Tanz Theater

Eine Frau unter sich: Die Tanzperformance „Deliciously Gone“ von Nadine Gerspacher im E-Werk Freiburg

Eine Frau kämpft sich in den Tag. Soll sie aufstehen? Oder lieber liegenbleiben? Camille Lejeune wühlt sich in einen

Eine Frau unter sich: Die Tanzperformance „Deliciously Gone“ von Nadine Gerspacher im E-Werk Freiburg

Eine Frau kämpft sich in den Tag. Soll sie aufstehen? Oder lieber liegenbleiben? Camille Lejeune wühlt sich in einen Wust von weißem Bettzeug hinein und wieder heraus, lässt sich vom Eisenbett mit dem geschwungenen Kopfteil langsam heruntergleiten und springt plötzlich wieder hinein, dass die Federn krachen; streift schließlich schwarze Pumps über die nackten Füße, die sie kokett in die Höhe streckt, während der Rest ihres nackten Körpers sich immer noch unter der Decke wälzt. Aber der Anfang ist gemacht. Es gibt kein Zurück mehr in den Schlaf. Ein schwarzes bodenlanges Kleid ist schnell übergeworfen. „Bonjour!“ ruft die Frau, die laut Programmflyer – warum nur? – Madame Serger-Chapelene heißt, den Zuschauern, die dicht um die quadratische Bühne des Freiburger E-Werks postiert sind, ins Gesicht. Sie ruft es viel zu laut, als dass man es ihr abnehmen könnte.

In den nächsten 70 Minuten ringt diese Madame, von der man nichts erfährt als ihren klangvollen Namen, um einen Standpunkt in der Welt. Sie wird ihn nicht finden. Sie ist ganz offensichtlich allein, ihr fehlt das Gegenüber. Sie spricht mit ihrer Hängepflanze, die ihr auf dem Bett Gesellschaft beim Frühstück leisten muss. Sie spricht mit der Toilette. Sie spricht mit dem Teewagen, einem wunderbar kitschigen Modell mit großen Hinterrädern aus den 1960er-Jahren. Sie stolziert durch den Raum, wirft sich in Pose, schaut in den Spiegel, setzt sich einen mondänen Hut auf. Eine Diva außer Dienst. Eine Schauspielerin ohne Publikum. Sie wirft sich mit theatraler Geste einen Mantel über, schnappt sich die Reisetasche am Rand der Bühne, verbreitet aufgekratzte Aufbruchstimmung. Aber nur für einen Moment. Sie kommt hier nicht weg.

Camille Lejeune in „Deliciously Gone“ © Nicolas Clausen

Nadine Gerspachers Solo-Tanztheater „Deliciously Gone“ zeigt eine Frau zwischen Selbstinszenierung und Leerlauf, zwischen aufgesetzter Ausgelassenheit und Ratlosigkeit.
Eine Frau, die ein Mittel gegen die Einsamkeit sucht und doch keins findet. Deren Eitelkeit implodiert. Josep Maria Baldomás Musik, mal in gefälligem Walzertakt, mal elektronisch aufgeputscht, sorgt für rasenden Stillstand. Die gebürtige Französin Camille Lejeune, in dieser Performance mehr eine Darstellerin als eine Tänzerin, setzt sich dem Kampf gegen das Alleinsein rückhaltlos aus. Ihr ist jedes Mittel recht, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das ist unterhaltsam, aber im tiefen Innern sehr traurig, weil die Resonanz fehlt. Eine Pflanze kann das Gegenüber nicht ersetzen.

Am Ende muss sie sich bei sich selbst bedienen. Das blutige Organ, das sie sich aus der Brust reißt, ist unter einer Abdeckhaube für den Verzehr gedacht. Nach anfänglichem Schrecken verleibt sie sich das Eigene mit mit steigender Lust ein. Umkreist es wie einen magischen Gegenstand, um wieder und wieder hineinzubeißen. Es ist, in blutrotes Licht getaucht (Lichtdesign: Steffen Melch), eine verstörende Szenerie. Ein Bild für narzisstische Selbstzerstörung?

Der Abend hat Längen. Er erzählt keine Geschichte, sondern gibt eine Zustandsbeschreibung. Trotzdem folgt man der Performerin über weite Strecken mit Spannung. Was wird ihr, die reduziert ist auf Bett, Teewagen und WC, als nächstes einfallen? Fällt ihr noch etwas ein? So ist das, wenn man auf sich selbst zurückgeworfen ist. Und an sich selbst zugrunde geht.

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Bettina Schulte