In mir toben Wirbelstürme: Im Gespräch mit der französischen Sängerin Zaz
Einige Songs aus ihrem Album „Sains et saufs“ präsentiert Zaz, die eigentlich Isabelle Geoffrey heißt, an einem ganz besonderen
Einige Songs aus ihrem Album „Sains et saufs“ präsentiert Zaz, die eigentlich Isabelle Geoffrey heißt, an einem ganz besonderen Ort: in der französischen Botschaft in Berlin. Die Sängerin hat nicht bloß auf der Bühne unheimlich viel Energie, auch am nächsten Tag sprudeln die Worte beim Interview mit Dagmar Leischow in einem Hotel in der Friedrichstraße förmlich aus ihr heraus. Dabei zeigen die Texte ihrer neuen Lieder, dass die extrovertierte Französin durchaus auch eine nachdenkliche Seite hat. Sie arbeitet persönliche Krisen auf oder beobachtet, woran unsere Gesellschaft krankt, während ihre Musik zwischen Pop, Folk und Chanson oszilliert.
Kultur Joker: Einer Ihrer Titel heißt „Un enfant pour toujours“, auf Deutsch: „Für immer ein Kind“. Richten Sie Zeilen wie „Ich muss mein Leben leben“ an Ihre Eltern?
Zaz: In meiner Familie sterben alle Erstgeborenen. Darum handelt diese Nummer vom sogenannten Ersatzkind-Syndrom. Sprich: Die Eltern haben nicht wirklich von ihrem verstorbenen Kind Abschied genommen, das lastet auf dem nachfolgenden Kind. Es lebt im Schatten einer oder eines Toten – als würde es sie beziehungsweise ihn ersetzen. Ich definiere „Un enfant pour toujours“ als Heilungslied, in dem jemand beschließt: Fortan lebe ich mein Leben und lasse dich gehen.
Kultur Joker: Haben Sie diesen Song also für sich geschrieben?
Zaz: Ich hatte nie das Gefühl, jemanden zu ersetzen. Von daher singe ich dieses Stück eigentlich nicht für mich, ich singe es für andere Personen in meiner Familie. Hoffentlich tut es vielen Menschen gut.
Kultur Joker: Hat Ihr Album „Sains et saufs“ denn ein Hauptthema?
Zaz: Es verhandelt ganz unterschiedliche Sujets. In erster Linie geht es aber darum, sich von jenen Dingen zu befreien, die in unserem eigenen Leben gar nicht wichtig sind. Zum Beispiel von etwas Generationsübergreifendem. Wobei natürlich auch Gutes von Generation zu Generation weitergegeben wird. Anderes engt einen dagegen ein. Vor allem wenn es durch unsere Abstammung bedingt ist – sei es gesellschaftlich oder familiär. Man muss nicht um jeden Preis die Träume erfüllen, die von außen auf einen projiziert werden.
Kultur Joker: In Ihrem Lied „Je pardonne“ geht es um Vergebung. Ist es Ihrer Ansicht nach eine unheimlich große Herausforderung, sich selbst oder anderen etwas zu verzeihen?
Zaz: Man kann nicht einfach mit dem Finger schnippen und sich sagen: Jetzt ist alles vergeben und vergessen. Das ist ein Prozess, der sich im Körper inkarnieren muss. Also ein Heilungsprozess. Ich bin an einen Punkt gekommen, an dem ich beschlossen habe: Ich will kein Opfer toxischer Verbindungen mehr sein. Wenn ich anderen dauernd etwas vorwerfe, mache ich mir bloß selbst das Leben schwer. Ich stehe unter ständiger Anspannung, ich bin wütend – das strengt mich total an.

Kultur Joker: Heißt das, Sie sind nun mit allen Menschen im Reinen?
Zaz: Ich versuche, mich nicht auf irgendwelche negative Gedankenspiralen einzulassen, weil das für mich befreiend ist. Aber gelingt mir das immer? Nein! Vielleicht habe ich einer Person schon etwas verziehen, bin aber in Bezug auf eine zweite erst auf dem Weg dorthin. Vollkommen lösen kann ich mich sowieso nicht von meiner Vergangenheit. Schließlich hat sie mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Natürlich muss ich auch mir selbst ein paar Dinge vergeben. Grundsätzlich stelle ich hohe Ansprüche an mich, das ist ziemlich anstrengend. Jetzt übe ich mich darin, mehr Verständnis und Toleranz für mich aufzubringen.
