Kolumne Mixtape

Ich, Europäerin? Gedanken zu Europa.

„Wir brauchen mehr europäischen Patriotismus, wenn es darum geht, dass wir Schlüsselbranchen in Europa unterstützen“, betonte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil

Ich, Europäerin? Gedanken zu Europa.

„Wir brauchen mehr europäischen Patriotismus, wenn es darum geht, dass wir Schlüsselbranchen in Europa unterstützen“, betonte Bundesfinanzminister Lars Klingbeil im November 2025 vor seinen europäischen Amtskolleg:innen in Brüssel. Dass es einmal ein Satz von Lars Klingbeil sein würde, der mich ernsthaft zum Nachdenken anregt, hätte ich auch nicht gedacht. Klingbeil wirkt immer so, als wäre ihm ein bisschen schlecht, oder? Naja, wie auch immer. Patriotismus ist das Schlagwort dieser Überlegungen und unserer Zeit. Letzteres schreibe ich mit einem weinenden Auge und einer irritiert hochgezogenen Augenbraue.
Als Frau (geb. 1996), die in Deutschland aufwuchs und mit dem elterlichen Geist der 1970er Jahre sozialisiert wurde, habe ich ein ambivalentes Verhältnis zum Patriotismus. Schuljahr um Schuljahr studierten wir fächerübergreifend die katastrophalen Auswirkungen nationalgeprägter (Wahn)Vorstellungen und das, was uns heute davon unterscheidet: den europäischen Geist. Demokratische Grundwerte, basierend auf dem Wohlstandsversprechen eines florierenden Binnenmarktes. Kapital und Frieden, zwei Fliegen mit einer Klappe. Meinen Mitschüler:innen und mir war schnell klar: Europa ist das, was uns Frieden und Wohlstand sichert. Ehrlicherweise wurden hier gut und gerne die Jugoslawienkriege ausgeklammert, die später zu hitzigen Diskussionen in meinem Leistungskurs Geschichte und den anschließenden (Raucher)Pausen führten.
Zwischen der 18-jährigen Elisabeth und meinem schreibenden Ich liegen mittlerweile 12 ernüchternde Jahre realpolitischer Erfahrungen. Dabei hat sich eines aber nie geändert: Wer mich fragt, woher ich komme und „Was bist du?“, dem antworte ich damals wie heute: Ich bin Europäerin, in Deutschland geboren. In mir weht der europäische Geist, fasziniert von der Geschichte dieses Kontinents, die gleichermaßen blutig wie erhellend ist. Hochkulturen, Wissenschaft, Emanzipation und Revolution vereint auf einem Kontinent. Dabei habe ich kulturelle Differenzen zwischen mir und anderen Europäer:innen nie als widersprüchlich aufgefasst. Im Gegenteil. Geeint in der politischen Überzeugung demokratischer Grundwerte, sah ich kulturelle Unterschiede als Bereicherung und Quintessenz dessen, was Demokratie bedeutet: Geeint als Menschen. Europa schien mir wie ein mehr oder minder geglücktes Pilotprojekt – was passiert, wenn man Grenzen öffnet, nicht nur monetär, auch in den Köpfen?
Und bei all der Schwarzmalerei dieser Tage hat das übrigens ganz gut funktioniert. Bei einer Umfrage anlässlich der Europawahlen 2024, gaben 78 Prozent der 16- bis 25-Jährigen an, sie würden in einem Referendum für den Verbleib ihres Landes in der EU stimmen. Insgesamt ist das Vertrauen in die EU so hoch wie nie. Fast drei Viertel (74 Prozent) identifizieren sich als EU-Bürgerinnen und -Bürger – das ist der höchste Wert seit über zwei Jahrzehnten. Warum schreibe ich darüber? Weil es an der Zeit ist, sich auf unseren Geist zurückzubesinnen.
Auf Social Media geht derzeit ein Video viral. Es spielt in einem US-amerikanischen Vorort, in dem mehrheitlich Menschen mit Migrationshintergrund leben. Es ist dunkel, das Video zeigt eine Straße mit Laternen. Menschenleer, doch im Hintergrund ertönen Schreie. „Sie sind hier!“, „Bleibt in den Häusern!“, „Geht nicht raus!“. Anwohnende, die sich vor der Ankunft der ICE-Beamten warnen. Wissentlich, dass jenen, die die Straße betreten, Gewalt und Verfolgung drohen könnten. Dazu ein Kommentar mit über 13.000 Likes: In London ist es 10 Uhr, in Tokio 19 Uhr, in Berlin 11 Uhr und in den USA 1933. Das macht mir Angst. Als Europäerin, besonders aber als Deutsche. Und während der orangefarbige Mann wie ein blärrendes Kind auf Grönland zeigt, formiert sich die Welt neu. Wird Europa zur Schlüsselfigur eines Zeitalters, in dem demokratische Werte verteidigt und wie ein Juwel nach vorne getragen werden müssen. Im Geiste das, was uns Europäer:innen geeint hat: Bündnisse, nicht Waffen.

Bild: Dušan Cvetanović/pexels

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Elisabeth Jockers