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Die unsichtbaren Musiker: Wer verliert, wenn alles generierbar wird?

Musik war einmal ein Versprechen auf Begegnung, sie erzählt eine Haltung und eine Geschichte. In den Playlists von heute

Die unsichtbaren Musiker: Wer verliert, wenn alles generierbar wird?

Musik war einmal ein Versprechen auf Begegnung, sie erzählt eine Haltung und eine Geschichte. In den Playlists von heute verschwindet dieses Versprechen zunehmend. Stattdessen tauchen Songs auf, deren Herkunft im Dunkeln bleibt. Wer heute durch automatisch generierte Spotify-Playlists scrollt, begegnet immer häufiger Namen, die nichts erzählen. Künstler wie Sienna Rose, The Velvet Sundown, Join Hiddleston oder AntonioVivald existieren nur als Datensätze, produziert von Algorithmen, ausgespielt von Plattformen, konsumiert von Millionen. Künstlich erzeugte Musik ist längst kein experimentelles Randphänomen mehr, sondern fester Bestandteil der Streamingökonomie. Und sie wirft eine Frage auf, die weit über Technikbegeisterung hinausgeht. Was passiert mit Musik, wenn ihre Urheber verschwinden?

Hits aus dem Algorithmus
Spätestens seit KI-generierte Songs, wie „Verknallt in einen Talahon“ von Butterbro via Udio, es in die deutschen Charts geschafft haben, ist klar, dass es hier nicht mehr um Spielereien geht. Musik-KIs wie Suno oder Udio ermöglichen es, mit wenigen Klicks Songs zu erzeugen, die gängigen Hörgewohnheiten perfekt entsprechen. Gerade in Genres wie Lo-Fi, Ambient oder generischem Pop verschwimmen die Grenzen zwischen menschlicher und maschineller Produktion nahezu vollständig.
Streamingplattformen wie Spotify profitieren von dieser Entwicklung. KI-Musik ist billig, unbegrenzt skalierbar und perfekt an algorithmische Logiken anpassbar. Recherchen zeigen, dass sogenannte „Perfect Fit Content“-Programme gezielt Musik in Playlists platzieren, die keine teuren Lizenzzahlungen erfordern. Musik wird hier nicht mehr als Ausdruck verstanden, sondern als Füllmaterial. Ob hinter einem Song ein Mensch mit Erfahrungen, Biografie und künstlerischer Intention steht, ist für das System zweitrangig. Zudem können 97 Prozent der Hörer:innen KI-Musik nicht von menschlich produzierter unterscheiden, wie eine große Deezer-Ipsos-Studie zeigt.

Vom Song zur Ware
Für Musiker:innen, insbesondere jene jenseits der Superstars, hat das konkrete Folgen. Der ohnehin fragile „Long Tail“ der Streaminglandschaft gerät weiter unter Druck. Ein wachsendes Problem ist nicht nur die bloße Präsenz von KI-Tracks, sondern deren Quantität, Unsichtbarkeit und wirtschaftliche Wirkung. Auf Plattformen wie Deezer werden täglich Zehntausende vollständig KI-generierte Stücke hochgeladen. Im Herbst 2025 waren es nach eigenen Angaben der Plattform bereits rund 50.000 pro Tag. Wenn tausende KI-Songs täglich hochgeladen werden, konkurrieren sie um dieselben algorithmischen Plätze wie reale Künstler:innen, deren Einkommen oft ohnehin kaum existenzsichernd ist. Ein Bericht der Musik-Rechte-Organisation APRA AMCOS warnt, dass bis 2028 rund 23 Prozent der Einnahmen von Musikschaffenden durch generative KI gefährdet sein könnten, weil bestehende Vergütungsmodelle keine klare Kompensation für KI-Tracks vorsehen und KI-Musik vielfach nicht an menschliche Urheber rückvergütet wird.
Parallel dazu bleibt die Vergütung für viele Künstler:innen gering. Spotify zahlte im Jahr 2023 nach eigenen Angaben durchschnittlich zwischen 0,003 und 0,005 US-Dollar pro Stream aus. Um auf ein monatliches Einkommen von 1.000 US-Dollar zu kommen, wären damit mehrere hunderttausend Streams erforderlich. Diese Zahlen werden regelmäßig von Branchenanalysen bestätigt und im Kontext von Kritik am Streamingmodell diskutiert. Das zugrunde liegende Vergütungssystem verstärkt diese Ungleichheit. Die meisten großen Plattformen arbeiten mit dem sogenannten Pro-rata-Modell. Dabei werden alle Einnahmen eines Zeitraums gesammelt und proportional zur Gesamtzahl der Streams verteilt. Ein Großteil der Einnahmen fließt dadurch an wenige sehr erfolgreiche Acts, während ein breites Mittelfeld kaum relevante Erlöse erzielt.
Doch es geht um mehr als ökonomische Verdrängung. Mit der Flut an KI-Musik verändert sich auch unser Verhältnis zur Idee von Kunst. Musik war immer eingebettet in soziale Kontexte, in Szenen, Orte, politische Haltungen, Biografien. Sie erzählte von Erfahrungen, Konflikten, Zugehörigkeiten. KI-generierte Musik hingegen kennt keine Verletzlichkeit, kein persönliches Risiko, keine Verantwortung. Sie reagiert auf Trends, nicht auf die Welt, die uns umgibt. Wenn solche Produktionen dominieren, droht Musik zu einem entleerten Konsumgut zu werden.

