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Neurowissenschaft: Kunst gegen die Alterung des Gehirns?

Als der Artikel „Creative experiences and brain clocks“ von Carlos Coronel-Oliveros und 49 Mitautorinnen und Mitautoren im Oktober 2025

Neurowissenschaft: Kunst gegen die Alterung des Gehirns?




Als der Artikel „Creative experiences and brain clocks“ von Carlos Coronel-Oliveros und 49 Mitautorinnen und Mitautoren im Oktober 2025 in Nature Communications veröffentlicht wurde, sorgte er in den Wissenschaftsmedien sofort für großes Aufsehen. Die Diskussion über diese Forschung reichte weit über das BrainLat Institute, das die Arbeit koordiniert hatte, und den Kreis der Fachleute auf diesem Gebiet hinaus. Was war das Besondere an dieser Studie, und warum begannen Neurowissenschaftler, die Künste aus der Perspektive der Biologie des Gehirns zu untersuchen?

Der wissenschaftliche Direktor des BrainLat Institute, Agustin Ibanez, vertritt die klare Auffassung, dass so komplexe Prozesse wie die Alterung des Gehirns, Demenz und die allgemeine Hirngesundheit das Ergebnis biologischer, sozioökonomischer und kultureller Faktoren sind. Aus diesem Grund gehen alle Projekte des Instituts über klassische biologische Modelle hinaus und betrachten Prozesse im Gehirn auf unterschiedlichen Ebenen. Da sich die Künste parallel zur Entwicklung unserer Spezies entwickelten, wollten die Wissenschaftler verstehen, wie sich unterschiedliche kreative Erfahrungen im Verlauf der Alterung auf das Gehirn auswirken. Doch wie untersuchten die Forschenden kreative Erfahrungen?

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Die Neurowissenschaftler nutzten offene Datensätze von 232 Teilnehmenden aus Studien zur Kreativität im Tanz (46 Tangotänzer, Argentinien), in der Musik (58, Kanada), in der bildenden Kunst (30, Deutschland) und im Gaming (62, Polen). Entgegen einer verbreiteten gesellschaftlichen Auffassung wurde auch strategisches Gaming als Form kreativer Aktivität betrachtet und in die Studie einbezogen. Je nach Trainingserfahrung wurden sie in Experten und Nicht-Experten eingeteilt und ihre elektrophysiologischen Aufzeichnungen verglichen. Die Forschenden bezogen beide Geschlechter in die Studie ein, mit Ausnahme der Gruppe der erfahrenen Gamer. Aber aufgrund unzureichender Spielerfahrung gab es unter den Experten im Gaming keine Frauen. Zusätzlich untersuchten die Forschenden bei unerfahrenen Gamern, wie sich 3–4 Wochen regelmäßiges Training mit Starcraft II oder Hearthstone auf die Hirnaktivität auswirkte. Startcraft ist ein Echtzeit-Strategiespiel mit einer Handlung über galaktische Vorherrschaft in der Zukunft. Bei Hearthstone ist die Strategie stärker regelgeleitet und bietet im Vergleich zu Startcarft weniger Raum für Improvisation. Die Figuren befinden sich in einer magischen Taverne und treten beim Geschichtenerzählen mit Karten gegeneinander an. Im Fokus stand das EEG-Signal im Bereich von 8–40 Hz mit Alpha- und Low-Gamma-Rhythmen. Diese Rhythmen spielen eine entscheidende Rolle für kreative und aufmerksamkeitsbezogene Prozesse sowie für das Hirnalter. Die Daten wurden anschließend mit dem vom BrainLat-Team entwickelten „Brain clocks“-Modell verglichen. Dieses theoretische Modell schätzt das Hirnalter anhand von EEG-, strukturellen MRT- und metabolischen Daten.

Die Ergebnisse zeigten, dass das ermittelte Hirnalter aller Teilnehmenden aus den Expertengruppen deutlich niedriger war. Je höher das Niveau der Expertise und der Leistung, desto größer war die Verzögerung des Hirnalters. Wichtig ist dabei, dass die Alterung des Gehirns nicht in allen Bereichen gleichmäßig verläuft. Alterungsanfällige Knotenpunkte („Hubs“) des Gehirns zeigten eine erhöhte, mit Kreativität verbundene Konnektivität. Doch welche Art kreativer Erfahrung oder welche Kunstform hilft dem Gehirn besser? Die Ergebnisse weisen auf einen domänenunabhängigen Zusammenhang zwischen Kreativität und Hirngesundheit hin, sodass alle Kunstformen hilfreich sein können. Sogar das Erlernen strategischer Videospiele senkte das Hirnalter um drei Jahre.




