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Ein Leben für die Wildnis: Im Gespräch mit Florian Schulz, Tierfilmer u.a. für National Geographic, BBC Wildlife, GEO und Netflix

Florian Schulz gehört zu den renommiertesten Naturfotografen und Tierfilmern der Welt. Seine Bilder und Produktionen sind international gefragt und

Ein Leben für die Wildnis: Im Gespräch mit Florian Schulz, Tierfilmer u.a. für National Geographic, BBC Wildlife, GEO und Netflix

Florian Schulz gehört zu den renommiertesten Naturfotografen und Tierfilmern der Welt. Seine Bilder und Produktionen sind international gefragt und werden unter anderem bei National Geographic, BBC Wildlife, GEO und Netflix veröffentlicht. Schulz stammt aus Süddeutschland, lebt mit seiner Familie in Alaska und verbringt im Jahr durchschnittlich acht bis zehn Monate im Feld, um mit der Kamera ganze Ökosysteme zu dokumentieren. Am Samstag, den 31.01.2026 kann man ihn live auf dem 22. MUNDOLOGIA-Festival im Konzerthaus Freiburg erleben. Mit seinem Vortrag „Ein Leben für die Wildnis“ gewährt er Einblicke in sein Schaffen und zeigt spektakuläre Film- und Fotoaufnahmen. Im Interview berichtet er von seinen Expeditionen und wie er anspruchsvolle Produktionen und das Familienleben unter einen Hut bekommt.

Kultur Joker: Als Naturfotograf und Tierfilmer bist du in den unterschiedlichsten Ökosystemen unterwegs. Besonders zieht es dich in Wildnisgebiete. Gibt es sie noch, die unberührten Landschaften?

Florian Schulz: Es ist eine Frage der Definition. Durch den Klimawandel ändern sich die Temperaturen auf der ganzen Welt. Plastikmüll wird an die abgelegensten Strände gespült. Da tut mir das Herz weh. Für mich sind unberührte Naturlandschaften Orte, über die man mit den Augen streift und nichts vom Menschen Gemachtes zu sehen ist. Diese Orte inspirieren mich, da zieht es mich immer wieder hin. Aus diesem Grund lebe ich mit meinen beiden Kindern und meiner Frau Emil in Alaska. Dort haben wir große, offene Landschaften, riesige Wildnisregionen, wo Hunderttausende Karibus über die Tundra ziehen, gefolgt von Wölfen, wo wir Grizzlybären sehen. Solche unberührten Regionen werden immer seltener. Dort können wir uns vorstellen, wie die Welt aussah, bevor wir Menschen uns so extrem und dominierend ausgebreitet haben. Sie sind eine Erinnerung an die Vergangenheit, an die Naturgeschichte unserer Erde, und deswegen ist es mir ein großes Anliegen, dass sie geschützt und erhalten bleiben.

Spektakuläre Tieraufnahmen erwartet die Besuchenden des Vortrages „Ein Leben für die Wildnis“ © Mundologia/Florian Schulz

Kultur Joker: Dieser Gegensatz Mensch – Natur ist dennoch eigenartig. Wir sind aus der Natur hervorgegangen und nehmen uns gleichzeitig als eine Spezies war, die außerhalb der Natur steht. Wenn wir etwas als natürlich oder ursprünglich betrachten, dann bezieht sich das oft auf die Abwesenheit des Menschen bzw. darauf, dass er keinen Einfluss genommen hat.

Florian Schulz: Das ist das Verrückte. Wir haben uns immer stärker in eine künstliche Welt hineinbegeben. Wir tun so, als würde unsere Zivilisation parallel zur Natur funktionieren, als wären wir von ihr unabhängig. Ich denke jedoch, in Zukunft wird uns immer klarer werden, dass wir uns aus diesem System nicht ausklammern können. Wir bauen uns ein immer höheres Gerüst aus dieser künstlichen Welt. Jetzt kommen die künstliche Intelligenz und die Digitalisierung hinzu. Es wird alles noch verrückter, der Abstand von der Natur vergrößert sich weiter. Das bewegt uns auch stark im Hinblick auf unsere Kinder. Viele Kinder sind ständig an ihrem Handy, verbringen viel Zeit mit TikTok und Instagram. Die Verbindung zur Natur geht verloren.

