Mit der Wiederholung in die Unendlichkeit: Die Fondation Beyeler erzählt die Kunst der Yayoi Kusama in einer Retrospektive von Beginn an
Wenn man nach außen schaut, dann reduziert sich die Welt da draußen auf einen kreisförmigen Ausschnitt. Es kann sein,
Wenn man nach außen schaut, dann reduziert sich die Welt da draußen auf einen kreisförmigen Ausschnitt. Es kann sein, dass sich der Blick in die Zweige einer Kiefer richtet oder auf die Begrenzung des Rasens, grün, gelb oder blau eingefärbt, je nachdem. Aber warum sollte man überhaupt nach draußen schauen, wenn man in Yayoi Kusamas „Infinity Mirrored Room – Illusion inside the heart“ steht? Schließlich kann man sich in diesem Raum, dessen Begrenzungen sich in einem leuchtenden Punktemeer aufzulösen scheint, ganz gut verlieren. Auf der Außenwand spiegelt sich der Park der Fondation Beyeler so als wollte sich der Kubus, der auf einem Podest zu schweben scheint, auflösen.

Als Einstieg in die Welt der Yayoi Kusama ist dies kein schlechter Start. Denn die Werke der 1929 geborenen Japanerin sind in den letzten Jahren zunehmend immersiv geworden, indem sie Erfahrungen stiften, die einen aus dem Alltag herausreißen. Das kommt nicht allein beim Publikum gut an, Cyndi Lauper verband ihr Abschiedskonzert mit einer Hommage an die Künstlerin und der Pariser Louis Vuitton-Store installierte gar einen Kusama-Roboter im Schaufenster und ließ das Gebäude von einer riesigen Kusama-Figur umarmen. Kaum eine Künstlerin ist derart Pop wie Yayoi Kusama. Und bedenkt man, dass sie seit den 1960er Jahren mit der „Self-Obliteration“-Serie an ihrem Verschwinden arbeitet, ist die Künstlerin paradoxerweise sehr präsent.

Die Retrospektive, die nach dieser ersten Station in der Fondation Beyeler, an das Museum Ludwig in Köln und an das Amsterdamer Stedelijk Museum wandert, hat nichts gegen das Spektakel, will aber einen fundierten umfassenden Überblick leisten. Sie beginnt mit ersten Zeichnungen, die in den 1930er Jahren entstehen, setzt sich in surreal wirkenden Arbeiten fort, beleuchtet Kusamas Werke in New York, die anfangs unter dem Einfluss des Informel stehen, aber auch ihre Rolle in der jungen Gegenkultur der USA. Nach 16 Jahren kehrt sie nach Japan zurück, ihre psychischen Probleme hatten sich verstärkt. Mitte der 1970er Jahre wird sie sich selbst in eine Klinik einweisen, aber mit anhaltender Energie weiterarbeiten. Die gepunkteten Kürbisse werden ebenso zu ihrem Markenzeichen wie die Infinity-Rooms. Die Wirkung von Kusamas Arbeiten beruhen nicht zuletzt auf der Repetition. Das zeigt sich bereits an der frühsten Arbeit dieser Retrospektive, die gut 300 Werke zusammengeführt hat. Die junge Kusama hat eine Frau gezeichnet, die in sich versunken ist und die Augen geschlossen hat. Über das ganze Blatt zieht sich ein Netz aus Punkten. In den großformatigen Arbeiten, die ab Ende der 1950er Jahre in den USA entstehen, werden diese zum Selbstzweck. Während das Figürliche aus diesen Bildern gewichen ist, wirken die Netze, beziehungsweise das All Over der Polka Dots organisch. Dies mag mit der Vogelperspektive zu tun haben, der Flug von Japan nach Amerika muss sie beeindruckt haben – tatsächlich tragen manche den Titel „The Pacific Ocean“ ˗ oder auch mit den Halluzinationen, die sie seit ihrer Kindheit hat. In Amerika jedenfalls bleibt es nicht bei diesen unbunten Bildern, es entstehen Papierarbeiten mit Adressaufklebern und Stickern, die sie mal untereinander, mal übereinander klebt. Und ihr Werk wird zunehmend körperlich. Sie appliziert Objekte und Kleidung mit phallusförmigen Ausstülpungen und sie beklebt BHs oder Taschen mit getrockneten Nudeln, die sie silbern und golden ansprüht. In der Fondation Beyeler sind Fotosessions und kurze Videos zu sehen mit ihren selbst entworfenen Kleidern, durch deren Cut Outs Busen und Genitalien zu sehen sind. Sie bemalt nackte Körper mit Punkten und veranstaltet Happenings auf Dächern, der Brooklyn Bridge und der Wall Street. So körperlich soll ihr Werk nie wieder werden.
Die Retrospektive verdeutlicht, was für ein immenses Oeuvre Yayoi Kusama geschaffen hat und auf was für eine Lebensspanne die Künstlerin zurückschauen kann. Selbst Menschen, die sich kaum für zeitgenössische Kunst interessieren, kennen Kusamas Kürbisse, die natürlich auch in Riehen zu sehen sind, sowie ihre“ Infinity Mirrored Rooms“. In einem der unteren Räume sind zwei dieser Spiegelkabinette zu sehen, in denen man sich unendlich oft gegenübersieht. Gelbe sowie schwarz gepunktete Arme, die von oben und unten wachsen, winden sich wie Tentakel durch diese beiden Räume. Man hat das Gefühl, es sind Yayoi Kusamas Wette auf die Unendlichkeit.
Yayoi Kusama. Fondation Beyeler, Baselstr. 101, Basel-Riehen. Montag, Dienstag, Donnerstag, Freitag 9-18 Uhr, Mittwoch 9-20 Uhr, Samstag und Sonntag 10-18 Uhr. Bis 25.01.26.
Bild: Yayoi Kusama: „The Hope of the Polka Dots Buried in Infinity Will Eternally Cover the Universe“, 2019/2024, Vinylballons, Sperrholz und Gebläse, Installationsansicht, National Gallery of Victoria, Melbourne © YAYOI KUSAMA




