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Aus dem grausamen, blindgeweinten 20. Jahrhundert

Zunehmend verdrängt eine Erinnerungspolitik, die mit ritualisierten Formeln auf die Tränendrüse drückt, ein kritisches Geschichtsbewusstsein, das die europaweite Gewaltausübung

Aus dem grausamen, blindgeweinten 20. Jahrhundert

Zunehmend verdrängt eine Erinnerungspolitik, die mit ritualisierten Formeln auf die Tränendrüse drückt, ein kritisches Geschichtsbewusstsein, das die europaweite Gewaltausübung in der NS-Zeit und im Zweiten Weltkrieg tatsächlich untersucht. Das zeigt sich oftmals, wenn an die Verschleppung der jüdischen Bevölkerung aus Südwestdeutschland am 22./23. Oktober 1940 erinnert wird, an die „Wagner-Bürckel-Aktion“, die in rund zweihundert Städten und Gemeinden auf der rechten Rheinseite – laut offizieller Meldung – „fast unbemerkt von der Bevölkerung“ vonstatten ging. Ausgeblendet bleibt, dass diese „Aktion“ mit der Annexion von Elsass-Lothringen beginnt und die NS-Führer der Provinz nach dem Waffenstillstand mit Frankreich (22.6.1940) sofort ihr Projekt eines „judenfreien“ Gau-Oberrhein starteten. Sie vertreiben „volks- und rassefremde Elemente“ und beschlagnahmen Vermögen unter Leitung von Gauleiter Robert Wagner, dem Wehrmacht, Gestapo sowie zahlreiche Personen aus dem Deutschen Reich zur Seite stehen. Unmittelbar präsent war die Gewalt mehrerer Polizeibataillone und Einsatzkommandos, die teils später an der „Oktoberdeportation“ mitwirken, für die zudem die Kontrolle über die Bahnstrecken der SNCF bedeutsam war.

Teil I

Nach Frankreichs Kapitulation im 2. Weltkrieg trat am 22. Juni 1940 der Deutsch-Französische Waffenstillstand in Kraft, er sah keine territorialen Veränderungen vor. Gleichwohl kam es ab Mitte Juni 1940 zur Annexion der drei französischen Départements Bas-Rhin, Haut-Rhin (Elsass) und Moselle (Lothringen). Die Gauleiter Wagner und Bürckel werden zunächst vom Oberkommando des Heeres (OKH) zu Chefs der Zivilverwaltung (CdZ) ernannt sowie am 2. 8. 1940 per Führererlass. Zahlreiche Beamte aller Ressorts und Parteifunktionäre folgen, rund 4.500 im ersten Jahr (Muschalek, 449). Das Land wird in sechs Zonen zerstückelt; die Annexionsgebiete werden nun vom Deutschen Reich her „aufgerollt“ (so der NS-Jargon) und fungieren bald als Drehscheibe für die „Oktoberdeportation“.

Vertreibung Unerwünschter – Ausschreitungen und Übergriffe

Die NS-Annexion in Elsass-Lothringen vollzog sich seit Juni 1940 u.a. durch die „Säuberung von volks- und rassefremden Elementen“, d.h. der Vertreibung von „Juden, Zigeunern, Rotspaniern, Innerfranzosen, Homosexuellen …“ (Kettenacker, 158, Muschalek, 511) und der Konfiszierung ihres Besitzes; mit Erlass vom 13.7.1940 wird ein „Generalbevollmächtigter für volks- und reichsfeindliche Vermögen“ aktiv. Unter dem Schlagwort „Heim ins Reich“ und „Volk ohne Raum“ setzt die NS-Diktatur nun ihre „Volkstumspolitik“ in Westeuropa fort, die sie mit den „Nürnberger Gesetze“ (1935) sowie stetigen Gebietseroberungen (Österreich, Sudetenland, Polen) begonnen hat.
Sogleich in den ersten Tagen kam es zu antisemitischen Übergriffen, u.a. in Mulhouse, davon berichtet etwa Simon Schwarzfuchs („Le 15 juillet 1940“; ww.judaisme.sdv.fr/histoire), die Synagoge wird verwüstet, danach der Ausweisungsbefehl. Für Colmar hat Léon Strauss festgehalten, wie die jüdische Bevölkerung am 16. Juli zur Polizei beordert wird und danach auf Lastwagen zur Demarkationslinie gefahren. Kurz danach sei Gestapo aus Freiburg im Bürgermeisteramt Colmar aufgetreten; sie verfügte über eine Liste von freigewordenen Wohnungen und transportierte Mobiliar ab. In kleineren Gemeinden, etwa im Sundgau, gingen deutsche Soldaten von Haus zu Haus, um Juden ins Rathaus vorzuladen; man ließ ihnen eine Stunde Zeit zum Packen; dann auf Lastwagen nach Altkirch gebracht, müssen sie die Nacht in einer Kaserne verbringen; am nächsten Tag treibt man sie in Dôle (Dreyfus, 372ff.) über die Demarkationslinie, wo es zu erschütternden Szenen kommt. In Straßburg nahmen SS-Kommandos Hausdurchsuchungen vor, beschlagnahmten über 400 Wohnungen sowie Anwesen in den umliegenden Dörfern und Städten (P.T. Haase, 307ff.). Unter den Betroffenen ist der Rabbiner René Hirschler (ww.judaisme-alsalor.fr). Am 15. August verkündet R. Wagner in den „Neuesten Straßburger Nachrichten“: „Elsass ist judenrein“.
Allein bis Ende des Jahres 1940 waren rund 105.000 Personen aus dem Elsass vertrieben, darunter etwa 22.000 elsässische Juden. Nun versuchten diese, sich im Süden Frankreichs niederzulassen oder zu emigrieren. Oft scheiterten sie und wurden ab 1942, ebenso wie ihre Leidensgenossen aus Südwestdeutschland, in die NS-Mordlager Osteuropas deportiert.