Kultur Joker: Ihr habt zwei Söhne, wie alt sind sie?

Florian Schulz: Silvan ist zehn und Nanuk dreizehn Jahre alt. Sie wachsen sehr naturnah auf. Wir verbringen mit ihnen mehrere Monate im Jahr draußen in der Wildnis. Sie haben dadurch ganz andere Erlebnisse als andere Kinder, andere Interessen und andere Dinge, die ihnen wichtig sind. Wenn wir zurückkommen und sie Freunde treffen wollen, nehmen sie den Kontrast war. Während sie Lust haben, draußen zu spielen, sich aufs Fahrrad zu schwingen, wollen die anderen oft lieber am Handy abhängen oder Computerspielen. Das ist heute eher die Norm.

Kultur Joker: In deinem Vortrag „Ein Leben für die Wildnis – von Mexiko bis Alaska“ nimmst du die Natur Nordamerikas in den Fokus. Der Kontinent liegt durch seine Ausdehnung in allen Klimazonen, von den Tropen über gemäßigte Zonen bis in polare Gebiete. Damit zeigst du eine enorme landschaftliche Breite.

Florian Schulz: Wir haben uns mit „Ein Leben für die Wildnis“ für einen Titel entschieden, der uns inhaltlich viel Freiheit lässt für unterschiedliche Geschichten und Raum für die Begeisterung, mit der wir draußen in der Natur unterwegs sind. Wir verbringen möglichst viel Zeit mit verschiedenen Tieren in einem Ökosystem. Wir sind dann monatelang im arktischen Schutzgebiet, um die große Karibu-Wanderung zu sehen, oder auch auf dem Meer, bis wir richtig tolle Einblicke in das Leben der Wale haben. Wir nehmen uns viel Zeit, um die verschiedenen Jahreszeiten und Wetterstimmungen zu erleben und das Verhalten der Tiere beobachten und dokumentieren zu können.

Kultur Joker: Wie bereitest du deine Expeditionen vor, zum Beispiel in den Great Bear Rainforest an der kanadischen Westküste?

Florian Schulz: Um in abgelegene Gebiete zu gelangen, haben wir uns dieses Jahr ein Segelboot gekauft und hatten auch in den Jahren zuvor ein kleines Boot. Damit können wir genügend Proviant und die Kameraausrüstung mitnehmen. Wir brauchen eine Basis, um von da aus an der Küste über einen langen Zeitraum, manchmal mehrere Monate, draußen zu filmen und zu fotografieren. Innerhalb von ein paar Wochen kommt man immer mal wieder an einem Dorf vorbei, wo man frisches Gemüse kaufen kann. Weit oben in der Arktis bringen uns auch Buschflugzeuge in die Wildnis. Da wir hochprofessionell filmen, ist unsere Kameraausrüstung umfangreich, zum Teil haben wir Spezialkameras dabei. Eine andere Möglichkeit ist, dass wir in diesen abgelegenen Regionen, wo es keine Straßen gibt, mit Flößen auf den Flüssen unterwegs sind.

Kultur Joker: Wisst ihr vorher schon, wohin ihr genau wollt, wo Tiere zu finden sind, beispielsweise durch Tipps von Einheimischen?