Kultur Joker: Ist es am schwierigsten, sich selbst etwas zu verzeihen?
Zaz: Meistens ist man mit sich strenger als mit seiner Umgebung. Wenn unsere Eltern oder die Gesellschaft uns nicht beigebracht haben, dass man sich auch mal irren und Fehler machen kann, aus denen man lernt, dann müssen wir uns eben eigene Vorbilder suchen. Leute, die uns berühren, inspirieren und verändern. Ich denke: Je mehr ich mich respektiere, desto mehr werde ich von meinen Mitmenschen wertgeschätzt.
Kultur Joker: Stichwort Veränderungen: Wie haben Sie sich weiterentwickelt?
Zaz: Heute trinke ich weder Alkohol noch Kaffee, ich esse kein Fleisch, ich rauche nicht mehr. Obwohl ich seit meinem 13. Lebensjahr Suchtprobleme hatte, weil ich in allem sehr extrem bin – sei es emotional oder in Bezug auf Genussmittel. Ich kann nicht bloß von Zeit zu Zeit ein Glas Alkohol trinken oder eine Zigarette rauchen, sondern habe mal eben drei Packungen weggequalmt. Während der Pandemie habe ich dann beschlossen, mit 40 meine Lebensgewohnheiten zu ändern. Das ziehe ich jetzt seit mehr als fünf Jahren konsequent durch und ich bin stolz darauf.
Kultur Joker: Wie geht es Ihnen damit?
Zaz: Es ist nicht so, dass ich alles, was ich früher getan habe, bereuen würde. Was ich durch den Alkohol verloren hatte, habe ich später potenziert wiedergewonnen. Nehmen wir zum Beispiel meine Sensibilität. In mir toben wegen meiner intensiven Empfindungen nach wie vor Wirbelstürme, doch ich kann mich wesentlich schneller wieder beruhigen. Denn ich habe mittlerweile ein starkes inneres Fundament, das meine Basis ist.
Kultur Joker: Wohlbefinden scheint für Sie ein wichtiger Aspekt zu sein, oder? Immerhin heißt Ihr Album „Sains et saufs“, „Heil und gesund“.
Zaz: Im Titelsong geht es um Freude, um Verständnis, um Aufklärung. Trotz all der Zwänge, die uns die Gesellschaft in puncto Verhalten auferlegt, gibt es doch irgendwo in uns noch unberührtes Terrain. Das gilt es zu nähren, damit man sich selbst treu bleiben kann.
Kultur Joker: Gelingt das denn ohne Weiteres?
Zaz: Natürlich ist es essentiell, Leute um sich zu haben, die einem guttun. Deswegen geht es im Lied „Sains et saufs“ auch um meinen Mann und mir nahestehende Menschen. Sie wollen mich nicht klein halten, im Gegenteil: Sie erheben mich.
Kultur Joker: Waren Sie immer diejenige, die zum Licht gestrebt ist?
Zaz: Wenn man jung ist, lässt man sich naturgemäß leicht beeinflussen. Obwohl ich Schwierigkeiten hatte, stillzusitzen und mich im Unterricht zu konzentrieren, sollte ich wie die anderen Kinder sein – ruhig und aufmerksam. Dauernd wurde ich infrage gestellt. Dabei sind nun einmal nicht alle Kinder gleich. Genauso wenig, wie alle Blumen blau sind. Wenn wir diese Vielfalt nicht hätten, wäre unsere Welt ziemlich trist.
Kultur Joker: Wann haben Sie das begriffen?
