Kultour

Mehr voneinander erfahren: Unterwegs in Museen in Estland, Lettland und Litauen

Tallinn, Hauptstadt von Estland kann per Flug oder Schiff erreicht werden. Im Zentrum der Stadt hebt sich der Boden,

Mehr voneinander erfahren: Unterwegs in Museen in Estland, Lettland und Litauen

Tallinn, Hauptstadt von Estland kann per Flug oder Schiff erreicht werden. Im Zentrum der Stadt hebt sich der Boden, schauen Pflastersteine heraus, kein Rollkoffer kommt darüber, ganz zu schweigen von einem Rollator. Im Inneren unseres Hotels fügt neu sich harmonisch zu alt und zeugt von solidem Geschmack. Im Kumu Art Museum, entworden durch den finnischen Architekten Pekka Vapaavuori, findet sich Malerei des sozialistischen Realismus während der sowjetischen Besetzung 1940-91. Karin Luts „Pionierinnen“, nähen rotes Tuch zu Fahnen, Olga Terri zwängt ein verhärmtes Gesicht in einen Holzrahmen. Auf einer Fotografie erstrahlt Stalins Porträt. 80 000 Menschen flohen aus dem drangsalierten Land, das heute rund 1,33 Millionen EinwohnerInnen zählt. Das Kumu bringt auch Wechselausstellungen wie Malerei von Kristi Kongi, farbintensiv und raumgreifend.

Blick in das Atrium des Kumu Art Museums © Karel Zova

Nahe ist die russische Grenze in Narva, wo die Burg in Europa und die in Russland den Fluss flankieren. In Narva-Jöesuu liegt das Wellness Hotel mit finnisch-russischen Saunen. Wir schlagen uns im Badeanzug mit Kräuterbündeln auf den Rücken und flanieren danach am Kilometer langen Strand. Phänomenal war der Sonnenuntergang in Rot. Weiter ging es in unserer, von der Taz ausgeschriebenen Reise nach Tartu, wo der Osteuropaexperte der Universität Olaf Mertelsmann über die politische Lage in Estland informiert. Im Wald Rumbula nahe der lettischen Hauptstadt Riga, erinnert eine Gedenkstätte an eines der größten Massaker im Baltikum. SS-Leute erschossen Ende 1941 26.000 lettische und 1.053 deutsche Juden und Jüdinnen, das lettische Kommando Arajs war direkt beteiligt. Nicht nur im Gedicht von Ojars Vacietis ist dieser Wald „Schreierfüllt“.
In Riga empfängt strenger Jugendstil und das Okkupationsmuseum mit engem dunklen Gang und Gittern, das die russische Besatzungszeit in Dokumenten zeigt. Dann ins „Media Hub“, einer NGO für russische, belarussische und ukrainische Medienschaffende. Die Fotografie Biennale zeigt sich im Contemporary Art Space. Darunter Ras Smite und Raitis Smits mit dem „Athmospheric Forest“, 2020. Das dreijährige Forschungsprojekt über den Pfynwald in der Schweiz wurde in 3D LiDAR scan umgesetzt, von der Schweiz gesponsert und begleitet vom ZKM Karlsruhe. Im Zentrum Marta berichtete Iluta Läce von der Unterstützung gewaltbetroffener Frauen in Lettland und der Zusammenarbeit mit der Ukraine. Dank für die kompetente Begleitung der „Reise zur Zivilgesellschaft“ sei Tigran Petrosyan, unserem Reiseleiter für acht gehaltvolle Tage!


Weiter ging es alleine im Flixbus nach Litauen zu meinem Servas (www.servas.org) Gastgeber. Vierzig Busminuten vom Bahnhof entfernt stehen in Vilnius, der Hauptstadt mit modernen gläsernen Hochhäusern, Mietshochhäuser aus der Sowjetzeit. Versteckt dahinter Eigentumswohnungen mit angrenzendenTennisplätzen. Als der rund Fünzigjährige mir den Wohnungsschlüssel gab, meinte er: „Falls es brennt oder Krieg beginnt, sperr’ zu und geh“! Mir Fremden vertraut er. Im 2018 eröffneten Museumsbau des polnisch-amerikanischen Architekten Daniel Liebeskind, dem MO, werden zwei Ausstellungen gezeigt: Das Video von Melanie Bonajo in sieben Kapiteln: „Progress versus Regress“, in dem es mittels Interviews um die Lebensbedingen von Betagten, auch mit Robotern, geht. Im Stock darüber tummeln sich Installationen und Bilder unter dem Thema: „Gen(eration) Z all at once“. „Marked“ von Dominika Kovécilkovà lässt drei Häschen über eine Pohälfte springen. Meine letzte Station war Kaunas, wo der Bahnhof uhrenlos ist, dafür aber ein Flügel zum Spielen steht. Die Stadt war 23 Jahre lang Hauptstadt, so wurde zwischen 1919-39 modernistisch gebaut, heute bröckelt Einiges. In der Altstadt schallt es aus jedem Lokal. An der Brücke steht Einer mit einer Drohne. „Ich arbeite und vermesse diese“ sagt er zu mir. Ich gehe zum Zusammenfluss von Neris und Nemudas. Einer kann zum Baden genutzt werden, der andere ist zu dreckig. Es gäbe noch, vorbei an der Burg Graffitis auf Hauswänden zu sehen und Vieles mehr voneinander zu erfahren.

Foto: Blick in die Ausstellung „Chromatic Drift“ von Kristi Kongi im Kumu Art Museum in Tallinn, Estland © Stanislav Stepaško


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Andrea-S. Vegh