Wo Konzerte immer Erster Klasse sind: Zu Besuch im Gare du Nord in Basel
Hektisches Treiben beginnt, als der RE 7 am 29.4. in den Basel Bad Bf einfährt. Während die Bremsen quietschen,
Hektisches Treiben beginnt, als der RE 7 am 29.4. in den Basel Bad Bf einfährt. Während die Bremsen quietschen, macht sich der Großteil des Abteils bereit zum Aussteigen, denn bis hierhin bleibt man im DB-Gebiet – günstig und unbürokratisch mit dem Deutschlandticket von Freiburg aus erreichbar. Die deutsche Enklave auf Schweizer Staatsgebiet wurde von Karl Moser im Jugendstil entworfen und 1913 fertiggestellt. Im „deutschen“ Bahnhof findet man den Basler Produktions- und Aufführungsort für die Schweizer und internationale zeitgenössische Musikszene: Gare du Nord.
2002 begann der Gare du Nord mit dem Untertitel „Bahnhof für Neue Musik“ – der 2022 aus dem Namen gestrichen wurde – „Der Begriff ist eingrenzend, wir spielen ja nicht nur das, was man unter ‚Neue Musik‘ versteht“, erklärt die Co-Leiterin und Geschäftsführerin Johanna Schweizer. Das Programm ist sehr vielfältig, von zeitgenössischer Kammermusik über elektronische Musik bis hin zu interdisziplinären performativen Formaten. „Bei uns gibt es Konzerte und Produktionen, die für andere Orte vielleicht zu experimentell wären. Wir sind ein Hub und ein Kreationsort für die freie Szene.“
Speziell sind auch die Räumlichkeiten, in denen sich Gare du Nord befindet. Man muss das Bahnhofsgebäude nicht verlassen, sondern betritt den Aufführungsort über die dazugehörige Bar du Nord. Der Eintritt hat etwas Zeitreise-artiges. Hohe Decken mit Stuck, elegant gewähltes Interior und von der offenen Terrassentür hört man den Springbrunnen plätschern. „Als der Bahnhof eröffnet hat, waren die Räumlichkeiten das Bahnhofsbuffet“, erläutert Ursula Freiburghaus, Co-Leiterin und verantwortlich für Kooperationen, von denen Gare du Nord einige im Programm hat. Die heutige Bar war der Speiseraum für die zweite Klasse, der Konzertsaal jener für die erste. „Der Konzertsaal ist dann schon auf Schweizer Seite, die Bar noch auf deutscher“, fügt Freiburghaus mit einem Schmunzeln an. Der kleine Saal, der heute Sitzungszimmer und Künstler:innengarderobe ist, war für die ganz wichtigen Reisenden reserviert.
Der Kooperationen gibt es zwar viele, jedoch gingen alle vorher über den Tisch des künstlerischen Leiters, Andreas Eduardo Frank. „Es muss schon zu unserem Programm passen“, so Freiburghaus. Eine eigene, zweijährige Reihe hat der Gare du Nord dieses Jahr begonnen mit „Sonic Boom“. „Das ist ein Nachwuchsformat, das bis Ende 2027 läuft. Wir wollen damit Leute vernetzen.“ Zudem sei es ein Gesamtpaket: begleitet vom hauseigenen Diskursformat und Mentoring-Programm bietet der Gare du Nord mit dieser Reihe eine Plattform für kreative Begegnungen und zum Abschluss ein „Mini-mini Festival“. Die Künstler:innen selbst bekommen je zwei Abende, in denen sie den Konzertsaal bespielen können.
Für das 25-jährige Jubiläum nächstes Jahr laufen die Planungen noch, doch ein Auftritt der Hamburger [in]operabilities steht bereits fest. „Das wird ein Abend mit und für Menschen mit Hörbeeinträchtigung. Der ganze Abend soll inklusiv sein“, so Florence Osthoff, die sich um die Kommunikation und die Vermittlung kümmert und über ein halbjähriges Praktikum an den Gare gekommen ist. Die Mitarbeiter:innen fesselt dieser Ort offenbar auch, Schweizer ist seit 20, Freiburghaus seit 18 Jahren dabei. „Obwohl ich damals sehr skeptisch war, so als Selbstständige konnte ich mir das eigentlich nicht vorstellen“, erinnert sich Freiburghaus mit einem lächelnden Kopfschütteln. Aktuell ist wieder eine Praktikumsstelle ausgeschrieben. „Und wir nehmen gerne auch Freiburger:innen“, sagt Schweizer augenzwinkernd. Freiburghaus ergänzt: „Wir sind sehr flexibel, die Arbeit soll sich den Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Sie soll lebensfreundlich sein.“ Ähnliches gilt für den Eintrittspreis beim Gare du Nord, der frei wählbar ist: CHF 35/25/15.
Nach dem Gespräch geht es noch ins Konzert. Aya Metawalli (Stimme), Magda Mayas (Klavier) und Julian Sartorius (Perkussion) spielen im Rahmen der „Sonic Boom“-Reihe. Eher dunkel und in schummriges Licht ist der Konzertsaal getaucht, die Rauchmaschine gibt dem warmen Raum etwas Stickiges, sowohl Ätherisches wie Dämonisches. Das passt gut zur Inspiration für den Abend, der koranischen Beschreibung des Teufels als „The Whisperer, The Cunning“. Als Séance der Suggestion angekündigt hat die Performance tatsächlich einen Trip-Charakter. Der Perkussionist schmeißt Instrumente auf den Boden und als einer Zuschauerin ihr Handy hinfällt, wirkt es, als sei dies integraler Bestandteil des Stücks – als könnte kein Zufall diese stickige Luft und fiebertraumartige Musik durchdringen.
Am Ende des Stücks halten die Musiker:innen die Spannung, ohne Mimik sitzen sie und starren ungerichtet ins Publikum. Ein Zuschauer beginnt zu klatschen, doch seine Affektentladung ist voreilig. Die Anspannung hält noch etwas, dann klatschen alle und wie aus einem Traum wachen auch die Künstler:innen auf und beginnen zu lächeln. „Puh, einfach großartig. Aber jetzt muss ich sofort an die frische Luft“, sagt eine Zuschauerin zu ihrer Begleitung. Nur ein paar Schritte aus der Tür getreten wartet schon mit summenden Lüftern der Zug auf Gleis 5 für die Rückfahrt nach Freiburg.
Weitere Infos: www.garedunord.ch
Foto: Aya Metwalli © Marcia Kempf





