Kur, Kunst und Kultur: Wie Badenweiler sein Festspielhaus belebt – zum Beispiel mit Harald Schmidt
„Ganz schön viel geschlossen, hier in Badenweiler.“ Ein Routinier wie Harald Schmidt weiß natürlich, wie man mit ein wenig
„Ganz schön viel geschlossen, hier in Badenweiler.“ Ein Routinier wie Harald Schmidt weiß natürlich, wie man mit ein wenig Lokalbezug die Leute noch mehr für sich einnehmen kann, obwohl allein seine schiere Anwesenheit das Publikum verzückt. Und er beweist mit diesem knappen Satz, dass er haargenau beobachten und alles im Stegreif zu Kabarett umformen kann. Als Schmidt dann die Gäste seines „Unvorbereiteten Abends“ im Festspielhaus Badenweiler auch noch schelmisch nach dem prächtigen, aber seit Jahren verwaisten Hotel Römerbad fragte, war der Finger treffsicher in die Wunde der kurörtlichen Befindlichkeit gelegt.
Dabei hätte Schmidt dem Kurort mit dem klangvollen Namen und der glanzvollen Geschichte den Spiegel gar nicht vorhalten müssen. Nur zu genau weiß man in Badenweiler, dass der Charme seiner zauberberghaften Vergangenheit n der Gegenwart doch etwas verblasst ist und dass die Gemeinde sich ein Stück weit neu erfinden muss, will man die Zukunft gewinnen. Doch was dem Altmeister des geistreichen Humors bei seinem Abstecher in den Badeort vermutlich gar nicht so klar war: Er selbst spielt beim Selbstfindungsprozess der Gemeinde eine nicht unwesentliche Rolle. Denn die Veranstaltungsreihe im wiederbelebten Festspielhaus, deren Zugpferd Schmidt in der Saison 2025/26 zweifellos ist, will einen größeren Bogen schlagen. Weg vom früher üblichen und noch immer erforderlichen Kulturangebot für kunstbeflissene Gäste, hin zum Event für die eigene, jünger werdende Bevölkerung, die Badenweiler zunehmend als lebenswerten Wohnort schätzt.

Jedenfalls ist der Kurgeschäftsführerin Sara Gempp, die für das kommunale Kulturprogramm verantwortlich zeichnet, mit der Verpflichtung von Harald Schmidt der erhoffte Coup gelungen: Der Headliner der Saison hat gehalten, was man sich vor Ort von ihm an Profilbildung versprochen hat, und das Publikum im gut gefüllten, wenngleich nicht ganz ausverkauften 600-Plätze-Saal durfte einen köstlichen Abend genießen. Der Plan ging auf: Ein Hauch von Welt bringt frischen Wind in den kleinen Kurort.
So haben also beide Seiten, nämlich der Gast ebenso wie der gastgebende Kurort, zeigen können, dass sie keineswegs nur von gestern sind. Im Fall von Harald Schmidt hat der Beweis nicht einmal der Worte bedurft. Allein das Setting verspricht Tiefgang – mehr als das bei einem bloßen Abgesang auf den Künstler als alternder Mann zu erwarten wäre: Schauspieler Harald Schmidt gibt den Kabarettisten Harald Schmidt, der zuweilen den Witzbold Harald Schmidt auf die Schippe nimmt. Beim ersten Auftritt genügen ein paar merkwürdig ungelenke Gesten fürs Spiel mit den Ebenen. Schmidt winkt, posiert, reckt Faust und Daumen. „Ich habe mir nur ein paar Politikergesten abgeschaut“, sagt er. Sofort ist es da, dieses wunderbare Spiel mit Ironie und Selbstironie. Und das Publikum liebt es wie eh und je.
Dass an diesem Abend fast alles um Schmidt kreist, war klar. Dabei steht mit ihm Bernd Gnann als Impressario, Conferencier, Widerpart und Co-Schwabe eine zweite Größe auf der Bühne. Gnann hat eine bewegte Vita – Schauspieler, Kabarettist, TV-Geschäftsführer, Airline-Betreiber, Theaterdirektor – und er verfügt über eine Schnittstelle zu Harald Schmidt. Beide waren an Schauspielschule in Stuttgart, und am Grab ihres gemeinsamen Lehrers entstand der Plan für ein gemeinsames Projekt. Gnann wollte Schmidt für sein Karlsruher Kammertheater verpflichten und Schmidt sagte zu – unter gewissen Bedingungen. Er wolle nichts auswendig lernen und keinen Produktionsaufwand.
So entstand der „Unvorbereitete Abend“, zu dem sich Schmidt und Gnann längst nicht mehr nur in Karlsruhe treffen. Schmidt bringt dabei seine alten Fähigkeiten aus den Late Night Shows ein, schnell auf Tagesereignisse reagieren zu können, sowie sein dramaturgisches Geschick, mit dem er die kleinste Begebenheit im Handumdrehen zu einer Nummer zu formen vermag. Gnann wundert sich selbst hin und wieder, wie sein Partner derart vom Hölzle aufs Stöckle und von dort (meist) zur Pointe gelangen kann. Und wenn Schmidt einmal aus seinen labyrinthischen Gedanken nicht mehr herausfindet, steht Gnann parat und übernimmt im Stile eines Musikkabarettisten mit Witz und frechen Liedern, in Badenweiler begleitet vom einstigen Johannes-Heesters-Pianisten Uli Kofler.