Wenn Musik zum Werkzeug politischer Agitation wird
Besonders problematisch wird diese Dynamik dort, wo KI gezielt für politische Agitation genutzt wird. Rechte KI-Songs zeigen, wie leicht sich Musik als emotionales Vehikel instrumentalisieren lässt. Provokation, Wut und Ressentiments sorgen für Klicks und somit für Reichweite. Lieder wie „Deutschland was ist nur passiert“ vom Künstler Jjy_East_Side polarisieren mit Texten wie „Oh liebes Deutschland, was ist nur passiert? Der Staat kassiert die Steuern, hat dein Geld halbiert“. Weitere Songtitel des Künstlers beschäftigen sich mit Migration und der Sorge vor Überfremdung. Profile wie Partypatrioten, Dobermanncloe oder Traditionshüter sammeln auf einzelne Songs und Clips Hunderttausende Klicks. Die Funktionslogik der Plattformen verstärkt diese Dynamik. Inhalte, die starke emotionale Reaktionen auslösen, werden häufiger ausgespielt. Algorithmen bewerten Interaktion, nicht Kontext oder gesellschaftliche Einordnung. Polarisierende Inhalte erhalten dadurch strukturelle Vorteile gegenüber differenzierten Positionen. Plattformen reagieren oft zögerlich, solange formale Richtlinien nicht eindeutig verletzt werden. Dass sie dabei von der Interaktion profitieren, ist kein Zufall, sondern Teil des Geschäftsmodells.
Die ökonomische Dynamik ist zusätzlich eingebettet in größere kapitalistische Strukturen. Der Mitgründer und CEO von Spotify, Daniel Ek, investierte über seine Beteiligungsgesellschaft mehrere hundert Millionen Euro in das Unternehmen Helsing. Helsing entwickelt KI-basierte Software für militärische Anwendungen, darunter Systeme zur Analyse von Gefechtsdaten und zur Unterstützung militärischer Entscheidungsprozesse. Die Verbindung zwischen Musikplattform und Rüstungsindustrie verdeutlicht eine Verschiebung der Funktion von Streamingdiensten. Einnahmen aus kultureller Nutzung werden Teil globaler Investitionsströme, die in sicherheits- und verteidigungspolitische Bereiche fließen. Für Nutzer:innen bleibt diese Verknüpfung im Alltag meist unsichtbar.

