Musik

Vom anderen Stern: Martha Argerich verzückt das Publikum beim Festival „Le Piano Symphonique“ in Luzern

Martha Argerich ist da. Im letzten Jahr musste die argentinische Pianistin in Luzern einen Teil der Konzerte krankheitsbedingt absagen,

Vom anderen Stern: Martha Argerich verzückt das Publikum beim Festival „Le Piano Symphonique“ in Luzern

Martha Argerich ist da. Im letzten Jahr musste die argentinische Pianistin in Luzern einen Teil der Konzerte krankheitsbedingt absagen, das geplante Albert-Konzert am 16. März wird wegen einer Terminüberschneidung verschoben. Dass Intendant Numa Bischof Ullmann die 84-jährige Grande Dame des Klaviers für das zum fünften Mal stattfindende Festival „Le Piano Symphonique“ als „Pianiste associée“ gewinnen konnte, ist ein Glücksgriff. Das Alter merkt man ihr nur an, wenn sie gemeinsam mit dem 78-jährigen lettischen Cellisten Mischa Maisky in langsamen Schritten die Bühne des Kultur- und Kongresszentrums Luzern (KKL) betritt. Am Steinwayflügel kehrt ihre jugendliche Energie zurück. Vom ersten Takt an zeigt sich die Pianistin bei Beethovens Sonate für Klavier und Violoncello in g-Moll op. 5 Nr. 2 als Kammermusikerin par excellence. Kräftig, aber immer federnd spielt sie die Akzente. Jedes Detail bringt sie zum Klingen. Und wenn sie Melodiephrasen von Mischa Maisky übernimmt, dann werden sie unter ihren Händen noch lebendiger und klanglich raffinierter. Intonatorisch bewegt sich der Lette leider immer wieder neben der Spur – in der hohen Lage wird sein Ton seltsam flach. Aber zumindest das Zusammenspiel gelingt ohne Unstimmigkeiten.

Martha Argerich und Stephen Kovachevich


Mit Janine Jansen hat Martha Argerich bei Beethovens „Kreutzer“-Sonate dagegen eine Partnerin auf Augenhöhe. Gemeinsam loten sie die Extreme des Werks aus, lassen der Dramatik Raum und schenken der Sonate in langen Pausen Momente völliger Versenkung. Ein echter Familienabend wird es, als sich Martha Argerich mit ihrem Ex-Mann Stephen Kovachevich am Klavier Claude Debussy widmet. Die gemeinsame Tochter Stéphanie und der Enkel Roman Blagojevic, ebenfalls Pianist, sitzen im Publikum. Martha und Stephen müssen lachen, als im ersten Satz von „En blanc et noir“ für zwei Klaviere der Schluss nicht ganz zusammen ist. Das bleibt die Ausnahme – das Unisono im „Lent. Sombre“ gelingt so perfekt, als würde nur ein Flügel spielen.
Doch „Le Piano Symphonique“ ist mehr als ein Argerich-Festival. Zwölf Konzerte und ein Meisterkurs zeigen den rund 9000 Hörerinnen und Hörern die Vielfalt des Instruments. Im Mittagskonzert spielt der griechische Pianist Fil Liotis im gediegenen Zeugheersaal des Hotels Schweizerhof mit pulsierenden Tänzen von Bernstein, Brahms, Hatzidakis und Schumann seinen eigenen Worten zufolge gegen die problembelastete Weltlage an. Der französische Starcembalist Jean Rondeau verbindet im Programm „Sisyphus“ im KKL seine experimentellen Improvisationen mit einer Lightshow der portugiesischen Künstlergruppe „Ocubo“. Der poetische Film von William Kentridge zu Luigi Dallapiccolas „Quaderno musicale di Annalibera“ (Klavier: Mirabelle Kajenjeri) erlebt beim Abschlusskonzert seine Uraufführung. Und die von Argerich entdeckte 13-jährige Pianistin Martina Meola begeistert durch eine reife Interpretation von Chopins Ballade Nr. 1 in g-Moll. Natürlich aber steht auch beim Abschlusskonzert wieder Martha Argerich im Mittelpunkt: in Beethovens 2. Klavierkonzert mit dem Luzerner Sinfonieorchester, in dem Argerich vor Spiellaune nur so sprüht. Oder in Claude Debussys „Petite Suite“ mit der für den erkrankten Christoph Eschenbach eingesprungenen Akana Sakai. Argerich pur gibt es dann noch in der Zugabe: Domenico Scarlattis Sonate in d-Moll K 141 mit einer Tremolotechnik vom anderen Stern. Und einer schwebenden Leichtigkeit, die das Publikum zunächst staunen lässt. Und nach dem letzten Ton zu Beifallsstürmen und stehenden Ovationen animiert.


Bild: Jean Rondeau Fotos: Luzerner Sinfonieorchester © Philipp Schmidli

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Georg Rudiger