Volles Programm: Das Freiburger E-Werk besinnt sich in diesem Jahr auf seine Vielfalt und feiert 30 Jahre Soziokultur
Wenn das E-Werk in diesem Jahr dreißig Jahre Soziokultur im Haus feiert, fragt man sich unweigerlich: war da nicht
Wenn das E-Werk in diesem Jahr dreißig Jahre Soziokultur im Haus feiert, fragt man sich unweigerlich: war da nicht was? Etwa die nicht unerhebliche Zeitspanne von etwa zwanzig Jahren? Das Freiburger E-Werk ist keine Gründung der ersten Stunde. Als 1989 erste Künstlerinnen und Künstler in das ehemalige Elektrizitätswerk zogen, war die Soziokultur zwar längst dabei sich zu etablieren, doch Kunstschaffende anderer Sparten dürften in dieser Zeit lauter aufgetreten und höhere Wellen geschlagen haben. Doch die Inbesitznahme von Räumen oder das Aufzeigen des Fehlens von diesen, sei es Wohnraum oder Freiräume für die Kultur, ist genuin politisch.

Die Soziokultur ist ein Kind der 1970er Jahre. Manche würden ihre Ursprünge sogar noch früher ansetzen. Doch in den 1970er Jahren gärte es, selbstverwaltete Strukturen waren im Kommen, der Kulturbegriff wurde weniger konservativ verstanden, auch andere soziale Gruppen sollten einbezogen werden, es ging um Haltungen, weniger um das Bewahren von Inhalten. Die Gründe für die Unschärfe, die mit jeder Definition von Soziokultur einhergeht, liegen hier begründet. Im Freiburger E-Werk ist Soziokultur so etwas wie die berüchtigte Salatschüssel. Es ist ein Mix, keine übergreifende Identität. 1996 kam der Arbeitskreis Alternative Kultur hinzu und das ist auch das, was in diesem Jahr im E-Werk gewürdigt wird. Gefeiert wird über das ganze Jahr mit dem Programm „Erste Sahne Soziokultur“, das die ganze kulturelle Vielfalt des Hauses zeigt. Den Anfang machte Mitte Januar der Art’s Birthday, der im letzten Jahr wegen Budgetproblemen ausgefallen war.
Wie komplex der Begriff der Soziokultur ist, weiß man natürlich auch im E-Werk. In den dreißig Jahren hat sich vieles gewandelt. „Es gibt nicht DIE eine Soziokultur. Soziokultur steht für eine bestimmte Haltung – heute genauso wie vor dreißig Jahren. Wir beschäftigen uns damit, wie wir als Kulturschaffende auf unser Publikum, bzw. auf ein Nicht-Publikum schauen. Betrachten wir es als Kulturkonsumenten oder versuchen wir mit den verschiedensten Gruppen der Stadtgesellschaft wirklich in Kontakt zu treten? Und wecken wir womöglich sogar deren eigene Kreativität? Soziokultur steht für ein hohes Maß an Demokratisierung. In den 1990er Jahren ging es noch darum, möglichst viele am kulturellen Leben teilhaben zu lassen, heute geht es zusätzlich darum, auf der Ebene der Kultur, unsere demokratischen Werte zu verteidigen und erfahrbar zu machen. Soziokultur ist so gesehen wichtiger denn je“, sagt Laurence Nagel, eine der beiden Geschäftsführerinnen am E-Werk.
Ein Programmpunkt in diesem Jahr spiegelt das unmittelbar. „Vis à vis“ ist ein Projekt von Sabine Noll und ganz wörtlich zu nehmen. Wer das E-Werk kennt, kennt auch die Eschholzstraße 100 gegenüber. Der Verkehr durchschneidet die Eschholzstraße sowieso, aber auf der Höhe der Hausnummer 100 ist die Wohnbauweise zudem sehr verdichtet. Die Tänzerin und Choreografin Sabine Noll, die bereits einige Erfahrungen mit partizipativen Projekten hat, will hier eine Annäherung wagen.
