An Poesie denken… The World of John Neumeier in Baden-Baden
John Neumeier ist nicht mehr Ballettdirektor und Intendant des Hamburg Balletts, jedoch ist er immer noch die große künstlerische
John Neumeier ist nicht mehr Ballettdirektor und Intendant des Hamburg Balletts, jedoch ist er immer noch die große künstlerische Leitfigur der Compagnie, das haben die Vorstellungen in Baden-Baden eindrucksvoll gezeigt. Nach dem misslungenen Abenteuer, diese Compagnie mit einem neuen Chef zusammen zu bringen, tanzen die Mitglieder des Hamburg Balletts nun wieder – unter der interimistischen Leitung von Lloyd Riggins – mit voller Hingabe für ihren Meister und Schöpfer.
Ein wenig magisch wirkt es schon, wenn John Neumeier während der Ballettwerkstatt zu seiner Compagnie spricht, ihnen leise Anweisungen gibt wie sie sich bewegen sollen – das Was ist schon lange geklärt…
Es ist mehr als eine Ballettwerkstatt am Eröffnungsabend des Festivals: es ist die Demonstration eines lebenslang erfolgreichen künstlerischen Wirkens, bescheiden und mit Altersweisheit dargeboten. Alle anwesenden Compagnien präsentieren Ausschnitte aus ihrem Programm, erläutert von John Neumeier selbst – sehr angeregt begibt sich das Publikum auf die Reise durch Neumeiers Welt.
Die Lektüre der Biografie „The Tragedy of Nijinsky“, gelesen als 11-jähriger Junge, war nicht nur der Beginn einer lebenslangen Beschäftigung John Neumeiers mit dem Ausnahmetänzer Vaslaw Nijinsky, sondern auch eine Initialzündung für Neumeiers Weg zum Tanz. Das berühmte Ballett „Le Spectre de la Rose“, in dem Nijinsky als „Geist der Rose“ durch ein Fenster gesprungen kam, ist legendär. Ebenso seine Auftritte als erotischer Goldener Sklave in „Scheherezade“, als lüsterner Faun in „L´Après midi d´un faune“ und als Petruschka, der verzweifelt gegen das Leid der Welt antanzt.
All diese Figuren tauchen im Ballett „Nijinsky“ auf: mit einem klugen dramaturgischen Griff lässt Neumeier diese Rollen von unterschiedlichen Tänzern tanzen: der Sklave, der Faun, Petruschka und andere – sie alle sind als Erinnerungen inszeniert für einen immer mehr in seine eigene Welt abdriftenden Nijinsky als Mensch: tiefgründig und überwältigend dargestellt von Aleix Martinez. Die Ehefrau Romola – elegant: Ida Praetorius – war wohl eher in die meist erotischen Rollen Nijinskys verliebt, als in ihn als Mensch, dennoch blieb sie ihm ein Leben lang verbunden und unterstützte ihn während seiner langen Krankheit. Die Rolle des Impresarios Diaghilew wird subtil-arrogant getanzt von Matias Oberlin.
Insgesamt war Neumeiers „Nijinsky“ ein Abend prall voll mit Eindrücken: mit besinnlichem und hochdramatischem Tanz, mit atemberaubenden Gruppenszenen, die an Virtuosität und Tempo Ihresgleichen suchen. Die 11. Sinfonie von Schostakowitsch, klanggewaltig von der Württembergischen Philharmonie Reutlingen unter Nathan Brock live dargeboten, trug enorm zum Gesamteindruck des Abends bei. Am Ende ein überwältigtes Publikum und ein Sturm der Begeisterung.
Nach Auftritten des dänischen Kammerballetten, des Bundesjugendballetts, sowie der Ballettschule des Hamburg Balletts, beschließt „Epilog“ das diesjährige Festival. Mit Musik von Schubert, Strauss und Songs von Simon & Garfunkel werden Erinnerungsszenen aus Neumeiers Leben (Familie mit Küchentisch, Freunde, Begegnungen) auf hochästhetische Weise dargestellt. Sehr eindrucksvoll tanzt Caspar Sasse das jugendliche Alter Ego von John Neumeier. – Nach autobiografischen Zügen in diesem seinem letzten Ballett als Ballettintendant in Hamburg gefragt, rät Neumeier, man solle nicht zu viel hinein interpretieren, sondern eher an Poesie denken… David Fray interpretiert die Musik Schuberts souverän und vor allem in den Piano-Momenten sehr spannungsreich. Allerdings lässt die Klavierversion der Vier Letzten Lieder von Richard Strauss den großen Atem vermissen, den die Orchesterversion zweifellos hat. Maria Bengtsson singt sie mit facettenreichem Sopran. Insgesamt ist „Epilog“ ein Abend (nicht ohne Längen), der aber einmal mehr Neumeiers feine, ja vornehme Tanzkunst zelebriert.
John Neumeier ist ein Meister des modernen Handlungsballetts, seine Choreografien sind in der Lage, selbst hochdramatischer Musik stand zu halten, sie zu füllen. Das macht seine Tanzkunst großartig. Und das Hamburg Ballett ist nach wie vor auf dem Höhepunkt seines Könnens. John Neumeiers Tanz wird weiter gehen, seine Welt wird sich weiter drehen: beim Hamburg Ballett, in Baden-Baden und auch bei anderen großen Compagnien international. Es bleibt nur die Frage, welche Lösung für seine Nachfolge in Hamburg gefunden wird, wer kann John Neumeier das Wasser reichen?
Mehr Programm: www.festspielhaus.de
Bild: Aleix Martinez und das Hamburg Ballett in John Neumeiers „Nijinsky“ Foto: Kiran West