Florian Schulz: In Alaska kenne ich mich sehr gut aus, das habe ich in den letzten 25 Jahren ausgekundschaftet, ebenso auch andere Regionen. In der Natur sind Begegnungen mit Tieren nicht garantiert und es gibt viele Überraschungen. Man braucht also Zeit. Wir lassen uns manchmal mit dem Boot in gewissem Sinn einfach nur treiben und schauen, wo es interessant sein könnte. Dann sehen wir eine große Gruppe Buckelwale und viele Heringe und bleiben die nächsten zehn Tage da, weil sie jagen werden. Wir machen es nicht wie die Twitcher, diese enthusiastischen Vogelbeobachter, die irgendwo einen seltenen Vogel fotografieren und dann zum nächsten Ort weiterziehen. Wir lassen uns auf eine Region ein, lernen den Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Tieren kennen, und wenn wir zum Beispiel ein Wolfsrudel entdecken, werfen wir unsere Pläne über den Haufen und verbringen die nächsten Wochen mit diesen Wölfen.

Kultur Joker: Seid ihr vor allem als Familie unterwegs? Auch bei den großen Produktionen? Oder ist dann eine größere Filmcrew dabei? Wie kann man sich das vorstellen?

Florian Schulz: Das ist unterschiedlich. Manchmal arbeite ich für mich alleine. Gemeinsam mit meinem Bruder Salomon habe ich zum Beispiel einen IMAX-Film gemacht, der heißt „The Arctic: Our Last Great Wilderness“. Das war ein Familienprojekt und da gibt es zwischenrein auch die Möglichkeit, dass meine Kinder dazukommen. Wenn ich von der BBC oder von Netflix angeheuert werde, dann kann es sein, dass ich die gesamte Logistik mache, weil ich vor Ort in Alaska oder in Mexiko bin. Dann stelle ich die gesamte Kameraausrüstung und filme selber. Bei solchen Produktionen kann es sein, dass noch ein zweiter Kameramann von der BBC oder so gestellt wird oder dass der Director dabei ist. Uns zeichnet aus, dass wir sehr autark arbeiten und die ganze Ausrüstung selbst haben – Boot, Kameras, Zelte und so weiter, sodass die BBC alles von uns anmietet und wir oft die komplette Logistik auch für große Filmprojekte machen. Und wenn ich es für andere machen kann und dabei zudem Director of Photography bin, können wir unsere eigenen Projekte natürlich auch komplett managen.

Kultur Joker: Bei Auftragsproduktionen ist es vermutlich unterschiedlich, wie frei du bei deiner Arbeit bist bzw. ob spezielle Wünsche und Vorgaben berücksichtig werden müssen.


© Mundologia/Florian Schulz

Florian Schulz: Ja, dass ist richtig. Oft ist es so, dass wir Filmsequenzen für Serien selbst entwickeln, und wenn dann dabei richtig gutes Material entsteht, werden uns diese Sequenzen abgekauft und ausgestrahlt. Anschließend kommen andere Firmen und wollen das Gleiche oder eine ähnliche Arbeit, weil ihnen die Sequenzen gefallen haben. Dabei haben wir dann häufig relativ viel Freiheit.

Kultur Joker: Eure Arbeiten haben eine große Bandbreite. Neben Aufnahmen an Land habt ihr auch Luft- und Unterwasseraufnahmen. Habt ihr euch das alles selbst beigebracht?

Florian Schulz: Jegliche Sachen, die wir machen, haben wir uns als Autodidakten selbst erarbeitet, egal ob das Segeln oder Filmen ist. Auch die Arbeit mit hochspezialisierten Kameras und Gimbals, die in den großen Produktionen eingesetzt werden, haben wir uns selbst beigebracht. Es gab deshalb immer wieder abenteuerliche Momente. Manche Anforderungen sind sehr komplex und herausfordernd, wie z.B. große Kameras mit extremen Zooms an Booten, Helikoptern oder Flugzeugflügeln zu installieren, um Tiere auch aus großer Entfernung zu filmen.

Kultur Joker: Habt ihr öfter Anfragen von Menschen, die bei euch ein Praktikum oder eine Ausbildung machen wollen?