Vergleichbare Formate finden sich mittlerweile auch an größeren Häusern. Ein bisschen ist die Soziokultur also Opfer ihres eigenen Erfolges. Längst arbeiten größere und besser finanziell und personell ausgestattete Institutionen an partizipativen Projekten. Weil es nirgends mehr genügt, den Kanon zu reproduzieren und lediglich das angestammte Publikum anzusprechen. „Der Begriff der Soziokultur gehört aber nicht den ‚soziokulturellen Zentren‘. Sie hat sich vervielfältigt. Dass Themen wie Teilhabe, demokratisches Miteinander oder prozessorientiertes Arbeiten heute auch von anderen Institutionen aufgegriffen werden, ist ein riesiger Erfolg der Soziokultur“, sagt Nagel. Doch womöglich ist er, so könnte man einwenden, ein Problem für das Profil von soziokulturellen Zentren. Im E-Werk setzt man lieber auf Kooperationen als auf Konkurrenz. So wird das Internationale Festival der Darstellenden Künste „Performing Democracy“ im Mai als gemeinsames Projekt von Theater Freiburg, Theater im Marienbad und E-Werk stattfinden.

In Freiburg soll das Jahr der „Ersten Sahne Soziokultur“ nicht allein das Profil schärfen, sondern auch die ganze Vielfalt des Hauses und der mit ihm verbundenen Künstlerinnen und Künstler zeigen. Der Tanz wird in diesem Jahr dabei eine große Rolle spielen. Am 20. Februar öffnet sich der Saal für alle, die Lust haben zu tanzen. „Club Unique“ will Clubkultur mit performativen Elementen verbinden. Auch Julia Klockows neue Produktion „shake the silence“ Anfang März findet im Rahmen von „Erste Sahne Soziokultur“ statt. Im Dezember kooperieren com.dance e.V. mit der inklusiven Tanztheatercompagnie aus Essen Szene 2Wei für ein Tanzfestival jenseits etablierter Normen im zeitgenössischen Tanz. Integrativ wird auch das internationale Tanz- und Theaterprojekt „La F-deluxe“ sein, das für den 18. Juli ein Showing plant.
Die Kunstsparte steuert mehrere Workshops mit Künstlerinnen und Künstlern bei, die ihr Atelier im E-Werk haben, so laden Elisabeth Bereznicki, Stephan Hasslinger und Emeka Udemba im August ein, sich mit den unterschiedlichsten Techniken zu befassen. Und im Rahmen von Michel Winterbergs Ausstellung im Juni in der Galerie für Gegenwartskunst findet der Workshop „Hacking the Mouse“ statt. Für den Mai ist zudem der beliebte Kunstparkour organisiert. Im September öffnet sich das Jazzfestival Freiburg mit einem Open-Air-Konzert einem breiten Publikum. Und der Süduferchor vernetzt sich am 18. und 19. April mit lokalen Chören und Initiativen. Demokratieerziehung steht im November mit einem Reporter Slam auf dem Programm. Mit Headliner, die Journalismus und Geschichten auf die Bühne bringen, soll der Nachrichtenmüdigkeit entgegengewirkt werden.
Synergien im Haus aufzuzeigen, ist nötiger denn je. Denn das E-Werk hat nicht allein finanzielle Probleme, Nagel bleibt nur bis Mitte des Jahres, dann soll Manuela Kowatsch nach ihrer Elternpause wieder ans Haus zurückkehren. Das Haus will, so ist dem Pressetext zu entnehmen, den „Prozess der Transformation“ fortführen und gestalten. Es geht vor allem um die Kommunikation und die Öffnung des Hauses, so Laurence Nagel. „Wir haben weitergeführt, was Jürgen Eick angefangen hat. Wir sind mit allen Akteurinnen und Akteuren im Haus, den Gremien und der Stadt in einem intensiven Abstimmungsprozess darüber, wie sich das E-Werk weiter öffnen kann, sowohl räumlich als auch gedanklich. Und wir möchten mit einem Re-Design und einer neuen Website stärker und besser kommunizieren, was im E-Werk passiert.“ Es bleibt spannend.



