, zur Kunst kam sie erst dort. Mit ihren Tacker-Zeichnungen war sie in der Ausstellung des Aargauer Kunsthaus „Stranger in the Village“ vertreten, die sich ausgehend von James Baldwin mit Rassismus befasste. Für ihre Ausstellung im E-Werk ist nun das Porträt der afrodeutschen Politikerin Sylvie Nantcha, die mehrere Jahre Mitglied des Freiburger Gemeinderats war, entstanden. Es setzt sich aus unzähligen Metallklammern auf einem schwarzen Untergrund zusammen. Die Klammern haben etwas Aggressives an sich, zugleich aber auch etwas Verbindendes.
In „Remedies, Australia“ aus dem Jahr 2015 verbindet sich das Thema des Heilens mit indigenem Wissen um die medizinische Wirkung von Pflanzen. Gesprächspartnerinnen und -partner erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven – auch aus botanischer – vom Eukalyptusbaum als Heilpflanze, als Grenze und von seiner Bedeutung für die Spiritualität. Kulturelle Identität ist eng mit der Natur verbunden. Die Sehnsucht nach einem Status quo ante ist groß, wirkt aber zumindest ahistorisch.

Shelter. Sasha Huber & Petri Saarikko. Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk, Freiburg, Eschholzstr. 77, Freiburg. Fr 17-20 Uhr, Sa 14-20 Uhr, So 14-18 Uhr. Bis 8.11.26

Foto: Blick in die Ausstellung von Sasha Huber & Petri Saarikko © Marc Doradzillo

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Annette Hoffmann