Forschungsergebnisse aus Coronel-Oliveros et al, 2025. Unterschied zwischen dem theoretischen und dem tatsächlichen Gehirnalter (BAG, Jahren) bei erfahrenen Tänzern, Musikern, bildenden Künstlern, Gamern und Personen im Gaming-Training.

Diese Daten zeigen deutlich, dass die Künste ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Wohlbefindens sind. Die Förderung kreativer Aktivitäten sollte nicht nur aus kultureller Perspektive betrachtet werden, sondern auch als wirkungsvolle und kostengünstige Methode zur Gesundheitsversorgung der Weltbevölkerung. Derzeit verfügen psychiatrische Einrichtungen in der Schweiz, Russland und Mexiko über Räume für Kunsttherapie. Der mexikanische Neuropsychiater Dr. Jesus Ramirez-Bermudez hilft seinen Patienten dabei, Bücher über ihre persönlichen Erfahrungen zu veröffentlichen. Diese Arbeit erwies sich als sehr hilfreich, um die Patienten wieder mit der Gesellschaft zu verbinden. Darüber hinaus ist Dr. Ramirez-Bermudez Autor mehrerer Bücher über die Paradoxien des Geistes. Eines davon, „La melancolia creativa“, behandelt Zusammenhänge zwischen Melancholie, Depression und kreativen Erfahrungen.

Derzeit wird für die Zukunft eine steigende Zahl von Demenzpatienten prognostiziert. Dafür gibt es mehrere Gründe. An erster Stelle stehen demografische Faktoren und die längere Lebenserwartung des Menschen. Die europäische Bevölkerung schrumpft, gleichzeitig leben die Menschen länger. Dies führt zu einer Situation, in der es viele Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und Behinderungen gibt, während ein deutlich kleinerer Teil der Bevölkerung für ihre Betreuung zur Verfügung steht. Zugleich wurden in jüngster Zeit mehr Fälle von Alzheimer- und Parkinson-Erkrankungen in jüngerem Alter festgestellt. Obwohl Neurologen herauszufinden versuchen, warum Demenz „jünger wird“, ist dieser Prozess bislang eher beschrieben als verstanden, die zugrunde liegenden Mechanismen bleiben unbekannt. Insgesamt verdeutlichen diese Gründe die Notwendigkeit von Ansätzen zur Demenzprävention.

Kreative Prozesse können auch Brücken zwischen Generationen bauen Foto: Vitaliy Gariev

Laut dem vor zwei Jahren in Lancet veröffentlichten Artikel von Gill Livingstone könnten rund 45 Prozent der Demenzfälle potenziell verhindert werden, wenn 14 modifizierbare Risikofaktoren in unterschiedlichen Phasen des Lebensverlaufs gezielt angegangen werden. Zu diesen Faktoren zählen Bildung (frühes Lebensalter), Hörverlust, traumatische Hirnverletzungen, Bluthochdruck, Alkoholkonsum, Adipositas (mittleres Lebensalter), Rauchen, Depression, soziale Isolation, Diabetes, körperliche Inaktivität und Luftverschmutzung (späteres Lebensalter). Dieser Ansatz wurde von der WHO in ihre offiziellen Leitlinien aufgenommen. Im Jahr 2024 initiierten die WHO und Lancet gemeinsam die „Global Series on health and the arts“. Die Teilnehmenden standen der Anwendung kreativer Aktivitäten in der medizinischen Versorgung recht skeptisch gegenüber, da es an systematischen Big-Data-Studien über Kunst und menschliche Gesundheit mangelte. Bis Oktober 2025.

Heute ist es von großer Bedeutung zu verstehen, wie der Lebensstil von Menschen der Alterung des Gehirns entgegenzuwirken könnte. Die wichtigste Schlussfolgerung aus der Arbeit von Coronel-Oliveros ist, dass die Künste ein erhebliches Potenzial haben, zur Lösung dieser Frage beizutragen. Schon heute können wir Menschen dabei unterstützen, ihre kognitiven Fähigkeiten möglichst lange zu erhalten und ihr Gehirn jung zu halten. Wir sollen Menschen aller Altersgruppen in kreative Aktivitäten einbeziehen.

Foto: cottonbro studio

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Vasilisa Zhukova