Zaz: Der Weg zu dieser Erkenntnis war lang. Als Heranwachsende habe ich mir selbst keinen Wert beigemessen, das war schrecklich. Ich musste erst lernen, mich zu lieben. Als ich jünger war, war ich mit einem älteren Jungen zusammen. Er hat mich schlecht behandelt und unterdrückt. Ich habe das zugelassen, weil ich mich nicht mochte. Ich glaube, man neigt dazu, sich mit Leuten zu umgeben, die einem das spiegeln, was man fühlt. Du musst dich dafür entscheiden, mit dir ins Reine zu kommen, dich zu akzeptieren und Grenzen zu setzen. Nur so entkommst du toxischen Beziehungen. Wer sich selbst nicht liebt, wird auch nicht von anderen geliebt.
Kultur Joker: Schockiert es Sie, mit welcher Härte jemand wie Präsident Trump gegen diejenigen vorgeht, die ihm nicht genehm sind?
Zaz: Mich erschreckt vieles. Zum Beispiel, was mit den Frauen im Iran passiert. Ich will mich jedoch nicht in meiner Angst verlieren. Wenn es mir nicht gut geht, werde ich handlungsunfähig. Damit ist keinem gedient. Obwohl mir durchaus bewusst ist, was um mich herum passiert, versuche ich, den Fokus auf jene Dinge zu legen, die für mich eine Wohltat sind. Humanismus reflektiert nämlich das Individuum. Um Frieden und mehr Menschlichkeit zu garantieren, müssen wir uns alle sowohl um uns selbst als auch um das Gemeinwohl kümmern.
Kultur Joker: Sollte jede beziehungsweise jeder Einzelne etwas für die Gemeinschaft tun?
Zaz: Wir haben nicht alle jederzeit den gleichen Elan, das sollte man akzeptieren. Es gibt Momente, in denen man die Energie hat, etwas zu machen. In anderen Situationen geht es vielleicht gerade nicht. Wenn du dich innerlich schwach und zerbrechlich fühlst, kannst du deiner Umgebung nicht helfen. Wer an sich arbeitet, kann sich nicht auch noch aktiv mit der Außenwelt befassen. Grundsätzlich gibt es aber verschiedene Möglichkeiten, sich zu engagieren – egal, ob im Licht oder im Schatten, in der Familie oder für eine Organisation. Dennoch kann es sein, dass eine Spende irgendwo versandet. Sie kommt nie bei den Betroffenen an. Man weiß überhaupt nicht, was mit dem Geld eigentlich passiert ist. Das finde ich schlimm!
Kultur Joker: Denken Sie in so einem Augenblick: „Mein Gott?“ Analysiert Ihr Lied „Mon Dieu“, was auf der Erde schiefläuft?
Zaz: Es beschäftigt sich in der Tat mit dem gegenwärtigen Zustand der Welt. Einige stellen sich Gott als einen guten Mann vor. Für mich hingegen ist Gott eine Energie, das Leben. Man kann ihn nicht für die Missstände auf diesem Planeten verantwortlich machen, Schuld sind die Menschen. Wer die Erde und das Lebendige wertschätzt, hält Menschlichkeit hoch. Wenn wir dagegen Pestizide einsetzen, schaden wir uns selbst. Wir zerstören die Meere, weiße Nashörner drohen auszusterben. Über diese Fehlentwicklung ärgere ich mich wirklich. Warum sind wir nicht in der Lage, uns um das zu kümmern, was uns die Natur schenkt?
Kultur Joker: Nehmen Sie mit dem Stück „Le bleu“ Bezug auf den russischen Angriffskrieg in der Ukraine?
Zaz: Nein. Ich halte fest, dass wir noch nicht in einem Land leben, in dem es Krieg gibt. Wir sollten uns unseren inneren Frieden bewahren sowie unser Leben in dieser Welt voll auskosten. Denn wir haben eigentlich alles, um das Paradies auf Erden zu erschaffen. Dieser Song steckt voller Hoffnung und ist zugleich irgendwie schrecklich. Einfach weil man in dem Moment, in dem man sein Glück genießt, Gefahr läuft, es wieder zu verlieren.
Kultur Joker: Vielen Dank für das Gespräch!
Zaz tritt 21. April, 20 Uhr, in The Hall in Dübendorf auf. Weitere Infos: www.thehall.ch
Bild: Zaz © Jan Welters



