Ein Haus und seine Geschichte(n): Tom Schneider inszeniert im Theater im Marienbad „Heimsuchung“ nach dem Roman von Jenny Erpenbeck
Das Haus steht am Scharmützelsee, ein Architekt hat es in den 1920er-Jahren für seine junge Frau gebaut, die Seiltänzerin
Das Haus steht am Scharmützelsee, ein Architekt hat es in den 1920er-Jahren für seine junge Frau gebaut, die Seiltänzerin werden wollte und dann doch sesshaft wurde. Als die Nationalsozialisten an die Macht kommen, erwirbt er auch das enteignete Nachbargrundstück des jüdischen Tuchhändlers mit einem Bootshaus. Und schon sind wir, dank Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“, mitten drin in der deutschen Geschichte, wie sie sich in diesem Sommerhaus Schicht um Schicht angelagert hat. In Tom Schneiders Inszenierung am Freiburger Kinder- und Jugendtheater existiert das Haus als Miniatur auf einem großen Tisch, hineingestellt in einige Eimer märkische Erde auf einem blauen Tuch, umgeben von verschiedenen kleinen Gewächsen und Ästen, die den angelegten Garten ums Haus markieren. Der Tisch, von einer Webcam zuweilen auf einen Gazevorhang projiziert und dann poetisch wie ein See schimmernd, ist das Handlungsfeld von Daniela Mohr, die Solo-Darstellerin des von ihr selbst und der Dramaturgin Sonja Karadza in eine Bühnenfassung gebrachten Textes.
Dass die theatrale Umsetzung von „Heimsuchung“ ein lange gereiftes Herzensprojekt der seit über 30 Jahren im Theater im Marienbad tätigen Schauspielerin ist, merkt man von der ersten Minute der mit Pause zweieinhalbstünigen Aufführung an. Daniela Mohr spielt die Geschichten des Hauses über einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren nicht, sie strömen wie naturwüchsig aus ihr heraus. Alle gleichermaßen und alle in einem anderen Ton. Das fängt an mit einem Schulze, der vier Töchter hatte, von denen er keine unter die Haube brachte. Klaras Wald nannte man das Grundstück, das der Vater anstelle seiner entmündigten Tochter an drei Interessenten verkauft. Die Miniaturisierung des Ortes im Bühnenbild von Andrijana Trpkovi und Tom Schneider erinnert von fern an die Installationen von Fischli & Weiss: mit einfachsten Mitteln ein atmosphärisches Setting herzustellen.
In der schwarzen Latzhose des Gärtners, der als verlässlliche, bodenständig naturverbundene Figur durch Erpenbecks Text gleitet, schafft Daniela Mohr von einem mit Eimern und Archivkästen gefüllten hohen Regal auf der linken Bühnenseite die Materialien für die Installation heran. Und nähert sich dabei mit blitzschneller Wandlungsfähigkeit den verschiedenen Figuren des Romans an. Ein exaltiertes Lachen hier, ein Marschschritt da, ein Senken der Stimme dort: Es sind wenige sparsame Gesten, die den Wechsel von einer Geschichte zur nächsten markieren. Und es sind Geräusche, die Mohr selbst produziert: Huftrappeln, ein Ruf aus der Ferne, abgerissene Akkordeonklänge, eine kleine Phrase auf dem Klavier. Dazu Kassetten, in einen tragbaren Rekorder – sowas sieht und hört man nur noch selten – eingelegt und abgespielt. Tanzmusik, verwehende Klänge.
Und es gibt Momente in dieser wunderbar stimmigen, sich auf das Wesentliche konzentrierenden Inszenierung, da muss jede Geräuschkulisse schweigen. Wenn Daniela Mohr am Bühnenrand fast tonlos die Geschichte des zwölfjährigen jüdischen Mädchens Doris Kaplan erzählt, das sich in seinem Versteck durch ein menschliches Bedürfnis verrät und von einem Erschießungskommando um sein Leben gebracht wird, wird es auch in einem selbst ganz still und dunkel. Eine zweite Szene geht in anderer Weise unter die Haut: Ein junger Rotarmist der russischen „Befreier“ entdeckt das Versteck der Frau des Architekten in einem begehbaren Schrank – und es kommt zu einem verstörenden Geschlechtsakt zweier Verlorener, bei dem man nicht weiß, wer Täter und wer Opfer ist. Ihren überwiegend jugendlichen Zuschauenden – ab 16 ist die Aufführung freigegeben und ist per Zufall zugeschnitten auf Oberstufenschüler, die dem Roman im Abitur begegnen können – erspart Daniela Mohr diese Ambivalenz keineswegs.
Im zweiten Teil ändert sich der Ton. Die Inszenierung zieht weitere Texte von Jenny Erpenbeck heran, die nicht im Roman vorkommen. Sie verdeutlichen den autobiographischen Bezug: Erpenbecks Großmutter, eine bekannte Schriftstellerin, besaß das Haus zu DDR-Zeiten, die Enkelin war im Sommer oft zu Besuch, genoss Garten, Wasser und leichtes Leben. Projizierte Fotos künden von einer sozialistischen Idylle auf dem Lande. Nach zwölf Jahren ist der Kampf um die Eigentumsrechte verloren. Die Erbinnen der Frau des Architekten verkaufen das Haus über eine Maklerin. Ein letztes Mal geht die Erzählerin durchs Haus, überzieht den Tisch mit einer weißen Decke und stellt eine Vase mit Blumen darauf. Dann kommt der Abrissbagger. Man sieht nicht gern, was man da sieht, und was Erpenbeck auf den letzten Seiten ihres Romans in Amtsdeutsch beschreibt. Das Haus ist zerstört. Aber die Geschichten bleiben. Sie zu erzählen, so schrecklich sie auch sein mögen, kann tröstlich sein – besonders wenn viele sie teilen. Daniela Mohr ist eine grandiose, phantastische, mitreißende Geschichtenerzählerin. Das wird sicher auch Jenny Erpenbeck so sehen, wenn sie – wie versprochen – kommt, um das Wunder dieser Ein-Frau-Performance ihres Romans zu erleben.
Weitere Termine: 26./27. März. Tickets: marienbad.org
Bild: Daniela Mohr in „Heimsuchung“ © Doradzillo




