Kunst

Immer wieder der Mensch: Artist’s Choice in der Galerie Claeys: Helga Marten und Stephan Balkenhol

eit einigen Jahren male sie in einem „wilden Altersstil“, sagt Helga Marten. Etwa 2020 ihren Mann Rainer Marten. In

Immer wieder der Mensch: Artist’s Choice in der Galerie Claeys: Helga Marten und Stephan Balkenhol

eit einigen Jahren male sie in einem „wilden Altersstil“, sagt Helga Marten. Etwa 2020 ihren Mann Rainer Marten. In ihrem gleichnamigen Bild dominiert die Linie wie bei einer Zeichnung. Der Oberkörper füllt fast das ganze Querformat, der Hut ist durch die Leinwand abgeschnitten, vermutlich ist die Kleidung förmlich. Doch Helga Marten hat hier nichts ausgemalt, auf einer hellen Grundierung, der Rosa zugemischt ist, wirken die Pinselstriche dynamisch, oft sind es noch nicht einmal Linien, kleine keilartige Ausläufer eher. Mit 94 Jahren kann durch das Nachlassen der Kräfte auch so etwas wie Freiheit entstehen. Ihr Kunststudium, das sie in München begann, setzte sie später in Freiburg nach der Heirat mit dem Philosophen Rainer Marten fort. Das Malen muss für sie eine große Selbstverständlichkeit und Notwendigkeit haben, immer schon, erst recht mit den Jahren.
Für ihre aktuelle Ausstellung in der Reihe „Artist’s Choice“ der Galerie Claeys hat sie sich Stephan Balkenhol, früher Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, als eine Art Sparringpartner ausgesucht. Die Wahl ist prominent, aber auch fast ein bisschen konventionell, denn Balkenhols Figuren mit den wiederkehrenden Zügen, die immer wie ein junges Alter Ego des Bildhauers wirken, bieten kaum Überraschungen. Obgleich man die Kombination zu verstehen glaubt, denn nicht nur sind die Skulpturen farblich gefasst, oft scheint zwischen Pinsel und Bildhauerwerkzeug bei der Gestaltung des menschlichen Antlitzes eine Verbundenheit zu herrschen. Zumal in Freiburg nun auch Reliefs zu sehen sind, die Balkenhol aus dem Holz herausgearbeitet hat, teilweise unterlegt durch großformatige Prints. Und ein Rätsel stellt er doch: „Civis, Parlamentum“ heißt die Männerfigur, die wie üblich aus einem Holzblock herausgearbeitet ist. Und dieser ruht auf drei weiteren massiven Holzscheiben. Sind sie ein Sockel für diesen Staatsbürger, für diese Abwandlung eines Herrscherdenkmal und kann ein Staatsbürger allein ein Parlament formen?
Mit der Wahl von Stephan Balkenhol ging einher, sich bei dieser Ausstellung auf die Stillleben und vor allem die Porträts von Helga Marten zu konzentrieren. Über die Jahrzehnte ihres Schaffens hat sich ihr Stil gewandelt, Marten hat sich die Kunstgeschichte angeeignet und daraus ihre eigenen malerischen Schlüsse gezogen. Bei manchen ihrer Frauendarstellungen muss man an Paula Modersohn-Becker denken, während die Flächigkeit und die Freude am Ornamentalen an Matisse erinnert. Ihre Frauendarstellungen drängen sich nicht auf, meist schauen die Porträtierten an den Betrachtenden vorbei. Nicht selten nehmen sie die klassische Denkerposition ein, die Hand schmiegt sich an das Kinn. Diese Frauen sind so sehr bei sich, dass es nicht überrascht, dass eine Zwiesprache mit einem paradiesbunten Vogel möglich ist, der sich auf ihrer Schulter niedergelassen hat und sich füttern lässt. Das leuchtend grünes Oberteil der Frau ist ähnlich gemalt wie das Federkleid des Vogels, man sieht die Pinselstriche und die Schattierungen, wodurch eine Verwandtschaft zwischen dieser Frau und dem Vogel entsteht. Auf den Armen, dem Hals, selbst auf Lippen und Lidern schwingt dieses Grün noch mit, das sich vom dunklen Hintergrund den braunen langen Haaren abhebt. Zehn Jahre früher, 1968 ist das „Essensstillleben“ entstanden, das das Genre geradezu ausreizt. Auf einem Tischtuch hat Helga Marten ein Weinglas, eine Zitrone und eine Zuckerdose platziert. Das ganze Arrangement wirkt als könnte es aus dem Bild rutschen, zudem nicht einmal alle Gegenstände klar erkennbar sind noch ergibt ihre Zusammenstellung Sinn: es ist ein schönes Beispiel für die Fähigkeit der Malerei, die Wirklichkeit in Frage zu stellen.

Helga Marten und Stephan Balkenhol. Galerie Claeys, Kirchstr. 37, Freiburg. Do, Fr 15-18 Uhr, Sa 11-13 Uhr. Bis 24.01.26.

Bild: Blick in die Ausstellung © B. Strauss

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Annette Hoffmann