Musik als greifbares Objekt in einer zunehmend entmaterialisierten Kultur © Yelena from Pexels/pexels

Zwischen Algorithmus und Aufmerksamkeit
Kritik an diesen Strukturen kommt zunehmend aus der Musikszene selbst. Die US-amerikanische Band Deerhoof entschied sich, ihre Musik von Spotify zu entfernen. Als Gründe wurden unter anderem die Vergütungsmodelle sowie die gesellschaftlichen Auswirkungen großer Plattformen genannt. Auch andere Künstler:innen und Initiativen äußern regelmäßig Kritik an der Dominanz weniger Plattformen und deren Geschäftsmodellen.
In diesem Kontext werden auch von der Politik neue Vergütungsmodelle diskutiert. Das nutzerzentrierte Modell sieht zum Beispiel vor, dass die monatliche Gebühr eines Accounts ausschließlich an die tatsächlich gehörten Künstler:innen verteilt wird. Studien zeigen, dass ein solches Modell kleinere und mittlere Acts stärken könnte, auch wenn es bislang von den großen Plattformen nicht umgesetzt wird. In Deutschland und auf europäischer Ebene wird zunehmend über eine Reform der Streamingvergütung gesprochen. Vertreter:innen aus der Musikbranche fordern mehr Transparenz bei Empfehlungsalgorithmen und eine gerechtere Verteilung der Einnahmen. Berichte verweisen auf Gespräche zwischen Politik und Musikindustrie, in denen mögliche Anpassungen diskutiert wurden. Konkrete gesetzliche Veränderungen sind bislang jedoch begrenzt.
Neben ökonomischen Fragen verändert sich auch die kulturelle Bedeutung von Musik. Laut Analysen des Deutschlandfunk Kultur hat sich das Hörverhalten in den letzten Jahren stark verschoben. Musik wird zunehmend als jederzeit verfügbarer Datenstrom wahrgenommen. Der Besitz von Tonträgern verliert an Bedeutung, während algorithmisch generierte Vorschläge die Auswahl prägen. Diese Entwicklung führt zu einer Entkopplung von Musik und bewusster Entscheidung.

Musik als bewusste Entscheidung
Gleichzeitig entstehen Gegenbewegungen. Physische Tonträger erleben seit einigen Jahren eine erneute Nachfrage. Der Bundesverband Musikindustrie meldete für Deutschland im Jahr 2023 ein Umsatzwachstum im Vinylsegment von rund 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Vinyl macht damit weiterhin einen kleinen, aber wachsenden Teil des Gesamtmarktes aus. Der Kauf eines Albums ist dabei nicht nur eine ökonomische Entscheidung, sondern auch eine kulturelle Praxis, die auf Sammlung und bewusster Auswahl basiert.
Auch im digitalen Bereich gibt es Alternativen. Plattformen wie Bandcamp setzen stärker auf direkte Bezahlung und ermöglichen Künstler:innen, einen deutlich höheren Anteil der Einnahmen zu behalten. Während große Streamingdienste Einnahmen bündeln und verteilen, basiert Bandcamp auf Einzeltransaktionen. Diese Struktur verändert die Beziehung zwischen Publikum und Künstler:innen grundlegend.

Die Rückkehr des Unperfekten
Natürlich eröffnet KI auch neue kreative Möglichkeiten. Als Werkzeug eingesetzt, kann sie Prozesse beschleunigen, Barrieren senken und Experimente ermöglichen. Problematisch wird es dort, wo sie nicht ergänzt, sondern ersetzt und wo Transparenz fehlt. Wenn Hörer:innen nicht mehr wissen, ob sie einem Menschen oder einem System zuhören, geht Vertrauen verloren. Und mit ihm das, was Musik im Kern ausmacht: Beziehung.
Die aktuellen Entwicklungen zeigen eine grundlegende Transformation der Musikindustrie. Technologische Innovation, ökonomische Interessen und politische Rahmenbedingungen greifen ineinander. Streamingplattformen sind nicht mehr nur Distributionskanäle, sondern zentrale Akteure in einem globalen System der Datenökonomie.
Vielleicht ist die entscheidende Frage also nicht, ob KI Musik machen darf. Sondern, welche Art von Musikkultur wir fördern wollen. Eine, die auf Austausch und Ausdruck basiert oder eine, die unsere Playlists mit klanglicher Beliebigkeit füllt. In einer Zeit, in der alles generierbar scheint, könnte gerade das Unperfekte, Unökonomische oder Menschliche wieder zum eigentlichen Wert werden. Vorausgesetzt, wir hören noch hin.

Foto: Algorithmisch erzeugte Playlists prägen zunehmend die Musikauswahl © Pew Nguyen/pexels

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Alisa Guschker