Florian Schulz: Ja, da bekommen wir regelmäßig E-Mails. Leider haben wir nicht die Kapazität dazu. Zudem haben wir oft unsere Kinder dabei. Sie wachsen damit auf und wirken tatkräftig mit. Sie machen selber schon fantastische Bilder. Auf dem Segelboot richten sie die Seile, machen beim Ankern voll mit. Egal welche Arbeiten es gibt, sie sind die besten Assistenten, und obwohl sie so jung sind, kann ich mich in vielen Bereichen auf sie verlassen.

Kultur Joker: Praktisch studieren sie bereits Fotografie und Film, oder?

Florian Schulz: Auf jeden Fall. Das schöne am Vortrag ist, dass man Einblicke in die Arbeit eines Naturfilmers und Profifotografen bekommt. Total abgefahren ist aber, das wir das als Familie machen. Wir gehen gemeinsam in die Wildnis und filmen gleichzeitig für die wichtigsten Filmproduktionen weltweit. Und da spielt meine Frau Emil eine riesige Rolle. Sie ist zum einen im visuellen Bereich extrem gut und gleichzeitig auch sehr sensibel – wir müssen ja Homeschooling machen, weil wir monatelang draußen sind. Dazu kommt noch das Interkulturelle. Emil kommt ursprünglich aus Mexiko. Wir sprechen Spanisch, Englisch und Deutsch. Bei uns kommen die deutsche, die mexikanische und die amerikanische Kultur zusammen. Das ist eine verrückte Mischung.

Kultur Joker: Im Vortrag zeigst du Aufnahmen, die zwischen Baja California in Mexiko und dem Arctic National Wildlife Refuge entstanden sind?

Florian Schulz: Ja genau. Es gibt so viel zu erzählen, ich muss schauen, was ich alles einbringen kann. Das Arctic National Wildlife Refuge wird sicherlich eines der Highlights sein, auch weil ich schon seit vielen Jahren für den Schutz des Gebietes kämpfe. Eine besondere Geschichte ist unsere Erkundung mit dem Segelboot entlang der Westküste, wo wir auf eine Gruppe von Küstenwölfen getroffen sind. Was wir da erlebt haben, war atemberaubend. Die wilde Bärenküste von Alaska und unsere Erlebnisse unter den Bären werden ebenfalls vorkommen. Zudem werden besondere Naturaufnahmen aus den letzen 25 Jahren dabei sein.

Kultur Joker: Du bist mehrfach international für deine Arbeit ausgezeichnet worden, darunter „Umweltfotograf des Jahres“, „Naturschutzfotograf des Jahres“ sowie zahlreiche Auszeichnungen in den Wettbewerben des BBC Wildlife und des Europäischen Naturfotografen des Jahres. Gibt es eine Ehrung, die dir besonders viel bedeutet?

Florian Schulz: Natürlich freue ich mich über jede Auszeichnung. Da ich viele Jahre meines Lebens dem Naturschutz gewidmet habe, sind für mich Ehrungen in diesem Bereich zusätzlich etwas besonderes. Aktuell ist es schwer mit anzusehen, wieviele Naturschutzgesetze aufgrund der politischen Situation untergraben werden und wieviel Zerstörung angerichtet wird. Meine Kinder geben mir mit ihrer Begeisterung und Neugierde die Energie, in dieser schwierigen Zeit den Mut nicht zu verlieren und auch ein bisschen die Hoffnung, dass man mit den Bildern und Geschichten etwas bewegen kann.

Kultur Joker: Vielen Dank für das Gespräch!

Weitere Infos und Tickets für den Vortrag „Ein Leben für die Wildnis“ von Florian Schulz sowie das gesamte Programm des 22. MUNDOLOGIA-Festivals vom 29.01. bis 01.02.im Konzerthaus Freiburg gibt es unter www.mundologia.de

Bild: © Mundologia/Florian Schulz

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Janine Böhm