Nachhaltig Vision

Mein Anfang in der Gesellschaft, oder: wie ich politisiert wurde

Der Mensch ist ein politisches Wesen, ein „Zoon politikon“, wie es bei Aristoteles heißt. Was meinte der antike griechische

Mein Anfang in der Gesellschaft, oder: wie ich politisiert wurde

Der Mensch ist ein politisches Wesen, ein „Zoon politikon“, wie es bei Aristoteles heißt. Was meinte der antike griechische Philosoph damit? Verkürzt gesagt ist es weniger die Aufforderung, sich unbedingt politisch zu betätigen, als vielmehr die Feststellung, dass der Mensch von Natur her in eine politische Gemeinschaft gestellt ist, aus der heraus er seine eigenen Anlagen entwickeln könne und müsse.

Wir nehmen unsere eigene, derzeit stark von politischen Fragen bestimmte Zeit zum Anlass für eine kleine (in unregelmäßigem Abstand erscheinende) Serie, in der die jeweiligen Autoren in autobiografischen Notizen berichten, warum und wie sie sich gesellschaftlich interessieren und engagieren. Um beispielhaft voranzugehen, beginne ich bei mir selbst und meinen eigenen politischen Impulsen.

Die Schulzeit
Ich wuchs in Bochum auf, ging dort zur Schule, absolvierte 1978 mein Abitur. Das Gymnasium war ein altsprachliches, in der Arbeiterstadt des Ruhrgebiets eher elitär. Es gab anfangs noch mehrere Lehrer der Kriegsgeneration mit zweifelhaften Methoden und Inhalten: einer, ausgerechnet für das Fach Religion zuständig, war ein hochintellektueller Physiker und seinerzeit im engeren Team von Wernher von Braun in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde tätig gewesen – im Unterricht malte er uns einmal und urplötzlich aus dem Kopf die Konstruktionsskizze der sogenannten V 2 („Vergeltungswaffe 2“), die als erste ballistische Rakete überhaupt den Endsieg der Nazis hatte sichern sollen, vor allem aber für den Einsatz gegen zivile Ziele geplant war, an die Tafel, ja: an die Tafel im Klassenzimmer der Religionsstunde.

Ein anderer Lehrer, in den Fächern Geschichte und Politik, hatte im Zweiten Weltkrieg als Gebirgsjäger ein Auge verloren, sah also aus wie Moshe Dayan. Während wir die Klassenarbeit schrieben, las der vorne den „Bayern-Kurier“ (Erscheinen 2019 eingestellt), Monatszeitung der CSU, Chefredakteur und Herausgeber war damals Franz Josef Strauß. Der Mann war wohl einer der wenigen Abonnenten des Blattes im Ruhrgebiet. Eindrücklicher bleibt mir indes in Erinnerung, wie dieser Lehrer sich wiederholt im schwarzen Anzug der Länge nach unvermittelt auf den dreckigen Boden des Raums zwischen die Stuhlreihen warf, um uns zu demonstrieren, wie es im Schützengraben so gewesen sei. Doch, wenn ich ehrlich bin, empfand ich diese Vorfälle, die mir jetzt wieder in den Sinn kommen, eher als skurril und belustigend. Sie haben mich im Rückblick nicht wirklich politisch sensibilisiert, ich war wohl noch zu jung, 11- oder 12-jährig, das passierte in der Unterstufe der Gymnasialzeit.

Anders wurde es, als im November 1974 das Mitglied der „Rote-Armee-Fraktion“ Holger Meins im Gefängnis in Stuttgart-Stammheim in Folge seines Hungerstreiks starb. Unsere damalige Schülersprecherin, Tochter eines evangelischen Pfarrers, die wir alle sehr schätzten, verteilte vor der Schule das seinerzeit berühmt-berüchtigte Flugblatt „Mord an Holger Meins“. Sie stand kurz vor dem Abitur, war selbst mitnichten ‚Terroristin‘. Wie ich später erfuhr, scheiterte der Antrag in der Lehrerkonferenz, sie sofort von der Schule zu verweisen, allein daran, dass in diesen Jahren – wo viele Ältere (der Kriegs-Generation) aus dem Kollegium ausschieden – zahlreiche neue, jüngere Lehrkräfte, zum Teil damals schon in Teilzeit-Jobs, von der noch jungen Ruhr-Universität gekommen waren. Das Alles machte mich erstmals nachdenklich – ich war knapp 15 Jahre alt.

