Im Maschinenraum von Big Data: Im Gespräch mit Ingo Dachwitz (Autor), über den neuen digitalen Kolonialismus
Freier Datenfluss, umfassende Bildung, Demokratisierung der Gesellschaft – die Verheißungen des Internets haben sich nicht erfüllt. Das Netz ist
Freier Datenfluss, umfassende Bildung, Demokratisierung der Gesellschaft – die Verheißungen des Internets haben sich nicht erfüllt. Das Netz ist fast restlos okkupiert von den kommerziellen Interessen der Tech-Konzerne. Heute richtet sich die Gier der Anbieter und der sie fördernden Regierungen auf die KI und deren vermeintlich unbegrenzte Möglichkeiten. Die Utopie der Brave New Word könnte leicht zur Dystopie werden. Insbesondere angesichts derer, die im Maschinenraum von Big Data schuften – unter unsäglichen Bedingungen. Das Stichwort „digitaler Kolonialismus“ macht die Runde. Der Kommunikationswissenschaftler Ingo Dachwitz und der Rechtswissenschaftler Sven Hilbig, sind die Autoren eines 351-seitigen erhellenden Buchs zum Thema, das Dachwitz jetzt in der Uni Freiburg vorstellte. Stefan Tolksdorf traf ihn anschließend zum Gespräch.
Kultur Joker: Herr Dachwitz, Wie kamen Sie zu diesem Buch, etwa durch ein Schlüsselerlebnis?
Dachwitz: Seit einem Jahrzehnt beobachte ich als kritischer Tech-Journalist Macht und Machtmissbrauch der großen Tech-Konzerne. Mein Co-Autor Sven Hilbig, der für „Brot für die Welt“ arbeitet, sprach mich an, ob wir im Rahmen eines Buches nicht einmal die globale Perspektive beleuchten sollten. Seit vielen Jahren ist Hilbig mit Partnerorganisationen im Globalen Süden verbunden. Immer wieder wurde er von ihnen gedrängt: „bitte, setzt euch endlich kritisch mit den Auswirkungen der Digitalisierung auseinander!“
Kultur Joker: Warum sprechen Sie von „digitalem Kolonialismus“ und nicht einfach von Ausbeutung?
Dachwitz: Der Begriff „digitaler Kolonialismus“ kommt von Forscher:innen und Aktivist:innen aus dem Globalen Süden. In einem Brandbrief an Joe Biden sprachen kenianische Tech-Arbeiter:innen von moderner Sklaverei. Sie baten den damaligen US-Präsidenten darum, endlich für bessere Arbeitsbedingungen in den Tech-Konzernen zu sorgen. Er blieb allerdings ohne Konsequenzen. Der Begriff „Kolonialismus“ macht deutlich, dass es sich nicht um zufällige Ungleichheiten handelt, sondern um ein jahrhundertealtes globales Machtsystem..
Kultur Joker: „Kolonialismus“ wird üblicherweise durch vier Faktoren charakterisiert: Landnahme, Ausbeutung, Entrechtung der autochthonen Bevölkerung und Sklaverei Welche dieser Charakteristika treffen auf die von Ihnen beschriebene Entwicklung zu?
Dachwitz: Anstelle von Land wird heute der digitale Raum unter Kontrolle gebracht; statt Sklaven gibt es digitalisierte, unterbezahlte Arbeitskräfte, statt Rohstoffe wie Gold, Diamanten und Kautschuk sind heute Daten, seltene Metalle und digitale Infrastruktur Objekte der Aneignung. Eine Basis des Systems sind die sogenannten Geisterarbeiter, riesige Armeen outgesourcter Arbeitskräfte, die für das Funktionieren der Digitalisierung schuften. Sie bereiten etwa die Daten auf, mit denen KI-Modelle trainiert werden. Damit ChatGPT sicher ist, mussten beispielsweise Arbeiter:innen in Nairobi tausende Seiten Text mit gewalttätigen Inhalten lesen und klassifizieren. Moderator:innen wiederum müssen Inhalte auf Social-Media-Plattformen sichten, die gegen die Regeln verstoßen können. Täglich werden sie mit Unerträglichem in Text und Bild konfrontiert: Enthauptungen, Kindesmissbrauch, Folterszenen. Nach Schätzungen der Weltbank arbeiten bis zu 430 Millionen Menschen hinter den Kulissen der digitalen Welt, vor allem in Ländern wie Kenia, den Philippinen oder Indien. Sie arbeiten zu Minimallöhnen unter prekären Verhältnissen – ohne Rente, Arbeitsschutz und psychologische Unterstützung. Viele haben einen Hochschulabsschluss. Die Tech-Konzerne verdienen Milliarden an diesen Menschen; ihr Potential wird ihren Ländern entzogen.
