Ohne Überwindung keine Kunst: 3 Fragen an … Christoph Müller, Theater im Marienbad, zu seinem Bühnenabschied
Vom humanistischen Gymnasium in Düsseldorf über die freie Tübinger Theater-Szene bis hin zu einer Institution der Freiburger Kulturlandschaft: Christoph
Vom humanistischen Gymnasium in Düsseldorf über die freie Tübinger Theater-Szene bis hin zu einer Institution der Freiburger Kulturlandschaft: Christoph Müllers Weg auf die Bühne war alles andere als geradlinig. Erst ein prägendes Praktikum am Hamburger Kinder- und Jugendtheater Klecks brachte den gelernten Sozialpädagogen dazu, alles auf eine Karte zu setzen. Es folgten Jahre intensiver privater Ausbildung und Engagements in Ingolstadt, Tübingen und Esslingen, bis 1996 der entscheidende Anruf von Dieter Kümmel kam. Müller sprach für das Stück „Parzival“ vor, überzeugte – und fand im Theater im Marienbad seine künstlerische Heimat.
Seit 1998 ist Christoph Müller fester Bestandteil des Ensembles. In den vergangenen 28 Jahren stand er in rund 30 Inszenierungen auf der Bühne und brachte als Kreon, Teufel, Vogel oder Taxifahrer Generationen von Kindern und Erwachsenen zum Lachen, Staunen und Nachdenken. Seine Figuren leben von einer ganz besonderen Nahbarkeit und Wärme.
Am 12. Juli schließt sich nun ein Kreis: Nach acht erfolgreichen Jahren steht die Dernière des Erfolgsstücks „Die besten Beerdigungen der Welt“ an – und damit auch der offizielle Abschied von Christoph Müller als festem Ensemblemitglied. Doch ganz ohne ihn muss das Marienbad glücklicherweise nicht auskommen: Dem Haus bleibt er auch in Zukunft als Gast erhalten. Elisabeth Jockers hat den Ausnahmeschauspieler zuvor befragt, um über fast drei Jahrzehnte Theatergeschichte, unvergessliche Rollen und den Blick nach vorne zu sprechen.
Kultur Joker: Christoph, du verabschiedest dich mit dem Stück „Die besten Beerdigungen der Welt“. Ein Titel mit einer gewissen Ironie für einen Bühnenabschied. Wie fühlt sich dieser Moment nach fast drei Jahrzehnten im Ensemble für dich an?
Christoph Müller: Ach, das mit der Ironie, das gefällt mir gut! Was den Moment angeht, lachend und weinend. Einerseits fühle ich mich nach 37 Theaterjahren halbwegs gut ausgebildet, um mich an einem Theater zu bewerben, andererseits melden sich auch 67 Lebensjahre: ‚wenn man Morgens aufwacht und nichts wehtut… ist man tot‘; diese Frage kann ich wohl erst beantworten, wenn ich den Moment erlebt habe.
Kultur Joker: Mehrere Generationen junges Publikum wurden von deinem feinen Humor und deinen präzisen Darstellungen berührt. Wie unterscheidet sich die Energie im Saal, wenn man Kinder im Vergleich zu Erwachsenen zum Lachen, Staunen und Nachdenken bringt?
Christoph Müller: Gar nicht! Ob ich in einer Vorstellung das Publikum erreiche hängt, glaube ich, nicht vom Lebensalter der Zuschauer, sondern von der Qualität und Ernsthaftigkeit unserer Vorarbeit/Proben/Vorbereitung auf die konkrete Vorstellung und wahrscheinlich auch von der Tagesform ab. Also wenn wir mutig und klug gearbeitet haben, so dass wir das Publikum berühren, wenn es sich ärgert, freut, lacht, leidet, ins Grübeln kommt, dann kommen wir in den Genuss dieser Energie, dieses geradezu magischen Glücks eines gemeinsamen Erlebnisses. Da spielt das Alter keine Rolle.
Kultur Joker: Ob als Kreon, Teufel, Vogel oder Taxifahrer: du hast ein enormes Spektrum bedient. Welche dieser Figuren war dir persönlich am nächsten und welche hat dich die meiste Überwindung gekostet?
Christoph Müller: Das kann ich gar nicht sagen. Alle diese Figuren waren und sind mir nah und fremd! Um mich einer Figur zu nähern, lohnt es sich natürlich, erst einmal in der Nähe zu forschen. Aber wenn eine Figur auch nur halbwegs ernsthaft be- oder geschrieben ist, treffe ich natürlich auch auf das Fremde. Und dann ist Mut gefragt! Wie weit bin ich bereit Grenzen zu überschreiten oder doch zumindest mein Feld ein bisschen zu vergrößern. Traue ich mich wirklich auf der Bühne zu zeigen, was da alles in mir steckt. Da gibt es auf der einen Seite die überraschend schönen Gebiete (die nehme ich natürlich gerne mit), aber eben auch die überraschend unangenehmen, beängstigenden, peinlichen. Insofern: Ohne Überwindung keine interessante Figur! Wie heißt es so schön im Film ‚Die verkaufte Braut‘: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit.“ Allerdings die schönste, vergnüglichste und erfüllendste, die ich mir vorstellen kann.
Kultur Joker: Lieber Christoph, herzlichen Dank für die Antworten und alles Gute!
Weitere Infos und Tickets: www.marienbad.org
Foto: MiNZ&KUNST