Straßburger Neueste Nachrichten (17. Juli 1940) + Der Alemanne (21.Oktober 1940) Abbildungen Copyright: Cornelia Frenkel

Gewaltiger Repressionsapparat und Zwangslager

Unmittelbar setzten die Nazis im Elsass einen Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD (BdS) ein; hinzu kommt der Höhere SS und Polizeiführer (HSSPF) des Wehrkreises V in Stuttgart (Oberst Winkler). Repressionsaufgaben übernimmt in Stadt und Land die Ordnungspolizei. Zusätzlich zu den Einsatzkommandos I und II der Einsatzgruppe III der SiPo und des SD rückten „im ersten Jahr auch drei Polizei-Bataillone“ ein (Muschalek, 510). Die „Säuberung“ wird maßgeblich von den „Abholkommandos“ des BdS durchgeführt, unterstützt von der „regulären“ Polizei. SS-Oberführer Gustav-Adolf Scheel, Befehlshaber der Sipo-SD, veranlasste am 2. Juli 1940 die Einrichtung von Durchgangs- und Konzentrationslager, darunter Schirmeck-Vorbruck, Tausende werden hier interniert, „germanisiert“, abgeschoben. In den „Straßburger Neuesten Nachrichten“, die seit 8. Juli auf Deutsch erschienen, verkündet Robert Wagner am 17.7., er habe alle Verwaltungen im Griff und lobt das Tempo der Deutschen Reichsbahn (DRB), die den Anschluss der SNCF an das Reichsnetz fertiggestellt habe.

Proteste und Widerstand

Die NS-Funktionäre respektierten kein Waffenstillstands-Abkommen, weder in Paris, noch in Straßburg; Frankreich protestierte mehrfach bereits 1940, etwa gegen: „Die Amtsenthebung französischer Beamter wie Präfekten, Unterpräfekten und Bürgermeister; die Vertreibung des Bischofs von Metz und die Weigerung, den Bischof von Straßburg wieder einreisen zu lassen; den Zusammenschluss des Elsaß mit Baden und Lothringens mit der Saarpfalz; die Grenzverschiebung und Einführung der deutschen Verwaltung; die Eingliederung von Post und Eisenbahn in das deutsche System (…) die Einführung der Rassen-Gesetzgebung und damit die Austreibung der Juden und die Verweigerung der Rückkehr von Juden und die Beschlagnahme ihres Vermögens.“ Der Protest der Waffenstillstands-Kommission blieb anfangs ebenso erfolglos wie der Widerstand in der Bevölkerung; im Juli 1941 endet in Hochfelden eine oppositionelle Demonstration mit der Einweisung von über hundert Personen in das Arbeits-Erziehungslager Schirmeck; zerschlagen wird die Widerstandsgruppe „Schwarze Hand“. Als im Sommer 1942 die Zwangsrekrutierung für die deutsche Wehrmacht und Waffen-SS beginnt, enden Verweigerungen und Fluchtversuche mit Erschießung, Todesurteil, Sippenhaft.

