Kriegsspuren im Erdzeitalter: Simone Müller spricht über militärische Altlasten und das Anthropozän im Theater Freiburg
Wie tief militärische Aktivitäten bis heute in Umwelt, Landschaften und Körper eingeschrieben sind, steht im Zentrum eines Vortragsabends im
Wie tief militärische Aktivitäten bis heute in Umwelt, Landschaften und Körper eingeschrieben sind, steht im Zentrum eines Vortragsabends im Theater Freiburg. Unter dem Titel „Historischer Fallout – Zur Militärgeschichte des Anthropozäns“ ist am 29. Januar, 17.30 Uhr die Augsburger Umwelthistorikerin Simone Müller im Kleinen Haus zu Gast. Die Veranstaltung ist Teil der Reihe „Über Leben im Anthropozän“, die sich mit den politischen, ökologischen und kulturellen Dimensionen des menschengemachten Erdzeitalters auseinandersetzt und von der Katholischen Akademie Freiburg organisiert wird.
Das Anthropozän bezeichnet jenes Erdzeitalter, in dem der Mensch zu einem bestimmenden geologischen Faktor geworden ist, mit tiefgreifenden Folgen für Klima, Landschaften, Stoffkreisläufe und Lebensräume. Meist wird dabei über Industrialisierung, fossile Energien oder Konsum gesprochen. Weniger sichtbar, aber nicht minder prägend, sind Kriege und militärische Strukturen. Militärische Aktivitäten haben Landschaften umgeformt, Böden und Gewässer kontaminiert, Infrastrukturen geschaffen und zerstört, technologische Entwicklungen beschleunigt und globale Stoffströme in Gang gesetzt. Kriege wirken dabei weit über das eigentliche Kampfgeschehen hinaus. Er prägt unser Leben in Form von Altlasten, Munition, zerstörten Ökosystemen und gesellschaftlichen Traumata, die sich über Generationen fortschreiben. Er beeinflusst Stoffkreisläufe von Metallen über Treibstoffe bis hin zu radioaktiven Materialien.
Zugleich prägen militärische Logiken unsere Gegenwart bis heute. Sicherheit, Abschreckung und Kontrolle strukturieren globale Machtverhältnisse ebenso wie den Umgang mit Ressourcen und Umwelt. Im Kontext des Anthropozäns wird deutlich, dass Krieg nicht nur ein gesellschaftliches oder historisches Ereignis ist, sondern ein ökologischer Faktor, der planetare Spuren hinterlässt. Das Nachdenken über das Anthropozän ist deshalb untrennbar mit der Frage verbunden, wie Gewalt, Technik und Macht unsere Beziehung zur Erde formen und welche Verantwortung daraus für eine zukünftige, friedlichere Gestaltung der Welt erwächst.
In ihren Forschungen zeigt Simone Müller eindrücklich, warum Krieg und das, was von ihm bleibt, für das Verständnis des Anthropozäns von zentraler Bedeutung sind. Militärische Aktivitäten, so ihre These, verändern den Planeten nicht nur kurzfristig, sondern fundamental und dauerhaft. Durch zerstörte Landschaften, kontaminierte Böden, radioaktive Altlasten und globale Stoffkreisläufe, die weit über die eigentlichen Konflikte hinausreichen, nehmen wir einfluss auf das Abbild unseres Planeten. Ein angemessenes Verständnis des Anthropozäns, so Müller, sei daher ohne die Einbeziehung militärischer Akteure und ihrer Praktiken kaum denkbar.
Simone Müller ist Umwelt- und Globalhistorikerin und arbeitet an der Schnittstelle von Umweltgeschichte, Globalisierungsforschung und den Environmental Humanities. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit den vielschichtigen Verflechtungen von Ökologie und Ökonomie im Zeitalter des Anthropozäns, von asphaltierten Straßen als Infrastrukturen moderner Gesellschaften über den internationalen Handel mit gefährlichen Abfällen bis hin zu Feuchtgebieten als nicht-binären Erfahrungsräumen und Vertikalität als umwelthistorischem Konzept.
Der Vortrag ist bewusst so terminiert, dass er inhaltlich auf das anschließende Musiktheater „Doctor Atomic“ von John Adams und Peter Sellars um 19:30 Uhr verweist, das sich mit der Entwicklung der Atombombe und den ethischen Konflikten der beteiligten Wissenschaftler beschäftigt. Nach der Aufführung besteht zudem die Möglichkeit zu einem gemeinsamen Gespräch mit Simone Müller und dem Team des Theaters Freiburg, um die historischen, politischen und künstlerischen Perspektiven miteinander zu verknüpfen.
Die Veranstaltung findet im Rahmen der Reihe „Über Leben im Anthropozän“ der Katholischen Akademie Freiburg statt, in Kooperation mit der Günther-Anders-Forschungsstelle, dem Studium generale der Universität Freiburg und dem Theater Freiburg. Ein Abend, der Wissenschaft, Kunst und gesellschaftliche Verantwortung miteinander verbindet und das Anthropozän aus einer Perspektive beleuchtet, die oft ausgeblendet wird, obwohl sie den Planeten bis heute prägt.
Der Eintritt zum Vortrag ist frei. Ein Livestream ist am Veranstaltungstag über die Homepage der Katholischen Akademie abrufbar.
Weitere Infos: katholische-akademie-freiburg.de
Bild: Krieg prägt unseren Planeten langfristig; Copyright: Ahmed akacha/pexels


