Die Einladung, bei allem Schweren der Geschichte, hinzuschauen: Drei Fragen an … Daniela Mohr (Schauspielerin, Theater im Marienbad)
Seit 1990 bereichert Daniela Mohr das Ensemble des Theaters im Marienbad und ist aus der Freiburger Theaterlandschaft kaum wegzudenken.
Seit 1990 bereichert Daniela Mohr das Ensemble des Theaters im Marienbad und ist aus der Freiburger Theaterlandschaft kaum wegzudenken. Ihre künstlerische Reise begann mit einem Studium an der renommierten Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main, das den Grundstein für ihre präzise Spielweise legte. Bevor sie in Freiburg ihre dauerhafte Wirkungsstätte fand, sammelte sie Erfahrungen an Häusern wie dem Theater Heidelberg und dem Landestheater Tübingen.
Seit vielen Jahrzehnten setzt sie im Marienbad ihre Wandlungsfähigkeit unter Beweis. Ihr Repertoire erstreckt sich von skurrilen und poetischen Charakteren in Stücken für junge Zuschauer:innen bis hin zu komplexen, psychologisch tiefgreifenden Rollen in den Abendinszenierungen des Theaters. Ihre erste Soloinszenierung „Heimsuchung“ nach dem Roman von Jenny Erpenbeck feierte kürzlich Premiere im Theater im Marienbad. Elisabeth Jockers stellte Daniela Mohr drei Fragen.
Kultur Joker: Was war die skurrilste Textzeile eines Stücks, die dir nicht mehr aus dem Kopf geht?
Daniela Mohr: In Don Quijote (Premiere 2008) spielte ich unter vielen anderen Rollen die Haushälterin Dolores. Da das Stück bekanntlich in Spanien spielt und von Marc Günther durchaus komödiantisch angelegt war, erfand ich einen Dialog, den Dolores mit Nicolas, dem Hausbarbier im Schlagabtausch zum Besten gab, in einer frei erfundenen lautmalerischen Phantasiesprache, auch Gromolo genannt, mit vielen spanisch anmutenden Lauten. Hier eine Kostprobe von jenem Dialog, der, schnell gesprochen, einem durchaus spanisch vorkommen kann – und den ich bis heute auswendig erinnere, obwohl das Stück schon mehr als 10 Jahre abgespielt ist! Dolores: „Gracha rabottes, mia tinkera del doso! Dos carottes, poretos, locheros, luniones…“. Nicolas: „Ah Dolores, Il renzo solero, si?“ Dolores: „Nicolas! Ne una mas los, I krochos dos muskantes!!“
Hier geht es um viel Arbeit, um Zutaten für eine Suppe – und um Nicolas, der mit einem beschwingten Gruß die Bühne betritt und sich vor Dolores heute besser hüten sollte …. Wir hatten viel Spaß und die Zuschauenden genossen dieses Spiel. Einmal war eine Gruppe Studierender aus Spanien im Publikum, die mich nach der Vorstellung im Foyer umringten und wissen wollten, aus welcher entlegenen spanischen Bergregion der Dialekt käme, den sie eben gehört aber kaum verstanden hätten. Großes Gelächter und Kompliment an unsere sprachliche Fertigkeit. Sie lernten jedenfalls an diesem Abend ein neues Wort, das auch sie bestimmt nicht vergessen haben: Kauderwelsch!
Kultur Joker: Welches Ritual pflegst du vor einer Premiere und wie ist es entstanden?
Daniela Mohr: Entstanden aus dem Bedürfnis, jeglichen Stress der letzten Probentage vor einer Premiere, der oft dazu gehört, loszuwerden, mich davon möglichst frei zu machen: der Tag, die Stunden vor der Premiere, gehören alleine mir. Ist ein feierlicher Tag. Keine Besuche, keine unnötigen Telefonate, keine Mails. Ich stelle mir für morgens keinen Wecker und versuche so lang wie möglich zu schlafen, was nicht immer gelingt, denn die Aufregung vor einer Premiere ist schnell zu aktivieren. Ich mache mir ein spätes, schönes Frühstück, bastle Premierengeschenke zu Ende, schreibe Kärtchen an alle Mitwirkenden. Meist bereite ich noch etwas vor für das Büffet nach der Premiere. Dann gehe ich spazieren und lasse dabei das Stück oder einzelne Passagen im Inneren ablaufen. Der Höhepunkt am Nachmittag, wenn alles erledigt ist: ausgiebig in die Badewanne. Musik nur, wenn es mir nicht gelingt, den inneren Plapperkopf auszuschalten. Alles mit Ruhe und Sorgfalt. Und ich gehe sehr zeitig zum Theater, 1,5 bis 2 Stunden vor der Vorstellung. Berühre meine Requisiten, gehe über die Bühne, dehne mich, „spucke“ den KollegInnen ein Toi Toi Toi über die Schulter (verwechsle auch hier wie immer links und rechts), und spüre, wie sich mein gereinigter Körper und geleerter Geist mit elastischer Spannung und Glück anfüllen, hier und jetzt am richtigen Ort zu sein.
Kultur Joker: Welcher Film hat dich zum letzten Mal zum Weinen gebracht und warum?
Daniela Mohr: „Amrum“ von Fatih Akin hatte mich sehr berührt. Ich hatte mir den Film angeschaut als weitere Forschung für mein Solo „Heimsuchung“, das am 21. Februar Premiere im Marienbad feierte und wie „Amrum“ einen Blick auf Menschen wirft oder vielmehr Einblick gewährt, die vor, während und über den Krieg hinaus ihr Leben in Deutschland zu leben versuchen. Deutsche Geschichte erlebbar machen, indem die Protagonisten ihre Geschichte erzählen und wir ihnen zuhören und zusehen. Ich war berührt, als der kleine Nanning (wie alle Kinderdarstellenden im Film großartig besetzt) von dem Flüchtlingsmädchen, dessen Bruder er gerettet hatte, eine Kette zum Abschied geschenkt bekommt und er ihr ein Lächeln zurück schenkt. Es ist das erste Mal, dass er überhaupt lächelt, wie es mir erst jetzt auffällt. So viel Hoffnung liegt darin und Liebe, angesichts der widrigen Umstände, denen sie so unfreiwillig ausgesetzt sind. Am Ende steht Hark Bohm, der Autor des Films, auf dessen Kindheitserinnerungen die Filmhandlung gründet, selbst lächelnd am Meer auf Amrum, als alter Mann noch einmal zurückgekehrt auf die Insel, mit der er ein Leben lang verbunden bleibt mit dem, was er dort erlebt hat. Nicht ohne die Einladung, bei allem Schweren der Geschichte, hinzuschauen. Darum hat er seine Geschichte aufgeschrieben: um sie zu Teilen. Anteil nehmen, begleiten, verstehen, mitfühlen dürfen, weinen können. Ein Geschenk.
Kultur Joker: Liebe Daniela, vielen Dank für das Gespräch!
Weitere Infos und Tickets für das Stück „Heimsuchung“: www.marienbad.org
Foto: Daniela Mohr in „Heimsuchung“ © Doradzillo




