Energie umwandeln: In der Galerie für Gegenwartskunst greift Nile Koetting das metaphorische und konkrete Potenzial von Strom auf
Richtig viele Anlässe, die Galerie für Gegenwartskunst im E-Werk im gleichen Atemzug mit der Tate Modern zu nennen, gibt
Richtig viele Anlässe, die Galerie für Gegenwartskunst im E-Werk im gleichen Atemzug mit der Tate Modern zu nennen, gibt es ja nicht. Doch Nile Koetting, dessen Einzelschau „Powerhouse“ derzeit in Freiburg zu sehen ist, stellt noch weitere Verbindungen her. Auf einem Display laufen Linien über Länder und Kontinente hinweg zu Kulturinstitutionen wie der Usina del Arte in Buenos Aires oder dem Mass Moca in North Adams und eben zur Tate Modern in London sowie der Galerie für Gegenwartskunst in Freiburg. Allesamt nutzen sie frühere Gebäude von Energiebetrieben. In der Bildhauerhalle des E-Werks findet sich in der Nähe der Rampe noch der Schaltplan von Anfang des 20. Jahrhunderts, auf dem Straßen markiert sind oder Betriebe mit einem hohen Energiebedarf wie der Herder Verlag und die Freiburger Zeitung. Eine Windrose mit dem Freiburger Wappen verschafft Orientierung. Die Symbolkraft dieser Transformation ist verführerisch, denn wäre es nicht großartig, wenn von der Kunst eine ähnliche Energie ausgehen würde wie früher von den Kraftwerken und wenn diese auf ähnliche Weise die Stadt zusammenschließen würde? Doch vielleicht ist es ja auch nur ein schlechtes Omen, dass alle diese kulturellen Einrichtungen sich an Orten befinden, deren ursprüngliche Nutzung von der Entwicklung überholt wurde.
Nile Koetting, der 1989 im japanischen Kamakura geboren wurde und mittlerweile in Tokio und Berlin lebt, verbindet die Geschichte der Energie, in die er auch die Freiburger Solarbranche einbezieht, mit einem anekdotischen Erzählstrang. Was die Ausstellung hybrid wirken lässt, die Synthese gelingt da nicht immer. So diffundiert die Windrose des Schaltplans in ein Aquarell, das ein verschwommenes Interieur zeigt und mehrere ovale Ringe, die sich wie zu einem Molekül zusammengeschlossen haben. In der Galerie 2 zeigt sich die persönliche Motivation des Künstlers, sich mit Energieversorgung zu befassen. Die Merchandise-Figur eines Energieversorgers Reddy Kilowatt wird wie eine Reliquie präsentiert, sie gehörte Koettings amerikanischem Großvater, der in Milwaukee für ein Energieunternehmen arbeitete. Ihr roter Körper steht für die Spannung, die Glühbirnennase und die (isolierenden) Gummihandschuhe wirken irgendwie knuffig und wie einem Comic entsprungen. Blätter eines Malbuchs aus den 1960er Jahren hängen im Raum verteilt, sie stellen Reddy Kilowatt als den optimalen Mitarbeiter vor: „I work long hours for low wages… I never sleep or take a vacation. Rain or shine, hot or cold, I’m right there on the spot“. Da kann man sich als Verbraucher entspannt zurücklehnen, wenn bei Wind und Wetter Energie bereitgestellt wird. Auf einem anderen Blatt besucht das Maskottchen Höhlenbewohner und erinnert an die Zeiten, in denen der Menschheit nur das Licht des Feuers, der Sterne und des Mondes zur Verfügung stand. Koetting, ausgerechnet im Umbruchsjahr 1989 geboren, schaut vielleicht mit so etwas wie Wehmut auf einen solchen Fortschrittsoptimismus, der sich für seine Generation immer schon als eine trügerische Hoffnung erwies. Schlimmer noch, der Neoliberalismus hat Kunstschaffende in die Rolle von Reddy Kilowatt gedrängt, ständig bereit, für wenig Geld alles zu machen.
Zu Koettings persönlichem Kraftwerk gehört neben japanischen Alltagsgegenständen wie Futonklammern, die einerseits als Zeichnung in seine Aquarelle transformiert sind, andererseits als Objekte auf dem Boden liegen, auch die Solartechnik (die konsequent von Reddy Kilowatt ignoriert wird). Zwei Tage hat Koetting im Archiv des Freiburger Solararchitekten Rolf Disch zum Heliotrop und zur Solarsiedlung recherchiert. Modelle und Zeichnungen sind Teil der Ausstellung geworden, das Interieur des Aquarells etwa gibt den Wohnbereich des Heliotrops wieder. Dischs Wohnhaus wurde in den 1990er Jahren realisiert, Koetting war damals noch ein Kind und ihm muss die Zeit von heute aus gesehen als eine Phase des Aufbruchs erscheinen und als verlorene Utopie. Denn weltweit gibt es einen Rollback hin zu fossilen Rohstoffen.
Nile Koetting, Powerhouse. Galerie für Gegenwartskunst, E-Werk, Eschholzstr. 77, Freiburg. Do-Fr 17-20 Uhr, Sa 14-20 Uhr, So 14-18 Uhr. Bis 9.11.25
Bild: Nile Koetting: „powerhouse“, Galerie für Gegenwartskunst E-Werk © Marc Doradzillo. Courtesy the artist





