Literatur Stadtleben

Ein Chamäleon als Wappentier: Der neue Freiburger Verein Vers & Vielfalt engagiert sich für die Lyrik

Das Chamäleon, man weiß es, ist ein sehr wandlungsfähiges Tier, Es ist an seine jeweilige Umgebung angepasst und so

Ein Chamäleon als Wappentier: Der neue Freiburger Verein Vers & Vielfalt engagiert sich für die Lyrik

Das Chamäleon, man weiß es, ist ein sehr wandlungsfähiges Tier, Es ist an seine jeweilige Umgebung angepasst und so perfekt getarnt. Seine Farbe wechselt es aber nicht, um sich vor Feinden zu schützen, sondern um sich sichtbar zu machen, um zu kommunizieren. Es geht ihm wie der Lyrik. Die Wandelbarkeit und die bunte Vielfalt sind ihr eingeschrieben. Ihre Sprachen entziehen sich der instrumentellen Vernunft und der kapitalistischen Verwertungslogik. Ihre Stärke liegt – frei nach Hölderlin („Unterschiedenes ist gut“) – in der Verschiedenheit Einen Verein, der sich der Gedichtkunst verschreibt, „Vers & Vielfalt“ zu nennen, liegt nicht ganz fern. Allerdings ist bisher wohl niemand auf den Gedanken gekommen, der Lyrik wegen einen Verein zu gründen und ein Chamäleon zum Wappentier zu küren.
Der gemeinnützige Verein ist im Januar in Freiburg aus der Taufe gehoben worden. Am 17. Oktober trat er mit einer Lesung des in Hausach geborenen und lebenden Lyrikers José Oliver („Mein andalusisches Schwarzwalddorf“) in der Buchhandlung Jos Fritz ans Licht der Öffentlichkeit. Braucht die Lyrik eine Satzung, einen Vorstand, einen Schatzmeister? Das mögen sich die Gründungsmitglieder um Inak Jürgen, Ramona Schwarzendahl und Jakob Leiner vielleicht auch gefragt haben. Allein: Eine feste, in der Provinz fern von Berlin verankerte Struktur mag durchaus in der Lage sein, das randständige Genre der Literatur vor Ort mehr in den Fokus zu rücken.
Ihren Ausgangspunkt nahm die Idee in einem Blumenladen in Freiburg St. Georgen. Auf Vermittlung und Anregung des ehemaligen BZ-Redakteurs Ralf Strittmatter las dort 2023 Thomas Leiner, Lyriker und Arzt, aus seinem Gedichtband „Gewetter“. Es folgte am selben Ort eine Lesung des in Frankfurt lebenden „Heavy-Metal“-Lyrikers Martin Piekar, der beim Klagenfurter Wettlesen um den Ingeborg-Bachmann-Preis 2023 mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet wurde. Ein Auftritt der Brasilianerin Angelica Freitas („Der Uterus ist groß wie eine Faust“) auf dem Brasuca-Festival im Eschholzpark machte Lust auf noch mehr.
Während in Basel, so die Gründungsmitglieder im Gespräch, eine reichhaltige Lyrikszene existiert, die im jährlich stattfindenden Internationalen Lyrik-Festival ihr Forum hat, fehlt es in Freiburg an nur ansatzweise vergleichbaren Strukturen. Eine Nische möchte der Verein „Vers & Vielfalt“ besetzen. Es geht seinen Mitgliedern, fast alle in ihren Vierzigern, darum, zeitgenössische Lyrik mit niederschwelligen Angeboten zugänglicher zu machen. Darin sieht offenbar auch das städtische Kulturamt Potenzial: Es ließ dem jungen Verein eine Anschubfinanzierung zukommen. Und dann? Sind Förderer gesucht, die sich der Poesie verschreiben möchten.
Vieles, ist dem Gespräch zu entnehmen, sei vorstellbar. Man sei offen. Ein Stammtisch für Lyrik-Interessierte? Warum nicht. Workshops, Residenzen? Alles auch eine Frage des Geldes. An zwei Lesungen im Jahr ist zunächst gedacht. Der Verein soll „keine Bühne für uns selber werden“, sagt Vereinsvorsitzender Inak Jürgen. Gesucht und gewollt ist eine größtmögliche Bandbreite von Themen und Stilen. Lyrikerinnen sollen besonders gefördert werden. Von anarchischer Freiheit ist die Rede.
Angeregt wurde die Gründung von „Vers & Vielfalt“ von Werner Weimar-Mazur, der unter anderem langjähriges Mitglied im Literatur Forum Südwest war. Im Juni starb er überraschend mit 69 Jahren. Auch ihm zu Ehren hatte Oliver, der seit vielen Jahren das Hausacher Festival „Lese-Lenz“ unter starker Beteiligung von Lyrikern organisiert, die Eröffnungslesung übernommen.
Die Vereinsgründer sind sich sicher: Es gibt eine Szene für Lyrik in Freiburg. Sie muss nur wachgeküsst werden – nicht von einem Frosch, sondern vom Chamäleon. Nicht zuletzt steht das auf seine Umgebung sensibel reagierende Tier für den Austausch: die lebendige, vielfältige, überraschende Begegnung von Versen und Menschen.

Foto: Das Team vom „Vers und Vielfalt“ engagiert sich für die Lyrik © Vers und Vielfalt

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Bettina Schulte