Geschichtsbewusstsein und Zeitzeugen: Ausstellung im Dokumentationszentrum Nationalsozialismus Freiburg
„(…) Es gibt Berge von Interviews in der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, die niemals gelesen wurden
„(…) Es gibt Berge von Interviews in der Zentralstelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg, die niemals gelesen wurden (…)“. – Christopher Browning. 2005
„Niemand zeugt für den Zeugen“ steht in einem Gedicht von Paul Celan, das als Metapher für die Isolation von Überlebenden und Zeugen gilt. Nach dem Krieg wich man ihnen gerne aus, aber sie haben die Bürde des schmerzhaften Zeugnisablegens sofort auf sich genommen, Berichte, Prozessakten, Bücher verfasst, bald Filme, Grafic Novels – und all dies der Sprachlosigkeit abgerungen. Wenn heute nur noch wenige Überlebende der NS-Diktatur leibhaftig berichten können, bedeutet dies nicht das Ende der Zeugenschaft; auch bleiben Nachkommen, die lange Schweigen erlebten und erst spät hartnäckig zu fragen wagten, weshalb die NS-Zeit ab den 1980er-Jahren endlich präsenter wurde.
In Freiburg wird derzeit eine Ausstellung gezeigt, die verschiedene Aspekte von Zeitzeuginnenschaft beleuchtet, erarbeitet vom Jüdischen Museum Hohenems und der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Gefragt wird etwa, wie aus Erinnerungen eine Erzählung entsteht, was sich im Umgang mit Zeitzeuginnen seit 1945 verändert hat und wie Museen und Gedenkstätten deren Zeugnisse bewahren. Vier Freiburgerinnen sind im DZNS mit Interviews vertreten: Max Eisenmann, ehemals wohnhaft Colombistraße, Fred Mayer, bekannt geworden als US-Agent, Helmut Schwarz, später Pfarrer, sowie die Zeitzeugin Lotte Paepcke (1910-2000), die 1988 – hochbetagt – in Freiburg den „Reinhold-Schneider Förderpreis“ (sic!) erhielt und diesen nur zur Hälfte. Unter Verzicht auf Wissen verdrängte man die Vergangenheit gerne mit der Formel „fast alle ermordet“. Bereits während der NS-Zeit und sofort danach sind Dokumente gesichert und Texte verfasst worden, man denke an Léon Poliakov, Primo Levy, Robert Antelme, Jean Améry, Elie Wiesel, Cordelia Edvardson, Jorge Semprun, an Boltanski, Klüger, Spiegelman sowie Claude Lanzmanns Film „Shoah“. Erzählungen werden hier einem Trauma abgerungen, suchen nach Worten in einer im „Dritten Reich“ zerstörten Sprache, wie Victor Klemperer in „LTI“ beschrieben hat. Viele Zeuginnen kapitulierten vor dem erlebten Grauen. Andere wurden später befragt, für Schulklassen, Fernsehen oder Film, weshalb ihre Berichte mitunter „gemacht“ wirken.

Die historische Arbeit muss zwar auf das Ableben von Zeitzeugen reagieren, aber die Aufklärung und das Wachhalten der Erinnerung verändert dies wenig, denn als Quelle mündlicher Geschichtstradierung waren sie allemal spät gefragt, betont der Historiker Volkhard Knigge. Im Exil-Museum Frankfurt können Besucher seit Kurzem in einen virtuellen Dialog mit Holocaust-Überlebenden treten und ihnen interaktiv Fragen stellen; ein Suchwerkzeug ordnet Antworten aus mehrstündigem Videomaterial zu, Verfälschungen sind schwer zu vermeiden. Christian Wagner sieht hier eine „simulierte Authentizität“, die Standards der Quellenkritik untergräbt. Eine noch größere Gefahr ist die Verbreitung von KI-generiertem Fake.
An Hörstationen bietet die Ausstellung im DZNS Freiburg Berichte und Interviews, etwa mit Leon Weintraub, Ruth Heller, Alice Kaufmann, Ingeborg Joseph, Alice Goldstein. Angesprochen wird auch das Problem des falschen Zeugen, das „Wilkomirski-Syndrom“; es ist Produkt einer Erinnerungspolitik, die vor allem auf Empathie mit Opfern setzt, was moralische Überlegenheit sichert, und Täterschaft ausblendet. – Für Freiburg und Region bleiben viele Schicksale von überlebenden Zeugen in Erinnerung zu rufen, darunter Rolf Weinstock, Käthe Vordtriede, Robert Grumbach, Louis Dreyfus, Wiltrude Hene, Margot Schwarzschild u.a.
- Reichwald, A., Scharnetzky u.a., mit H. Loewy u. J. Skriebeleit (Hg.). Ende der Zeitzeugenschaft? Über den Umgang mit Zeugnissen von Überlebenden der NS-Verfolgung. Wallstein 2024
- Ende der Zeitzeugenschaft?. Dokumentationszentrum Nationalsozialismus, Rotteckring 14. Bis 13.09.26