Kultur Joker: Warum wird diese Basisarbeit an Outsourcing-Unternehmen auf der Südhalbkugel delegiert?
Dachwitz: Weil man sie billig und unsichtbar halten will. Das erinnert an koloniale Plantagenökonomien: Die Konsumenten sehen nur das fertige Produkt, nicht aber das Elend dahinter. Die beauftragten Firmen sitzen meist im Globalen Norden, sind inzwischen oft selbst Milliardenkonzerne und zahlen in den Ländern, wo sie Arbeiter:innen beschäftigen, meist kaum Steuern.
Kultur Joker: Digitaler Kolonialismus bedeutet aber auch die Ausbeutung von Wissensressourcen.
Dachwitz: Ja, das ist ein weiterer Aspekt: Online-Plattformen greifen etwa Daten über lokale Infrastruktur ab, die dann in Rechenzentren im Globalen Norden ausgewertet und monetarisiert werden. Es gibt beispielsweise eine große Bewegung, die Landwirtschaft zu digitalisieren, immer mit dem Versprechen, den Hunger zu besiegen. Wetter- und Anbau- und Erntedaten werden abgegriffen und an große Saatfirmen im Norden weiter geleitet, die dann Bewirtschaftungskonzepte anbieten, die allein den Bedürfnissen des Globalen Nordens dienen. Gewachsene Strukturen und indigenes Wissen werden bewusst ignoriert.
Kultur Joker: Die Tech-Giganten greifen auch nach dem physischen Raum. Nach Regionen, die früher mit dem Begriff „Terra nullius“ bezeichnet wurden: der offene Ozean, vereiste arktische Landmassen oder der Orbit. Können Sie beschreiben, wie diese Expansion sich politisch auswirkt?
Dachwitz: Es gibt tatsächlich unter Tech-Milliardären die Idee, Land im Globalen Süden aufzukaufen, um dort eigene autonome Firmenstaaten zu errichten. Und natürlich wird der Orbit okkupiert. Nehmen Sie zum Beispiel das Projekt „Starlink“. Seinem Betreiber Elon Musk gehören schon heute 60 Prozent aller Satelliten. Er verspricht, sich um die Abgehängten zu kümmern und das Internet an die entlegensten Orte zu tragen. Wer aber kann sich dort einen Starlink-Kit leisten? Nur die herrschenden Eliten. In der Praxis entstehen so enorme Abhängigkeiten. Das sieht man auch am Beispiel der Ukraine, die im russischen Angriffskrieg auf das Internet von Elon Musks Satelliten existenziell angewiesen ist. Dem Vernehmen nach setzt er das als Druckmittel ein.
Kultur Joker: Die Digitalisierung wird von den Anbietern immer noch als gewaltige Entwicklungschance gepriesen – insbesondere für den Globalen Süden. Ist das falsch?
Dachwitz: Nicht grundsätzlich. Aber sie wird häufig als Heilsversprechen verkauft, ohne die konkreten Machtverhältnisse zu thematisieren. Wenn ein Land nur Konsument fremder Plattformen ist, bleibt es abhängig. Wirkliche Entwicklung hieße: eigene Rechenzentren, eigene Software, eigene Standards. Datensouveränität.
Kultur Joker: Die materielle Seite der Digitalisierung nimmt in ihrem Buch großen Raum ein.
