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Zwischen Traum und Wirklichkeit: Ein ästhetischer „Lohengrin“ eröffnet die neu aufgestellten Osterfestspiele Baden-Baden

Schwebende Streicherklänge in den achtfach geteilten Violinen – dann knallt etwas auf den Boden. Das Vorspiel zu Richard Wagners

Zwischen Traum und Wirklichkeit: Ein ästhetischer „Lohengrin“ eröffnet die neu aufgestellten Osterfestspiele Baden-Baden

Schwebende Streicherklänge in den achtfach geteilten Violinen – dann knallt etwas auf den Boden. Das Vorspiel zu Richard Wagners „Lohengrin“ beginnt im Festspielhaus Baden-Baden mit einer Störung. Und auch das Mahler Chamber Orchestra im Graben braucht ein wenig Zeit, um sich zu orientieren. Die Bläsereinsätze sind nicht perfekt zusammen, der Verschmelzungsgrad der Musik hat noch Luft nach oben. Joana Mallwitz lässt diesem „Lohengrin“, der die neu konzipierten Osterfestspiele eröffnet, viel Zeit für die großen Melodiebögen. Im ersten Aufzug könnte die Interpretation allerdings noch fließender sein. Das Statische dominiert. Aber das Mahler Chamber Orchestra, das zum ersten Mal überhaupt eine Wagner-Oper spielt und dafür mit Aushilfen auf die doppelte Größe aufgestockt wurde, entwickelt an diesem viereinhalbstündigen, mit stehenden Ovationen gefeierten Abend mehr und mehr Suggestionskraft. Malwitz’ Lesart zeigt eine große dynamische Bandbreite. Effektvoll wirkt der Raumklang der bei manchen Fanfaren im Festspielhaus Baden-Baden verteilten Blechbläser, ganz transparent klingen die Streicher in den vielen Pianopassagen, kontrastreich gelingt die Differenzierung zwischen hellen und dunklen Farben.

Ein ästhetischer „Lohengrin“ eröffnet die neu aufgestellten Osterfestspiele Baden-Baden Copyright: Martin Sigmund

Johannes Erath inszeniert Wagners letzte romantische Oper als Nachtstück. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit sind fließend. Ein in einen Lichtrahmen gefasster dunkler Wald mit hellen Bäumen ist das Setting, in dem er dieses musikalische Märchen spielen lässt (Bühne: Herbert Murauer). Der in den hohe Männerstimmen nicht immer ganz intonationsreine, klangmächtige Tschechische Philharmonische Chor (Einstudierung: Petr Fiala) trägt elegante blaue Abendkleider und edle schwarze Anzüge (Kostüme: Gesine Völlm). Zu Lohengrins erstem Auftritt fallen Federn in den Zuschauerraum sanft herab. Der Gralsritter ist selbst ein Schwan mit langem Federmantel. Erath schafft mit seinem Team (Licht: Joachim Klein, Video Bibi Abel) magische Bilder, wenn er die scheinbar schwebende, runde Treppe mal zu einem Meer, mal zu einem Auge oder einem Sternenhimmel macht. Es gelingen ihm in seiner musikalischen, fantasievollen Inszenierung auch subtile Szenenübergänge wie im 2. Aufzug, wenn die Ehehölle von Telramund und Ortrud zum Schlafzimmer von Elsa wird – das sich langsam drehende Ehebett zeigt beide Gemächer. Aber insgesamt fehlt seiner Regiearbeit die Fokussierung. Die ästhetischen Bilder mäandern assoziativ im freien Raum. Ein Röhrenfernseher als Leitmotiv, die Doppelung der Szene durch Videos, die unmotivierte Bühnenräumung im 3. Aufzug – einiges bleibt rätselhaft.

Piotr Beczala singt Lohengrin mit leuchtendem Tenor, weicher Stimmgebung und kantablen Melodiephrasen. Seine Kräfte teilt er sich gut ein, so dass er für die Gralserzählung im letzten Aufzug noch über genügend Reserven verfügt. Rachel Willis-Sorensen schenkt Elsa, die bereits in der ersten Szene im Brautkleid auftritt und Handschellen angelegt hat, strahlende Spitzentöne und auch in den leisen Passagen Tragfähigkeit. Wolfgang Koch ist ein dunkel timbrierter, bedrohlicher Telramund. Tanja Aria Baumgartner macht Ortrud eine charismatische Intrigantin, vor der man sich fürchten kann. Nur Kwangchul Youn als Heinrich der Vogler fällt mit seinem wabernden Bass ab im guten Solistenensemble, das Samuel Hasselhorn als überzeugender Heerrufer komplettiert.

Weitere Vorstellungen, 31. März, 5. April, jeweils 18 Uhr, www.festspielhaus.de

Bild: Willis Sorensen als Elsa Copyright: Martin Sigmund

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Georg Rudiger