Memorbücher aus dem Elsass

Viele Israeliten hatten sich seit Ende des 18. Jahrhunderts im Elsass angesiedelt, wo sie früher als anderswo Bürgerrechte erhielten; bis 1914 entstanden zwischen Vogesen und Rhein etwa 175 Synagogen. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es zudem Einwanderung aus Zentral- und Ost-Europa sowie NS-Deutschland. Zwei Recherchen unterrichten über die NS-Zeit und geben den Verfolgten ihre Namen und Gesichter zurück. Für das Unter-Elsass hat René Gutman (Oberrabbiner Straßburg) das „Mémorial de la Déportation et de la Résistance des Juifs du Bas-Rhin“ erstellt. Die verzeichneten Personen stammten aus Straßburg sowie aus über hundert Gemeinden der Region, darunter Bouxwiller, Haguenau, Obernai, Niederbronn, Villé, Wasselonne oder Wissembourg. Für den Haut-Rhin (Ober-Elsass) haben Jacky Dreyfus (Oberrabbiner Colmar) und Daniel Fuks das „Mémorial des Juifs du Haut-Rhin“ erstellt; es nennt rund 1200 Namen von Kindern, Frauen und Männern, die in 65 Kommunen lebten, in Colmar, Mulhouse, Biesheim, Guebwiller, Soultz, Rosheim, Thann u.a. Orten. Mit über hundert Photographien und fünfzig Zeitzeugenberichten verdeutlicht das Buch Biographien, wobei sich viele Familien-Verbindungen zwischen den französischen und deutschen Rheingebieten zeigen. Zahlreiche Verfolgte sind in der französischen Zivilgesellschaft gerettet worden und kamen nach 1945 zurück, sodass im Elsass und in Frankreich heute die größten jüdischen Gemeinden Europas leben, während das ehemalige jüdische Leben auf der deutschen Rheinseite quasi ausgelöscht blieb.

Zentrale Recherchen

  • Curilla, Wolfgang. Die deutsche Ordnungspolizei im westlichen Europa. Verlag Schoeningh 2020
  • Dreyfus, Jean-Marc. Elsass-Lothringen. In: Wolf Gruner, Jörg Osterloh (Hg.). “Das Großdeutsche Reich und die Juden”. Nationalsozialistische Verfolgung in den angegliederten Gebieten. Fritz Bauer Institut 2010
  • Haase, Philipp T. Gustav A. Scheel. Studentenführer, Gauleiter, Verschwörer. In: THT. W. Proske (Hg.). Bd.8.2018
  • Herbert, Ulrich. Die deutsche Militärverwaltung in Paris und die Deportation der französischen Juden. In: Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945. Ffm 2001
  • Jäckel, Eberhard. Frankreich in Hitlers Europa. Stuttgart 1966. S. 75ff.
  • Kettenacker, Lothar. Nationalsozialistische Volkstumspolitik im Elsass. DVA 1973
  • Krimm, Konrad (Hg.). NS-Kulturpolitik und Gesellschaft am Oberrhein 1940-1945. J. Thorbecke 2013
  • Mix, Andreas. Die Verschleppung nach Gurs in der nationalsozialistischen „Judenpolitik“ und Deportationspraxis. In: Die Tat im Bild. Topographie des Terrors u.a. (Hg.). Metropol Verlag. 2025. S.15ff.
  • Muschalek, Marie. Die Zivilverwaltung im Elsass 1940-1944. In: F. Engehausen / S. Paletschek / W. Pyta (Hg.), Die badischen und württembergischen Landesministerien in der Zeit des Nationalsozialismus. Bd. II. S.435-538. Stuttgart 2019
  • Stiller, Alexa. Völkische Politik. Praktiken der Exklusion und Inklusion in polnischen, französischen und slowenischen Annexionsgebieten 1939-1945. 2 Bände. Wallstein Verlag 2022
  • Syré, Ludger. Der Führer vom Oberrhein. Robert Wagner, Gauleiter, Reichsstatthalter in Baden und Chef der Zivilverwaltung im Elsaß. In: Kißener/Scholtysek (Hg.).
    Die Führer der Provinz: NS-Biographien aus Baden und Württemberg. 1997

Berichte und Memorbücher

  • Bopp, Marie-Joseph. Histoire de l‘Alsace sous l‘occupation allemande: 1940 – 1945. Introduction et commentaires de Gabriel Braeuner. Éd. Place Stanislas. 2011
  • Dreyfus, Jacky/Fuks, Daniel. Le Mémorial des Juifs du Haut-Rhin. Martyrs de la Shoah. • Préface Serge Klarsfeld. Avant-propos de Simone Veil. Jérôme Do Bentzinger Éd. Colmar 2006
  • Gutman, René. Le Memorbuch. Mémorial de la déportation et de la résistance des juifs du bas-rhin. Éd. la Nuée bleue. Strasbourg 2005
  • Hirschler, Alain. Avant, pendant. La famille Hirschler après la Shoah. Éd. Caractères. Paris 2024
  • Kaspi, André. Les juifs pendant l’occupation. Éd. Du Seuil 1991
  • Strauss, Léon. Exil, exclusion, extermination. In: Saisons d’Alsace. No.121. Automne 1993
  • Schwarzfuchs, Simon. Le 15 juillet 1940. La dernière expulsion des Juifs d’Alsace. www.judaisme.sdv.fr/histoire
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Cornelia Frenkel