Dachwitz: Sicher. Jedes Smartphone enthält Rohstoffe wie Kobalt, Lithium oder Nickel. Ein großer Teil des Kobalts stammt aus dem Kongo, oft aus Minen mit katastrophalen Arbeitsbedingungen. Auch Kinderarbeit ist hier weiterhin ein Problem. Hinzu kommt der enorme Energieverbrauch von Rechenzentren. Für Cloud-Dienste und KI werden ganze Landschaften mit Serverfarmen überzogen. Enorme Mengen von Kühlwasser sind vonnöten, das von der lokalen Landwirtschaft abgezogen wird. Die ökologischen Folgelasten sind fatal.
Kultur Joker: Welche Verantwortung tragen die große Tech-Konzerne?
Dachwitz: Eine enorme. Sie bestimmen Standards, Arbeitsbedingungen und Geschäftsmodelle. Gleichzeitig präsentieren sie sich gern als moralische Akteure – mit hehren Klimazielen oder dem Versprechen, Menschen miteinander zu verbinden. Doch strukturell ändern sie wenig. Die meisten Länder bleiben Konsumenten fremder Technologien und produzieren keine eigenen. Sie sind abhängig von Plattformen, Cloud-Diensten, Softwarestandards und den Betreibern der großen Unterseekabel Das schwächt ihre politische und wirtschaftliche Souveränität.:
Kultur Joker: Digitaler Kolonialismus, das beschreiben sie in Ihrem Buch detailliert; entsteht im Zusammenspiel von Technologie, Kapital und Geopolitik. Welche Rolle spielt dabei Europa, der Kontinent, von dem der „alte“ Kolonialismus ausging und der vor dem Ersten Weltkrieg 84 Prozent der Landmasse der Erde vereinnahmte?
Dachwitz: Europa hat eine ambivalente Rolle. Auch europäische Firmen und Staaten profitieren von Ausbeutung, gerade im Rohstoffbereich und beim Outsourcing. Gleichzeitig steckt auch Europa in einer Abhängigkeit, derer sich viele lange nicht bewusst waren. Die USA und China dominieren die globale Tech-Landschaft. Die EU ist allerdings Vorreiter in Sachen digitaler Regulierung. Mit Gesetzen wie dem Digital Services Act oder dem AI Act versucht sie, ethische Maßstäbe zu setzen. Dieser Ansatz steht aber aktuell massiv unter Druck, sowohl von innen als auch von außen. Eine wichtige Maßnahme wie das Lieferkettengesetz wurde bereits ausgehöhlt, bevor es überhaupt Wirkung entfaltet..
Kultur Joker: Wie kann der Übermacht der Tech-Konzerne Einhalt geboten werden?
Dachwitz: Wir brauchen strengere Regeln für Datensammlung und -exporte, verbindliche Arbeitsrechte für digitale Plattformarbeit weltweit und eine faire Besteuerung von Tech-Konzernen. Vor allem: massive Investitionen in eigene lokale Technologieentwicklung. Auch Kartellrecht sollte eine Rolle spielen: Die großen Tech-Konzerne gehören zerschlagen.
Kultur Joker: Die weitere Ausweitung des digitalen Kolonialismus ist trotz der enormen Protektion der US-Regierung also nicht unausweichlich?
Dachwitz: Keineswegs. Aber wenn wir Digitalisierung weiterhin lediglich als technisches Projekt sehen, werden sich die Strategien der Ausbeutung verstärken. Wir müssen sie als politisches Projekt begreifen und selbst gestalten
Kultur Joker: In Ihrem Buch kommen auch zahlreiche Betroffene zu Wort. Waren Sie zu Recherchezwecken in Entwicklungsländern?
Dachwitz: Unsere Informanten und Gesprächspartner(innen) haben wir im Wesentlichen online getroffen. Wir konnten dabei auf unser großes zivilgesellschaftliches Netzwerk zurückgreifen Es ging uns weniger um Reportage, als um wissenschaftlich exakte Analyse.
Kultur Joker: Was ist die zentrale Erkenntnis ihrer Arbeit?
Dachwitz: Die Frage ist nicht, ob wir Technik nutzen – sondern in wessen Interesse. Wir hier in Europa sollten die Augen nicht vor der globalen Ausbeutung hinter der Digitalisierung verschließen, sondern solidarisch mit dem Globalen Süden an einer gerechteren Zukunft arbeiten.
Kultur Joker: Herr Dachwitz, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Bild: Ingo Dachwitz © Darja Preuss




