Stadtleben Vision

Wie ich politisiert wurde (5): Ella Stracciatella, Gründerin der Freiburger Initiative „LocArtista“

Das Ziel dieser autobiografischen Serie ist, Leser*innen jeden Geschlechts und allen Alters Authentisches zu berichten über individuelle politische Sozialisationen

Wie ich politisiert wurde (5): Ella Stracciatella, Gründerin der Freiburger Initiative „LocArtista“

Das Ziel dieser autobiografischen Serie ist, Leser*innen jeden Geschlechts und allen Alters Authentisches zu berichten über individuelle politische Sozialisationen – auch um über sich selbst und die eigene Vita nachzudenken. Und zudem, bei Wunsch und Bedarf dann einmal selbst engagiert einzutreten. Heute danken wir Ella Stracciatella für ihre sehr persönliche Erzählung. Vorwort: Martin Flashar

Warum “unpolitisch” zu sein, meine ganz persönliche Hölle ist

Auf Dating-Apps begegnet einem oft die vorformulierte Profilfrage: “Was ist deine ganz persönliche Hölle?” Für mich ist es: “unpolitisch” zu sein. Unser gesamtes Umfeld – alle gesellschaftlichen Strukturen, Institutionen und sozialen Prozesse –, in denen wir uns bewegen, sind das Ergebnis politischer Aushandlungsprozesse. Wir leben in einem demokratischen Gefüge, das auf bestimmten Werten und Grundsätzen basiert. Wer behauptet, unpolitisch zu sein, blendet aus, dass genau diese Strukturen sein Leben jeden Tag mitbestimmen. Für mich persönlich bedeutete das schon früh: Als FLINTA-Person bzw. als Frau (= Female, Lesbisch, Inter, Nicht-binäre, Trans und Agender, Anm. d. Red.) ist meine Existenz an sich bereits politisch. Hier liegt auch der Ursprung meiner bewussten Politisierung.


Vom unbewussten Erleben zur persönlichen Erkenntnis

Ich bin in den 1990ern und 2000ern aufgewachsen. Die ersten Berührungspunkte mit Politik waren damals subtil und verborgen – etwa in den Lehrplänen der Schule. Ich erinnere mich an den Biologieunterricht in der 5. oder 6. Klasse: Während die männliche Anatomie detailliert und umfassend thematisiert wurde, blieb die weibliche Seite eher vage, andere Geschlechtsidentitäten wurden nicht thematisiert. Die Zeichnungen in den Büchern entsprachen kaum der Realität, über Hormonzyklen oder die Klitoris wurde nicht gesprochen.

Damals ahnte ich nicht, dass dieses Missverhältnis im Lehrstoff bereits ein politisches Statement war. Erst im Geschichtsunterricht, als wir über das lange Ringen um das Wahlrecht und die Selbstbestimmung von Frauen lernten, setzte die Erkenntnis für mich selbst ein: Die Ungleichbehandlungen, die auch ich in meinem eigenen Alltag wahrnahm, waren kein Zufall, sondern tief in politischen Strukturen verwurzelt.

Vom Ausbildungs-Campus auf die Bühne

Für mich gab es nicht diesen einen Moment der Politisierung, es war vielmehr die Summe zahlreicher kleiner Ereignisse. Die sexualisierten Kommentare Erwachsener über mein Outfit als Jugendliche zum Beispiel oder die subtilen Hinweise, dass Mathe und Technik „eigentlich nichts für Mädchen“ seien. Obwohl ich in einem gleichberechtigten Haushalt aufgewachsen bin, irritierten mich diese gesellschaftlich nach wie vor dominanten Vorurteile zutiefst. Ich empfand es als grundlegend ungerecht und wollte wissen, wie man wirklich Einfluss nehmen kann.

Ella Stracciatellas Statement Foto: privat

Der erste Wahlgang mit 18 Jahren war zwar ein wichtiges und prägendes Ereignis und ein Gefühl von Teilhabe, doch gleichzeitig wurde mir klar, dass dieses einmalige Kreuz auf dem Stimmzettel für mich nicht ausreichte. Irgendwie war es mir “zu wenig” um gegen Missstände, die ich wahrnahm, wirklich etwas zu bewegen. Ich wollte nicht nur mitbestimmen, sondern aktiv mitgestalten! Mein erster konkreter Wirkungsort war daher mein beruflicher Einstieg nach dem Abitur: Als stellvertretende Jugendausbildungsvertretung für die IG Metall in meinem Betrieb habe ich zum ersten Mal erlebt, wie man Interessen aktiv vertritt und strukturelle Verbesserungen für andere erkämpft. Diese Erfahrung war der Katalysator für alles, was folgte. Mit diesem neuen Verständnis von politischer Wirksamkeit ging ich weiter in mein Studium. Von der Studierendenkommission bis zum Fakultätsrat und Berufungsgremien ließ ich kaum ein Amt aus. Es begeisterte mich, wie viel direkten Impact man hier hatte, um Prozesse mitzugestalten und Dinge konsequent weiterzuentwickeln.

Später, als ich meine Karriere als DJ-Künstlerin aufbaute, wurde mir klar, dass auch die Kunstwelt – insbesondere auf Bühnen und bei Events – ein massives Defizit an Gleichstellung aufweist. Vor über zehn Jahren kannte ich kaum andere FLINTA-DJs. Um dieses Defizit zu beheben, gründete ich gemeinsam mit anderen Künstler*innen und Kulturschaffenden LocArtista – eine Freiburger Initiative zur Sicht- und Hörbarmachung von FLINTA-Artists, die nun schon seit neun Jahren besteht. Heute nutze ich meine Reichweite auf Instagram, um die Selbstbestimmungsrechte von FLINTA-Personen zu stärken, Missstände sichtbar zu machen und eine Plattform für Veränderungen zu schaffen. Ob auf Demonstrationen oder in öffentlichen Debatten: Ich setze mich gerne für Fortschritt ein.

Kampf gegen den Rückschritt

Der aktuelle gesellschaftliche Rechtsruck beschäftigt mich sehr. Viele queerfeministische Aktivist*innen vor mir haben über Jahrzehnte hart für Gleichberechtigung, Sichtbarkeit und Selbstbestimmung gekämpft. Dass diese Errungenschaften nun wieder infrage gestellt werden, ist für mich einfach nicht tragbar. Besonders in Bezug auf die körperliche Selbstbestimmung und die Gleichberechtigung von FLINTA-Personen in der Medizin ist noch viel zu tun. Ich möchte nicht zulassen, dass wir in eine Zeit des Rückschritts fallen. Mein Ziel ist und bleibt eine intersektionale, queerfeministische Gesellschaft, die frei von patriarchalen Benachteiligungen ist. Deshalb möchte ich alle ermutigen, sich zu engagieren – sei es in Initiativen wie „My Voice, My Choice“, „Gesichter gegen Rechts“ oder in eigenen kleinen Projekten sowie alltäglichen Situationen. Auch bewusst Wählen-zu-Gehen ist eine Form von Engagement! Zum Abschluss möchte ich sagen: Vor allem als FLINTA-Person ist mein Körper und meine bloße Existenz schon immer politisch gewesen. Deshalb gönne ich mir, immer politisch zu sein.

Text: Ella Stracciatella

(www.ella-stracciatella.art)

Foto: LocArtista: Graffiti-Aktion by Ute Hoffmann, Ella Stracciatella, Marleen Thüringer Foto: privat

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