Die Herrschaften lassen sich so durch die aktuellen Geschehnisse der Politik treiben, sie knüpfen flüchtige Assoziationen zu Putins Flecktarn und Dobrindts Polizeijacke, entdecken im Dutt der jungen Väter das Wesensmerkmal einer ganzen Generation, kehren nostalgisch zurück ins Nürtinger Pfarrheim (Schmidt) und ins oberschwäbische Wirtshaus (Gnann) oder schweifen ab in höheren Blödsinn, etwa wenn Schmidt lautmalerisch isländische Literatur verballhornt. Ob man für so etwas wirklich Geld verlangen könne, fragt Schmidt. Doch was simpel wirkt, nämlich wie ein Geschwätz unter Kumpels, will kunstvoll ausgebreitet sein. Schmidt erklärt das am Beispiel eines Witzes, bei dem das Offenlegen seiner dramaturgischen Struktur am Ende lustiger ist, als die bekannte Pointe selbst. So etwas muss man erst einmal hinkriegen. Einem Meister wie Schmidt macht eben keiner so schnell etwas vor.
So haben an diesem Abend alle Grund sich zu freuen. Die gefeierten Künstler, das bestens unterhaltene Publikum und auch die Veranstalter, die den Erfolg dieses Gastspiels als Rückenwind für das eigene Kulturkonzept werten dürfen. Mit dem Festspielprogramm tritt die 4600-Einwohner-Gemeinde so etwas wie die Flucht nach vorne an. Im Zuge der Neuordnung des Kurbetriebs, bei der das Land die Therme als Staatsbad übernommen hatte und die historischen Liegenschaften sowie das Kurhaus der staatlichen Schlösser- und Gartenverwaltung unterstellt wurden, sollte auch das Festspielhaus anders bespielt werden. Die Idee war, den stattlichen Theatersaal dem Gloria-Theater aus Bad Säckingen zur Verfügung zu stellen, das dort in einem ehemaligen Kino mit eigenen Musical-Produktionen erfolgreich war. Das Land investierte 300.000 Euro in die Technik des Festspielhauses, das dem Gloria-Theater für 30 Musical-Aufführungen und einigen Gastspielen pro Jahr zur Verfügung gestellt werden sollte. Doch nach wenigen Monaten fiel Ende 2024 bereits der letzte Vorhang. Das Gloria-Theater zog frühzeitig eine Ausstiegsklausel aus dem eigentlich langfristig angelegten Vertrag.
Im Sommer 2025 startete die Kurverwaltung Badenweiler dann einen Neuanfang. Geschäftsführerin Sara Gempp war klar, dass das neue Konzept sich unterscheiden musste von einem herkömmlichen Kulturprogramm für Kurgäste. Dafür gab es mehrere Gründe. Zum einen hat Badenweiler mit rückläufigen Übernachtungszahlen zu kämpfen und das klassische Kurgeschehen, das dem Ort einst den Ruf eines zweiten Baden-Baden eingebracht hatte, verlagert sich mehr und mehr in die Kliniken. Andererseits wird Badenweiler als Wohnort auch für Familien zunehmend attraktiv. Allein in der Amtszeit des jungen Bürgermeisters Vincenz Wissler sank das Durchschnittsalter der Einwohner um 2,8 Jahre. Da liegt es nahe, mit einem kontinuierlichen Kulturangebot nicht nur Gäste, sondern auch Einheimische und Publikum aus der Region anzusprechen.
Konzeptionell ist Sara Gempp noch dabei, das Programm für das Festspielhaus mit seinen 622 Plätzen weiter auszutarieren; „Wir testen noch verschiedene Genres.“ Derzeit bietet die Kurverwaltung in dem gut ausgestatteten Theatersaal, der selbst für das Potenzial einer mittleren Stadt eigentlich zu groß wäre, einen Mix aus Musical, Konzerten, Comedy und Kabarett. Im Zentrum steht, ein regelmäßiges Angebot zu schaffen – auch als Ergänzung zu den singulären Ereignissen der Badenweiler Literatur- oder Musiktage. Für das Programm im Festspielhaus steht derzeit ein Budget von 80.000 Euro zur Verfügung. Viel darf also nicht schief gehen. „Aber wir kommen klar“, versichert Gempp. Deswegen versucht sie möglichst oft, nicht mit Fixgagen zu arbeiten, sondern mit einer prozentualen Beteiligung der Künstler an den Ticketeinnahmen, was das Risiko verteilt. Wer viel Publikum zieht, profitiert. Geht die Rechnung auf wie beim Duo Schmidt/Gnann, dann erhält die Gemeinde noch einen Bonus: Solche Erfolge sprechen sich herum und schärfen das Profil.
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