Kunst

Visionär der Moderne: Le Corbusier-Ausstellung überrascht in der Kunsthalle Messmer

Mit dem Werk von Le Corbusier, geboren als Charles-Édouard Jeanneret (1887-1965) im Schweizer Städtchen La Chaux-de-Fonds, befasst sich eine

Visionär der Moderne: Le Corbusier-Ausstellung überrascht in der Kunsthalle Messmer

Mit dem Werk von Le Corbusier, geboren als Charles-Édouard Jeanneret (1887-1965) im Schweizer Städtchen La Chaux-de-Fonds, befasst sich eine Schau in der Kunsthalle Messmer, zeigt Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotografien, Skizzen, Möbel, Architekturmodelle und begleitet die BesucherInnen mit erhellenden Texten durch dieses grenzüberschreitende Schaffen. Bald nach Ausbildung an der École d’Art in seinem Geburtsort zog es den ambitionierten Künstler 1917 nach Paris, von dort aus machte er sich einen Namen. Von Anfang an trieben ihn Fragen nach neuen (Existenz-) Formen in einer modernen Gesellschaft um; zunächst tüftelte er mit dem Maler Amédée Ozenfant am „Purismus“, nahm jedoch rasch Einflüsse von Léger, Gris und Picasso auf. Eindrucksvoll fügen sich Farben, Linien und Gestalten in seinen Bildern – stets im Dialog mit architektonischen Ideen, die indes auf Funktionalität und Transparenz fokussiert sind, dargelegt 1923 im Manifest „Fünf Punkte für eine neue Architektur“. Sehr bekannt sind sein Gebäudekomplex „Cité radieuse“ in Marseille, die Kapelle Notre-Dame in Ronchamp sowie eine elegante Liege, entstanden im Gestalter-Trio mit Charlotte Perriand und Pierre Jeanneret.
Nicht alles konnte er verwirklichen, was ihm vorschwebte; in frühen Jahren wollte er z.B. mit dem „Plan Voisin“ Teile von Paris abreißen und anstelle der traditionellen Irregularität europäischer Städte kreuzförmig angeordnete Hochhäuser setzten. Die Idee entstammte kaum dem Bauhaus, doch stand er im Austausch mit Walter Gropius und Mies van der Rohe und wirkte 1927 an der Weissenhof Siedlung in Stutt-gart mit. Die Möglichkeit seine „Fünf Punkte“ zu erproben, ergab sich 1929-31 mit dem Auftrag für die Villa Savoye bei Paris, anfangs wies diese Mängel auf. In den Jahren davor bewunderte er ein kühnes Haus, „E.1027“ genannt, erbaut 1926-1929 durch die Architektin Eileen Gray zwischen Felsen in Roquebrune-Cap-Martin, lichtdurchströmt und mit grazilen Proportionen. Le Corbusier konnte in der Villa freundschaftlich ein- und ausgehen, doch überzog er deren Wände 1938/39 ungefragt mit Malereien. Auf Irrwege begibt er sich, als die Wehrmacht 1940 Frankreich besetzt; nach kurzer Flucht in ein Pyrenäendorf, wo er vegetabil anmutende Aquarelle malt, hofiert er das Vichy-Regime, zahlreiche Kollegen aus dem Deutschen Reich waren längst ins Exil gejagt. Nach dem Krieg ergab sich für ihn die Chance als Architekt im teils zerstörten, von Wohnungsnot geplagten, Marseille zu wirken; er realisierte ein Betonhochhaus mit farbiger Fassade und Balkonen im Stil des Brutalismus, mit über 300 Wohnungen, Geschäften, Praxen, Cafés, Schulen, Schwimmbad und Spielplatz – nach seiner Devise „das Haus ist eine Maschine zum Wohnen“. Diese modernistische Vision wurde weltweit kopiert und lässt sich weder verwerfen, noch als „genial“ bezeichnen, sondern im 20. Jahrhundert zu verstehen.
Als Le Corbusier im Auftrag der indischen Regierung 1951 die Hauptstadt des Bundesstaats Punjab plant, entsteht die Skulptur einer offenen Hand; das Motiv suggeriert Frieden und Austausch und erscheint auch in seiner Malerei. Schließlich ermöglicht ihm 1958 die Innenarchitektin Heidi Weber in Zürich ein Le Corbusier-Museum zu entwerfen; es entsteht ein aparter Pavillon aus Stahl, Glas und farbigen Emaille-Platten, dessen Vollendung ihm entging. In Roquebrune, vor dem Grundstück der Villa Gray, wo er zuletzt in einem asketischen „Cabanon“ (15 qm) lebte, dem sein Proportions-Schema „Modulor“ inhärent ist, überraschte ihn der Tod im Meer. Seinen Nachruhm hatte er bereits klug durch eine Stiftung in Paris gesichert.
Die zahlreichen Exponate in der Kunsthalle Messmer werden ergänzt durch eine interaktive Sonderausstellung zu Le Corbusiers Kapelle in Ronchamp – seit 2016 UNESCO-Weltkulturerbe; diese informiert über die Geschichte des Bauwerks und dessen Standort auf einem historischen Hügel, der vor einiger Zeit von Renzo Piano weiterentwickelt wurde.

Le Corbusier. Kunsthalle Messmer. Großherzog-Leopold-Platz 1, Riegel. Di-So 10-17 Uhr. Bis 15.3.2026

Bild: Le Corbusier: „Modulor“ © Kunsthalle Messmer

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Cornelia Frenkel