Wolf Biermann
Wenig später dann beschloss ich mit zwei Klassenkameraden, die Schülerzeitung der Schule neu aufzulegen. Denn die vormalige (mit dem Titel „Rotkäppchen“) war einige Zeit zuvor als zu linkslastig eingestellt und verboten worden. Wir planten den Neuanfang, wählten den super-nichtssagenden und unverfänglichen Namen „Nummer 1“.
Ich schrieb einen meiner Erinnerung nach sehr paraphrasierenden und eher ‚neutral‘ berichtenden Text über das berühmte erste größere westdeutsche Konzert des nach langjährigem Auftrittsverbot wenige Tage später endgültig aus der DDR ausgebürgerten Autors und Liedermachers Wolf Biermann am 13. Nov. 1976 in der Kölner Sporthalle. Es war vom WDR live übertragen worden und hatte mich tief beeindruckt. Der Text wurde von der Schulleitung zensiert und durfte nicht erscheinen. Und das, obwohl es gerade in Bochum in diesen Tagen und Wochen im Umfeld der Ruhr-Universität zahlreiche öffentliche Sympathie-Bekundungen (auch aus Professoren-Kreisen) mit Biermann gegeben hatte.

Wehrpass © Archiv Flashar

Kriegsdienstverweigerung
Am 16. Dez. 1977 war ich volljährig. Also erhielt ich zeitnah die Order des Kreiswehrersatzamts zur Musterung. Am 21. Aug. 1978 stellte ich bei den zuständigen Behörden den Antrag auf Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer aus ethischen und religiösen Gründen, ein Grundrecht – in dieser Zeit jedoch durch mehrere Prüfungsverfahren erschwert. Was mich besonders erschütterte, war, dass die ‚Fangfragen‘, die ich mir zuvor aus dem damals gängigen „Handbuch für Kriegsdienstverweigerer“ aneignete, genau so auch in allen drei Instanzen gestellt wurden, dem Sinne nach: „Wie verhalten Sie sich, wenn Sie mit Ihrer Freundin im Wald spazieren gehen, zufällig eine Pistole in der Hosentasche haben – und dann ein Bösewicht kommt?“ In der Folge geschahen diese Anhörungen beim Kreiswehrersatzamt Bochum, dem Regierungspräsidium in Arnsberg und schließlich vor dem Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen (da klagte ich sogar „gegen die Bundesrepublik Deutschland“, was mir bis dahin niemals in den Sinn gekommen wäre). Zwei Mal erreichte mich damals ein „Einberufungsbescheid“, der jeweils – nach meinem Einspruch – „aus verwaltungstechnischen Gründen“ widerrufen wurde. Eine ziemliche psychische Belastung.

Am Ende wurde ich mehrfach wegen meines Studiums von den Behörden zurückgestellt. Ich unternahm Arztbesuche, um hinreichende Atteste zu erlangen, erwog ein Theologie-Studium, auch eine Heirat (weil man damals Verheiratete wegen höherer zu leistender Zahlungen kaum einzog) etc. Mein damaliger Rechtsanwalt riet mir zur ‚Ruhe‘, was mir kaum gelang – man würde solch einen Verweigerer, zumal wenn er im Studium schon fortgeschritten sei, und angesichts der Tatsache, dass aktuell die Jahrgänge mit hinreichend Bereitwilligen ausgestattet seien, kaum mehr einziehen. So war es am Ende auch: mit meinem 28. Geburtstag war das Thema passé – es hatte mich nun allerdings gut 10 Jahre begleitet und belastet.

Demo in Bonn
Seit Oktober 1980 studierte ich in Bonn. Nahezu folgerichtig nahm ich auch an der berühmten Demonstration im dortigen Hofgarten am 10. Okt. 1981 teil, wo (geschätzt) 300.000 Menschen gegen den sog. Nato-Doppelbeschluss protestierten, der auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges die Stationierung neuer Atom-Mittelstrecken-Raketen (Pershing II) vorsah. Die Veranstaltung mit vielen bedeutenden Rednern (von Dorothee Sölle über Petra Kelly und Uta Ranke-Heinemann bis Heinrich Böll) und Musikern (von Harry Belafonte bis Hannes Wader) hat mich tief beeindruckt, vor allem aber auch der Zug per Fuß durch Bonn. Doch war es da mit meiner Politisierung sowieso längst geschehen. Einer Partei bin ich übrigens nie beigetreten.

Bild: Wolf Biermann in Köln 1976 Foto: WDR

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Martin Flashar