Plädoyer für die Vielfalt: Die Ausstellung „Memory of Colors“ von Jaime Ocampo-Rangel zeigt im Museum LA8 in Baden-Baden Fotografien indigener Völker
Ein strahlendes Lächeln unter üppigen Blüten. Ein sehr verschmitzes Lächeln, umrahmt von einer Federkrone. Ein fragender Blick unter einem
Ein strahlendes Lächeln unter üppigen Blüten. Ein sehr verschmitzes Lächeln, umrahmt von einer Federkrone. Ein fragender Blick unter einem filigranen silbernen Kopfschmuck. Es gibt entlegene Regionen, in denen indigene Völker ihre ureigene Kultur und Tradition pflegen. Der kolumbianische Fotograf Jaime Ocampo-Rangel hat die umwerfende Vielfalt der unterschiedlichsten Kulturen eingefangen. In der Schau „Memory of Colors“, frei übersetzt Farben der Erinnerung oder die in Farben gespeicherte Erinnerung, sind im Museum LA8 in Baden-Baden ausgewählte Fotografien von 14 indigenen Völkern zu sehen.

Dabei geht es nicht um einen ethnologischen Blick von außen auf vermeintlich „Rückständiges“, im Gegenteil. Ocampo-Rangel hat sich in den Jahrzehnten seit 2000 auf weite Wege gemacht, um in Sibirien, Papua-Neuguinea, Afrika, Südamerika und ja, auch in Mitteleuropa, Volksgruppen kennenzulernen. Er hat das Vertrauen dieser Menschen auf mehreren Kontinenten gewonnen. Und so strahlen die Fotografierten von innen heraus, schauen selbstbewusst in die Kamera oder flirten fröhlich mit dem Betrachter. In den Begleittexten erfährt man etwas über diese Gruppen und ihre Probleme. Denn wer sich der Zivilisation mit ihren übermächtigen wirtschaftlichen Zwängen verweigert, wird oft von ihr überrollt. Von Staudämmen, Rodungen, Goldabbau durch Großkonzerne und Regierungen vertrieben.
Dabei wurden viele dieser Völker schon in den vergangenen Jahrhunderten zu Minderheiten im eigenen Land, ihre angestammten Siedlungs- oder eben auch Wanderungsgebiete gehören inzwischen manchmal zu mehreren Staaten. Es gehört einiges dazu, sich als kleine Gruppe mit einer eigenen Kultur dagegen zu behaupten. Davon erzählen die Begleittexte. Die Fotografien feiern die Schönheit, den Stolz und die Würde jedes dieser indigenen Völker. Dazu gehören, und das kommt überraschend, auch die Sorben in der Lausitz und die Bigouden in der Bretagne. Die alten Damen in ihren Trachten wirken ausgesprochen munter. Immerhin konnten die ursprünglich slawischen Sorben viel von ihrer Kultur erhalten, als anerkannte Minderheit. Und hinter den absurd hohen Spitzenhauben der von Kelten abstammenden Bigouden steckt die Geschichte eines Protestes gegen „Sonnenkönig“ Louis XIV.

In eine viel fernere Vergangenheit reicht die Tradition der chinesischen Dong zurück, die sich über 3000 Jahre verfolgen lässt. Ihre Festtagskleidung mit dem fantastischen, oft noch um Blumen bereicherten Kopfschmuck lässt an eine besonders opulente Turandot-Aufführung denken. Sie pflegen ihre Handwerkskunst, so wie viele indigene Völker. An eine beseelte Natur glauben Menschen in Afrika und Südamerika. Ihre Körperbemalung, ihr Kopfschmuck, besteht aus dem, was die Natur hergibt, hat aber darüber hinaus oft eine spirituelle Bedeutung. Manchmal scheint es, als eröffneten die Fotografien ein Fenster in eine weit zurückliegende Zeit, in der auch in Europa die Ahnen verehrt wurden und die Natur voller Geister war.
In der Ausstellung werden jeder der 14 Minoritäten jeweils drei Fotografien gewidmet. Jaime Ocampo-Rangel hat jeder Volksgruppe einen bestimmten farblichen Hintergrund gegeben, passend zur traditionellen Aufmachung. So erscheinen die Ewenen aus dem Norden Russlands vor einem kühlen weißen Hintergrund. Einen geradezu dramatischen Effekt erzielen die Aufnahmen der Tuareg in ihren glänzenden, tief indigoblauen Stoffen vor tiefblauem Grund. Geheimnisvoll die Blicke der verschleierten Männer. Erbe und Abstammung folgen bei diesen Wüstenbewohnern der Frau. „Memory of Colors“ ist ein ästhetisch eindrucksvolles Plädoyer für die Vielfalt der Menschen auf diesem Planeten.
Memory of Colors. Jaime Ocampo-Rangel. Museum für Kunst und Technik des 19. Jahrhunderts, Lichtentaler Allee 8, Baden-Baden, Di-So 11-18 Uhr, Kinder bis 12 frei. Bis 08.03.26
Bild: Jaime Ocampo-Rangel: „Himba“, 2000-2025 © Jaime Ocampo-Rangel



